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Porträt

Ursula Biondi lebt heute in einer schmucken Wohnung am Zürichberg mit Blick auf den See. Trotzdem holen sie gelegentlich die Erinnerungen an Hindelbank ein. Bild: SB

Kampf gegen das System – und die Seelenminen

Von: Sacha Beuth

16. August 2018

Weil sie mit 17 schwanger war und unverheiratet, wurde Ursula Biondi in der Strafanstalt Hindelbank «administrativ versorgt». Heute setzt sich die 68-Jährige dafür ein, dass das an ihr und tausenden anderen begangene Unrecht von den Behörden aufgearbeitet und anerkannt wird.

«Das schlimmste Erlebnis?» Ursula Biondis ansonsten feste Stimme wird auf einmal brüchig: «Das war, als ich bei einem Kontrollgang im Auftrag des Gefängnisdirektors in einer Zelle eine Frau vorfand, die sich die Pulsadern aufgeschnitten hatte. Sie lag da auf ihrem Bett, in ihrem Blut und Urin und auf dem Boden eine riesige Blutlache. Ich alarmierte zwar sofort das Wachpersonal, aber es war schon zu spät. Bevor sie dahinschied, entschuldigte sie sich noch bei mir, dass ich so etwas miterleben musste.» Biondi kann nur mühsam die Tränen unterdrücken. «Als dann der Gefängnisdirektor kam, zuckte er nur mit den Schultern und sagte zu mir, das komme halt vor und ich solle das einfach vergessen. Ich dachte dann: Mir recht, ich will mich sowieso nicht um die ganze Sauerei kümmern. Da fühlte ich, wie mein ungeborener Sohn in meinem Körper um sich trat, und da wurde mir auf einen Schlag bewusst, wie menschenverachtend sich nicht nur der Direktor, sondern auch ich mich verhalten hatte. Ich war total schockiert, musste mich setzen und habe sicher zehn Minuten geheult, bis ich mich wieder gefangen hatte.»

Eltern sind überfordert

Gerade mal 17 war Ursula Biondi damals. Und nicht etwa wegen eines Verbrechens in Hindelbank, sondern zu «Erziehungszwecken». «Ich stamme aus schwierigen Familienverhältnissen. Mein Vater war ein einfacher Arbeiter italienischer Herkunft, der Angst hatte, eines Tages aus der Schweiz ausgewiesen zu werden. Diese Situation sowie meine freiheitsliebende, hinterfragende Haltung führten zu grossen Spannungen und dazu, dass mein Vater nicht nur meine Mutter, sondern auch mich schlug.» Als Ursula nach einem Welschlandjahr mit 16 Jahren von einem sieben Jahre älteren und geschiedenen Mann schwanger wird, diesen aber wegen dessen Heiratsverbots nicht ehelichen kann, sind ihre Eltern vollends überfordert. Sie empfinden die uneheliche Schwangerschaft ihrer Tochter als Schande und wenden sich Hilfe suchend an die Vormundschaftsbehörde. Diese veranlasst mit Einverständnis der Eltern, dass Ursula «zu ihrem eigenen Schutz und dem des ungeborenen Kindes» in ein «geeignetes Erziehungsheim» eingewiesen wird. Was die Eltern zuerst nicht wissen. Beim sogenannten Erziehungsheim handelt es sich um die administrative Abteilung der Strafanstalt Hindelbank im Kanton Bern. «Ich kam in den Knast, obwohl ich keine Straftat begangen hatte, sondern lediglich als Unverheiratete ein Kind erwartete.» Zwar sind Biondi und die anderen «administrativ Verwahrten», wie sie im Beamtendeutsch genannt werden, von den Straftäterinnen durch einen Flur getrennt, und sie tragen auch eine braune Anstalts- statt einer blauen Häftlingskleidung. Ansonsten ist ihr Alltag jedoch nahezu identisch. «Meinen Eltern wurde gesagt, dass ich dort eine Haushaltslehre mit Säuglingspflege machen könnte. Stattdessen leistete ich täglich bis zu zehn Stunden Frondienst in der Gefängniswäscherei oder knüpfte Teppiche für 50 Rappen pro Tag. Und bis auf die Arbeits- und Essenszeiten sowie die einstündigen Hofrundgänge mit den Verurteilten war ich ohne Kontaktmöglichkeit und wurde von 18.30 Uhr abends bis morgens um 6.30 Uhr in eine kleine Zelle von knapp acht Quadratmetern weggesperrt.» Kein Fernseher, nur einmal Radio die Woche, und zum Lesen gibt es nur Bücher, die die Gefängnisleitung erlaubt. «Und dafür zahlten meine Eltern insgesamt auch noch fast 7000 Franken ‹Pflegekosten›.» Ihre Mutter darf sie erst zwei Monate nach der Einweisung besuchen. «Damit ich weniger Probleme mit der Eingewöhnung hätte.»

