mobile Navigation

Porträt

Karriere hinter Gittern: Vom Aufseher zum Direktor

Von: Ginger Hebel

21. Februar 2017

Hochzeiten, Ausbrüche, Fehltritte. Markus Epple erlebte im Knast alles. Als Direktor der Untersuchungsgefängnisse Zürich muss er viel Kritik einstecken. Im Sommer tritt er nach 38 Dienstjahren in den Ruhestand. Der 64-Jährige über den Fall Angela Magdici und Kuscheljustiz.

Menschen, sagt Markus Epple, müsse man mögen, nicht hassen, wenn man in diesem Beruf arbeiten wolle. Als Direktor der Untersuchungsgefängnisse Zürich wird er immer mal wieder zur Zielscheibe der Kritik. Zuletzt im Fall der Aufseherin Angela Magdici, die ihren Geliebten – den syrischen Häftling Hassan Kiko – aus der Zelle des Gefängnisses Limmattal befreite und mit ihm flüchtete. Für ihre Tat kassierte sie 15 Monate bedingt. Solch ein Verhalten sei nicht entschuldbar. «Es gibt keine Liebe, die so gross sein kann. Ein Aufseher, der seine Sache ernst nimmt, tut so etwas nicht», sagt Markus Epple. Er empfindet es als ungerecht, dass wegen einer einzelnen Person ein ganzer Berufsstand öffentlich in Kritik geriet. «Mir hat am meisten das Personal leidgetan, das mit viel Fingerspitzengefühl an der Front arbeitet.» Dass man die Ausbrecher-Affäre ins Lächerliche zog und mit «Bonnie and Clyde» verglich, regte ihn, der meist Ruhe bewahrt, masslos auf.

Im Knast badete er das Baby

Markus Epple verbrachte den Grossteil seines Lebens freiwillig hinter Gittern. Er war Aufseher und 26 Jahre lang Gefängnisleiter. Heute ist der 64-Jährige Direktor der Untersuchungsgefängnisse Zürich, wo er die Gefängnisse Dielsdorf, Limmattal, Pfäffikon, Winterthur und Zürich mit ihren total 413 Plätzen betreut. Im Gefängnis hat er Höhen und Tiefen erlebt und berührende Ereignisse wie eine Geburt in der Zelle. «Ich habe das Neugeborene gebadet.» Auch Hochzeiten gibt es im Knast. Das Grundrecht auf Ehe und Familie gilt für alle, auch für Häftlinge. «Aber Champagner gibt es keinen, nur Rimuss.»

Der gelernte Maschinenschlosser startete seine Gefängnis-Laufbahn, damals 27-jährig, in Pfäffikon. «Ein Gefängnis spiegelt das Leben wider. Das reizte mich.» Rückblickend betrachtet, sei er damals jedoch zu jung gewesen. «Ein Aufseher sollte mindestens 30 Jahre alt oder gern auch älter sein. Für diesen Job braucht es Lebenserfahrung.» Ein gefestigter Charakter ist wichtig, um mit den Insassen umgehen zu können, mit ihrer Verzweiflung und ihrer Wut. «Der psychische Druck ist enorm», sagt Epple. Wer älter sei, würde zudem von ausländischen Häftlingen besser akzeptiert. Frauen hätten es in dieser Hinsicht eher schwer. Auch Epple hielt von weiblichen Aufseherinnen früher wenig. «Ich war ein totaler Hardliner.» Doch er hat seine Meinung revidiert. «Frauen bringen Ruhe in den Betrieb.»

1994 wechselte er als Gefängnisleiter nach Dielsdorf. Er plante den Erweiterungsbau mit und sorgte dafür, dass sich männliche und weibliche Inhaftierte nie zu Gesicht bekamen, «sonst hätten wir noch mehr Mutter-Kind-Abteilungen bauen müssen». Später leitete er während sieben Jahren das Untersuchungsgefängnis Zürich; ein Grossbetrieb mit mehr Personal und mehr Hektik. Er schloss die Häftlinge ein und blieb auch dann standhaft, wenn sie – vom Haftkoller geplagt – in ihren Zellen schrien und randalierten. Mitleid? «Nein», erwidert Epple. «Wir haben sie ja nicht verhaftet. Wir sind nicht verantwortlich, dass sie hier sind. Aber wir sind verantwortlich dafür, dass sie es in der Untersuchungshaft so gut haben, dass faire Einvernahmen möglich sind.» Er bemühte sich, alle mit Anstand und Respekt zu behandeln. Die Häftlinge verurteilte er nie für ihre Tat, die sie vielleicht begangen haben. «In der Untersuchungshaft gilt die Unschuldsvermutung. Ich bin kein Richter.»

