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Porträt

2016 transplantierte Herzchirurg Michael Hübler im Kinderspital Zürich einem drei Wochen alten Mädchen ein Spenderherz, zum ersten Mal in der Schweiz. Bilder: Nicolas Y. Aebi

Mit Herzblut im Einsatz für herzkranke Kinder

Von: Ginger Hebel

02. Mai 2018

Herzchirurg Michael Hübler hat bereits über 6000 Kinderherzen operiert. Am Kinderspital Zürich behandelt er Babys, oft erst wenige Tage alt. Er gehört zu den wenigen Ärzten in Europa, die sich auf Präzisionseingriffe spezialisiert haben. Das Kispi feiert aktuell sein 150-Jahr-Jubiläum mit verschiedenen Aktivitäten.

Das Herz, es schlägt kräftig. Unermüdlich sichert es die Versorgung aller Organe. «So funktionell es auch ist, ich mag die Eleganz der Herzklappen, die filigranen Herzkranzgefässe», sagt Chefarzt Michael Hübler. Er sitzt in seinem Büro in der Kinderherzchirurgie. In den Regalen Teddybären und Dankeskarten von Eltern, deren Kindern er ein zweites Leben schenkte.

Der 55-jährige Deutsche trat im Sommer 2012 die Nachfolge von René Prêtre an, der die Kinderherzchirurgie am Kinderspital Zürich eingeführt hatte. Michael Hübler operiert Babys, oft erst wenige Tage alt, mit Löchern im Herzen oder mit nur einer Herzhälfte, Kinder, die ohne Operation nicht überleben würden. «Herzoperationen bei Kleinkindern sind technisch sehr aufwendig, weil es darum geht, winzige Gefässe an die richtige Stelle anzunähen, da muss jeder Handgriff sitzen.»

Hübler gehört zu den wenigen Ärzten in Europa, die sich auf solche Präzisionseingriffe spezialisiert haben. Auch hat er sich einen Namen mit der sogenannten Aortic Translocation gemacht, dem Anschliessen der falsch platzierten Hauptschlagader am richtigen Ort im Herzen. Vor einer Operation schliesst er die Augen, geht gedanklich jeden Schritt durch. Manchmal hört er klassische Musik, sie schärft seine Konzentration. Er spielte in Streichquartetten Geige, als noch Zeit dafür blieb. «Ich habe das Glück, dass ich in stressigen Situationen ruhig werde, sonst könnte ich diesen Job nicht machen.»

Pro Jahr operiert er 200 bis 250 herzkranke Kinder sowie 50 Erwachsene mit angeborenem Herzfehler am Zürcher Unispital. «Nur die Erfahrung», sagt Hübler, «gibt Sicherheit. Mittlerweile habe ich über 6000 Kinderherzen operiert.» Die Herzmedizin habe in den letzten Jahren grosse Fortschritte gemacht. «Die Überlebenschancen sind dank verbesserter chirurgischer Technik viel höher. Über 90 Prozent der Kinder mit angeborenem Herzfehler werden heute erwachsen», sagt Hübler. Zudem liessen sich viele Herzfehlbildungen bereits im Mutterleib erkennen, daher seien Vorsorgeuntersuchungen so wichtig.

Ruhe im OP-Saal

«Ich mag es, wenn es ruhig ist im OP-Saal, wenn man nicht so viel reden muss», sagt Michael Hübler. Sein Team weiss, wie er tickt, welche Fäden er für die Operation verwendet, wie er die Nadeln im Nadelhalter einspannt, «das Feintuning ist entscheidend».

2016 transplantierte er im Kinderspital Zürich einem drei Wochen alten Mädchen ein Spenderherz, zum ersten Mal in der Schweiz. Es ist ein weiterer Meilenstein in seiner Karriere, denn er konnte zeigen, dass Transplantationen auch bei Neugeborenen sehr gut möglich sind. Kürzlich hat er die Eltern und das Mädchen wiedergetroffen, «es geht ihm gut, das freut mich sehr». Es berührt ihn im Herzen, wenn er sieht, wie gut sich seine ehemaligen Patienten entwickeln. «Gefühle entstehen im Gehirn. Aber ich bin sicher, Herz und Hirn hängen zusammen», sagt Hübler. Er hat selber schon erlebt, wie Menschen durch einen schweren Schicksalsschlag akute Herzprobleme erlitten, die keine organische Ursache hatten. «Es existieren Nervenleitungen, die sich aufs Herz auswirken», so Hübler. Dies sei manchmal der Grund, warum ein transplantiertes Herz anders auf Emotionen und Belastungen reagiere als ein innerviertes Herz.