Informatik bringt Wende

Nach der Geburt ihres Sohnes wird Ursula Biondi vorübergehend auch noch das Kind weggenommen, und es soll zur Adoption freigegeben werden. «Ich hatte gehofft, dass mich der Vater meines Kindes irgendwie aus dieser Hölle herausholen würde. Doch nichts geschah. Er hat mich nicht ein einziges Mal besucht.» Die Perspektivlosigkeit bringt die junge Zürcherin beinahe um den Verstand und nahe an einen Selbstmord. Doch sie weckt in ihr auch die Kampfeslust. Sie erreicht, dass man ihr das Kind zurückgibt und sie es eigenständig in Hindelbank betreuen darf. Nach einem Jahr und einer Woche wird sie am 1. Mai 1968 aus der Verwahrung entlassen und beginnt kurz darauf eine beispiellose berufliche Karriere. Über ihren nächsten Partner lernt sie den Informatikbereich kennen und arbeitet sich bis zur Chef-Kursleiterin für EDV bei einer UNO-Organisation hoch. Von 2000 bis 2003 erwirbt sie über ein Spätstudium die Diplome zur Fachberaterin für ganzheitliche Psychologie und als Ernährungsberaterin. Daneben engagiert sie sich auch im sozialen Bereich, betreut in den 80er-Jahren als Assistenztrainingsleiterin Behindertensportler beim Schwimmen und arbeitet als Freiwillige in den 90ern für sozial benachteiligte Menschen bei der Amtsvormundschaft Zürich. Privat läuft es ebenfalls. Biondi heiratet, bekommt eine Tochter und lässt sogar ihre Eltern am Leben ihrer Kinder teilhaben.

Vom Thema «administrativ versorgte Personen» lässt sie lange Zeit die Finger. Zu tief sind die Wunden. «Es gab immer wieder Situationen, die Flashbacks hervorriefen. Sah ich etwa blutige Szenen im TV, Kleidung, die mich an die Gefängniskluft erinnerte, oder hörte ich Säuglingsweinen, kam alles wieder hoch. Ich nenne dies Seelenminen, weil sie im Verborgenen liegen und man jederzeit auf sie treten kann. Und wie Minenopfer werde ich bis zu meinem Ende damit zu leben haben.» Das bessert sich erst, als ihr ihr Psychiater im Jahr 2000 rät, als therapeutische Massnahme ihre Geschichte niederzuschreiben. «Das habe ich dann auch gemacht, und es hat sehr geholfen. Seither treten die Seelenminen seltener auf.» Als 2002 «Geboren in Zürich – eine Lebensgeschichte» (siehe Box) erscheint, interessieren sich plötzlich auch die Medien für Biondis Geschichte und das Thema als Ganzes. Das wiederum hat zur Folge, dass weitere Betroffene sich getrauen, mit ihren Erlebnissen an die Öffentlichkeit gehen. Doch Biondis Biografie löst auch negative Reaktionen aus. «Es gab Leute, die mich allen Ernstes fragten, warum ich jetzt meine Lebensgeschichte veröffentlichen musste, wo ich doch so viel erreicht hätte.» Ein Satz, den Biondi heute noch zur Weissglut treiben kann. «Ja, ich konnte mir eine gesicherte Existenz aufbauen. Und ja, mein Leben ist heute glücklich. Aber einerseits ist es hart erarbeitetes Glück. Und andererseits hat das Buch offenbar auch auf andere befreiend gewirkt, die Ähnliches durchmachen mussten.»