Ausbruchswelle in den 90ern

Früher, resümiert Markus Epple, seien die Haftanstalten weniger sicher gewesen. In den 90ern erlebte er eine regelrechte Ausbruchswelle. «Wir hatten damals Villa Durchzug. Es blieb kaum ein Betrieb verschont.» Daraufhin investierte man in die Technik sowie in moderne Überwachungs- und Schliesssysteme. «Früher lohnte sich die Flucht, weil man in anderen Ländern Unterschlupf finden konnte. Mit den Interpol-Ausschreibungen ist das heute nicht mehr der Fall. Früher oder später wird jeder verhaftet.» Er erinnert sich an die wilden Achtziger, als ein einziger Aufseher mit 25 Insassen allein im Hof spazieren ging. An eine mögliche Geiselnahme dachte damals noch keiner. Heute ist der Gefängnisalltag strukturiert. Die Insassen gehen spazieren, arbeiten, empfangen Besuch von der Familie, vom Anwalt und Seelsorger. Auch im Gefängnis gibt es eine Normalität. Sie lässt die Menschen ruhiger werden.

Jeder Strafgefangene hat einen TV in der Zelle. Ein Fernseher sei wichtig für den Kontakt zur Aussenwelt. Von Kuscheljustiz will Markus Epple nichts wissen. «Es ist unsere Pflicht, dafür zu sorgen, dass Häftlinge nach abgesessener Strafe wieder in die Gesellschaft eingeführt werden können. Oder wollen Sie jemanden, der zehn Jahre lang komplett abgekapselt war, als Nachbarn?»

Suizid in der Zelle

Markus Epple wusste nie, was ihn hinter den Gefängnismauern erwartete. «Ich fragte mich immer, habe ich alles gemacht? Habe ich nichts übersehen?» Trotz strengen Sicherheitsmassnahmen kommt es immer wieder vor, dass sich Häftlinge in der Zelle strangulieren. «Niemand will einen Suizid. Aber wir hätten keinen verhindern können», ist er überzeugt. «Es ist enorm schwierig, einen Menschen, der sich wirklich das Leben nehmen will, daran zu hindern.» Im Bereich Krisenintervention werden aktuell neue Wege bestritten. Durch den gezielten Einsatz von medizinisch geschultem Personal soll die Entwicklung von gefährdeten Personen künftig besser überwacht werden.

Markus Epple machte immer alles mit sich selber aus. «Der Mensch ist dafür gemacht, sich zu regenerieren.» Er sprach nie viel über seine Arbeit, weder mit seiner Frau noch mit seinen Kollegen. Er spricht generell nicht gern über Privates, «ich war nie der grosse Erzähler». Aber ein Boxer. «Boxen ist eine gute Lebensschule. Man lernt auszuhalten und sich durchzubeissen.»

Vom Gefängnis ins Glasbüro

Er sitzt in seinem verglasten Chef-Büro im Amt für Justizvollzug in Altstetten – weg vom Leben hinter Gittern. Je höher die Position, desto mehr entfernt man sich von der Front. Anfangs bereitete ihm diese Umstellung Mühe. «Ich sass am Schreibtisch, darauf ein Stapel Papier, und dachte mir, was soll ich hier?» Als Direktor hält er die Fäden in der Hand und trifft wichtige Entscheidungen. Nach 38 Dienstjahren tritt er Ende Juni in den Ruhestand. Bis Ende Jahr wird er seinem Nachfolger, Roland Zurkirchen, beratend zur Seite stehen. Der 50-Jährige leitete in den vergangenen vier Jahren das Gefängnis Limmattal.

Wird ihm das Loslassen schwerfallen? «Noch verdränge ich es», sagt Markus Epple. Ist er zufrieden mit der getanen Arbeit? «Justizvollzug ist ein riesiges Gebiet. Es ist oft ein schmaler Grat zwischen richtig und falsch. Aber ich habe immer alles gut machen wollen. Es gab keinen Platz für Seich.»

zurück zu Porträt

Artikel bewerten

Gefällt mir 1 ·  
1.0 von 5

Leserkommentare

Keine Kommentare