Keine Götter in Weiss

Michael Hübler trägt viel Verantwortung. Wenn ein Kind stirbt, muss er den Eltern in die Augen sehen. «Wir Ärzte sind keine Götter in Weiss. Ich will meinen Patienten auf Augenhöhe begegnen und ihre Gefühle ernst nehmen.» Er würde sich auch die Freiheit nehmen, eine Operation abzusagen, wenn er sich zu müde oder kränklich fühlen würde. Vorgekommen sei das hier noch nie, jedoch in Berlin, wo er fünf Jahre als stellvertretender Klinikdirektor am Deutschen Herzzentrum tätig war. «Das Operationsprogramm war sehr voll, der Zeitdruck viel grösser als in der Schweiz», resümiert er.

Seine Frau, ebenfalls Herzchirurgin, lernte er quasi am OP-Tisch kennen. Als das Stellenangebot aus Zürich kam, gingen sie davon aus, dass sie beide hier ihrem Beruf nachgehen könnten, «doch ein Chirurgenpaar wollte man am Kinderspital nicht haben», so Hübler. Er gibt alles für seine Patienten, definiert sich über seinen Beruf. «Als Chirurg muss man einen gewissen Grad an Perfektionismus haben, um Karriere zu machen», ist er überzeugt. Er sei schon immer einer gewesen, der sich nie mit Erreichtem zufriedengegeben habe, sondern stets versucht habe, noch besser zu werden. Schon als Kind verfügte er über manuelles Geschick und eiferte seinem Vater nach, der als Maurer arbeitete und später als Architekt. «Ich bewunderte ihn dafür, was er mit seinen Händen erschaffen konnte.»

Michael Hübler engagiert sich auch in der Forschung. «Die Spendersituation in der Schweiz ist dramatisch, deshalb braucht es Ersatzlösungen.» Aktuell erforschen sie neuartige Materialien für Kunstherzen und beschäftigen sich mit regenerativer Medizin. «Im Labor bearbeitetes menschliches Gewebe wird hoffentlich die Kraft haben, im Körper mitzuwachsen», sagt Hübler. Er forscht mit Herzblut, damit künftig möglichst viele herzkranke Patienten davon profitieren können.

Infobox

1868 legte der Zürcher Arzt Conrad Cramer mit einer Spende den Grundstein für das heutige Kinderspital Zürich, um der damals sehr hohen Kindersterblichkeit entgegenzuwirken. Er gründete die Eleonorenstiftung zu Ehren seiner früh verstorbenen Frau Maria Eleonora. Die Stiftung ist noch heute Trägerin des Spitals. In gewissen Bereichen könnte der Unterschied zwischen damals und heute nicht grösser sein: Ehemalige «Wärterinnen» sind heute spezialisierte Pflegeexpertinnen. Zudem ist das Kispi heute ein Familienspital. Vor nicht einmal 50 Jahren sah dies noch anders aus: Die Krankenschwestern galten als Ersatzmütter für ihre Patienten, und die Eltern durften ihre Kinder nur zweimal wöchentlich für wenige Stunden besuchen. Heute werden neben den kleinen Patienten auch deren Familien mitbetreut.

Das Kinderspital Zürich zählt  zu einem der führenden Zentren der Kinder- und Jugendmedizin in Europa. Jährlich werden hier rund 100 000 Patientinnen und Patienten behandelt. Dank der eigenen Forschungsabteilung kann verunfallten und schwer kranken Kindern mit modernsten Therapien geholfen werden. Anlässlich des 150-Jahr-Jubiläums organisiert das Spital verschiedene Veranstaltungen für die Öffentlichkeit.

Diesen Samstag, am 5. Mai, findet von 10 bis 16 Uhr ein Tag der offenen Tür im Kinderherzzentrum statt. Interessierte dürfen hinter die Kulissen blicken und erfahren von Experten vor Ort, wie herzkranke Kinder operiert und behandelt werden. Höhepunkte sind ein übergrosses, begehbares Herz, der Blick in den Operationssaal und das Herzkatheterlabor. Es stehen keine Parkplätze für Besucher zur Verfügung.

Empfohlen wird die Anreise per ÖV ins Kinderspital, Steinwiesstrase 75, 8032 Zürich.

Weitere Informationen: www.kispi-150.ch

 

 

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