Biondi ist nun bereit, den Kampf gegen das System aufzunehmen und Gerechtigkeit für das erstandene Leid zu verlangen. In zahlreichen Vorlesungen und Medienauftritten versucht sie auf die Thematik aufmerksam zu machen. 2008 initiiert sie die Anlaufstelle «Administrativ Versorgte 1942–1981». 2010 setzt sie sich als Mitbegründerin der IG «Administrativ Versorgte» für deren Rehabilitierung ein (Die IG wird ein Jahr später durch den Verein «Ravia 1942–1983» abgelöst). Der Einsatz macht sich bezahlt. Endlich findet auch auf politischer und gesellschaftlicher Ebene ein Umdenken statt. Am 10. September 2010 entschuldigt sich Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf bei den Betroffenen, am 11. April 2013 Bundesrätin Simonetta Sommaruga bei allen Opfern fürsorgerischer Zwangsmassnahmen und beruft dazu einen runden Tisch mit Behörden- und Betroffenenvertretern ein. Eine unabhängige Expertenkommission wird 2015 ins Leben gerufen, welche die Angelegenheit aufarbeiten soll. Am 1. August 2014 tritt das Bundesgesetz über die Rehabilitierung der administrativ versorgten Menschen bis 1981 in Kraft. Und 2016 beschliessen Bund und Parlament, dass Betroffene bis zu 25 000 Franken Entschädigung für das begangene Unrecht zugute haben.

Weg von der Opferrolle

Das alles klingt nach einem Happy End, zumal Biondi für ihr Engagement auch noch persönliche Anerkennung in Form des Prix Courage, des Anna-Göldi-Menschenrechtspreises und eines Ehrendoktortitels der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Freiburg zuteilwird. Doch die blonde Zürcherin sieht das Ganze erst als Etappensieg. Es gebe noch viel zu tun. Angefangen beim Begriff «administrativ Versorgte». «Dieser erweckt einen völlig falschen Anschein. Er impliziert, dass es sich dabei um liederliche, asoziale und arbeitsscheue Kinder und Jugendliche handelte, die man zu ihrem Schutz und Wohl in ein Erziehungsheim eingewiesen hatte. Das unsägliche Leid wird so abgeschwächt. Treffender wäre der Begriff ‹Ehemalige Behördenopfer im Schutzalter›. Dann wird der Fokus auf den Täter gelegt.» Zudem habe sie bei ihren Gesprächen am runden Tisch feststellen müssen, dass bei den Behörden die Sorge um den Täterschutz grösser gewesen sei als die Sorge um die Opfer, die weiterhin in prekären Situationen leben müssten. «Wobei auch hier das Wort Opfer nicht verwendet werden sollte, sondern das Wort Betroffene. Genau von dieser Opferrolle wollen viele von uns weg. Wir wollen uns nicht mehr stigmatisieren lassen. Aber die Missstände müssen aufgedeckt werden. Es muss über die Willkür gesprochen werden, über die Doppelmoral. Wie es möglich war, dass junge Frauen aus bescheidenen finanziellen Familienverhältnissen auf Geheiss des Staates eingesperrt und ‹umerzogen› werden konnten, während man zugleich die ausserehelichen Affären und deren Resultate bei besser situierten Personen tolerierte. Was ich und andere erlebten, war ein perfides gesellschaftliches Aussortierungssystem.» Das habe sich zum Glück verändert. «Heute ist es ganz normal, eine gleichgeschlechtliche Beziehung öffentlich zu zelebrieren, im Konkubinat zu leben oder ohne den Vater allein ein Kind grosszuziehen – und zwar völlig unabhängig davon, ob man reich oder arm ist.» Um einen Rückfall in dunkle Zeiten zu verhindern, müssten diese Errungenschaften darum kommenden Generationen immer wieder bewusst gemacht werden. Ursula Biondis Kampf ist noch nicht zu Ende.

 

«Geboren in Zürich»

Im Jahr 2002 veröffentlichte Ursula Biondi das Buch «Geboren in Zürich – eine Lebensgeschichte», in der die Zürcherin ihr Leben schildert. Erschienen ist die Biografie im Cornelia-Goethe-Literaturverlag Frankfurt (ISBN 3-8267-5430-1). Weitere Infos zur Person unter www.umueller.ch

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Leserkommentare

Beat Kreienbühl - Was Ursula Biondi erlebte, betreffend Strafanstalt- Frauengefängnis Hindelbank, war reine Staatswillkür. Ich kenne Ursula Biondi persönlich. Ich habe an Ihrer Seite mitgekämfpt, besonders für die Volks-Initiative : "Wiedergutmachung". Seit Nov.
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Vor 10 Monaten 2 Wochen  · 
Noch nicht bewertet.

Eveline Suran - Die traurige Vergangenheit kann ich gut mitfühlen von Ursual Biondi! Ich war als 15 einhalb jähriges Mädchen von 1972 bis 1974 auch in Hindelbank..es war die hölle für mich und viellen anderen. Man kanns verdrängen , aber nie vergessen.

Vor 10 Monaten 1 Woche  · 
Noch nicht bewertet.