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Porträt

Pfenninger Schait: «Seelsorge ist etwas vom Wichtigsten, was die Kirche zu bieten hat.» Bilder: Nandor Nagy

Seelsorge zwischen Himmel und Erde

Von: Ginger Hebel

20. September 2016

Stephan Pfenninger Schait löst dieser Tage den ­Flug­hafenseelsorger Walter Meier ab, der in den Ruhestand tritt. Der Vierzigjährige wird sich um die Flughafenmitarbeiter kümmern, um Gestrandete, Obdachlose und Angehörige von Absturzopfern.

Im Getümmel am Flughafen wird er ein Fels in der Brandung sein. Stephan Pfenninger Schait übernimmt dieser Tage das Amt des reformierten Flughafenpfarrers und löst seinen Vorgänger Walter Meier ab, der dem Flughafenpfarramt seit der Gründung 1997 seinen Dienst erwies. Jetzt geht Pfarrer Meier in den Ruhestand. «Es sind grosse Fussstapfen, in die ich trete. Walter Meier ist schon fast selber eine Institution hier», sagt Pfenninger Schait.

Doch auch er kennt die Abläufe am Flughafen. Sein Vater war Pilot bei der Swissair, und er selber arbeitete früher in der Passagierbetreuung bei Swissport, und ist seit Jahren Mitglied des Careteams. Er lebt in der Anflugschneise mit Flughafensicht, doch der Lärm stört ihn nicht. «Es ist Einstellungssache. Die Faszination für die Fliegerei bekam ich mit der Muttermilch.» Mitaushalten statt trösten Walter Meier, sein Vorgänger, wurde mit schweren Schicksalsschlägen konfrontiert. Die Flugzeugkatastrophen in Halifax, Nassenwil und Bassersdorf geschahen alle während seiner Amtszeit. Pfenninger Schait hat ein derartiges Ereignis noch nie miterlebt. «Man spielt Notfallszenarien durch und bereitet sich auf schwierige Ereignisse vor. Dennoch habe ich Respekt vor dem Zeitpunkt, an dem ich das Geübte vielleicht einmal brauchen werde.» In seiner Zeit als Gemeindepfarrer in Kloten und Bülach zog man ihn in Krisensituationen häufig bei, weil er die Fähigkeit besitzt, ruhig und überlegt zu handeln. Dennoch gibt es Geschichten, die ihm nicht mehr aus dem Kopf gehen wie das Schicksal einer jungen Frau, die er vier Monate nachdem er sie konfirmiert hatte, beerdigen musste. «Das ging mir ans ‹Läbige›».

Wie tröstet man Trauernde? Eine Pauschallösung gibt es nicht, ist der Pfarrer überzeugt. «Manche Situationen sind nun mal, entschuldigen Sie den Ausdruck, beschissen, da gibt es keinen Trost, keine richtigen Worte, nur ein Mitaushalten.» Er versucht, die Menschen aus ihrer Schockstarre herauszuholen, ihnen wieder eine gewisse Handlungsfähigkeit zu ermöglichen, damit sie an ihre Ressourcen anknüpfen können. Der Vierzigjährige studierte Theologie, weil ihn das Studium reizte, «es ist vielseitig, umfasst Geschichte, alte Sprachen und Psychologie». Nach einem Vikariat in der Kirchgemeinde Winterthur-Wülflingen zog es ihm den Ärmel rein. Er arbeitet gern für die Kirche, für diese weltweite Firma, wie er sie liebevoll nennt. «Wenn man einen Kontakt braucht, hat man ihn sofort, auch international. Es ist wie eine riesengrosse Gemeinschaft, das gefällt mir.»

In seinem Beruf hat er aber auch immer wieder mit Vorurteilen zu kämpfen. «Viele sehen in einem Pfarrer einen Übermenschen, der brav ist und nie flucht. Ich bin ein ganz normaler Mensch, der ein normales Leben führt.» Er ist mit einer Theologin verheiratet und hat mit ihr vier kleine Kinder. Da er aus einer Grossfamilie stammt, war für ihn klar, dass er selbst eine gründen möchte. «Ich finde es schön, zu sehen, wie Kinder sich entwickeln, wie sie grösser und selbstständiger werden.» Seine religiöse Grundhaltung prägt ihn. Pfarrer ist keine Rolle, in die er schlüpft wie in eine Jeans.

Man spricht von der Kirche in der Krise, von jungen Menschen, die den Halt im Leben woanders suchen. Für Pfenninger Schait ist es eine Frage, wie man Kirche definiert. Für ihn ist sie mehr als der wöchentliche Gottesdienst, es sind Hochzeiten, Taufen und Beerdigungen, aber auch die seelsorgerische Tätigkeit spielt für ihn eine Rolle. Er sieht seine Aufgabe darin, Menschen beizustehen und ein offenes Ohr zu haben für ihre Probleme. «Man sagt, dass ich gut zuhören kann, und ich denke, das stimmt. Ich interessiere mich für Menschen und ihre Spiritualität.»

Die Flughafenkirche zieht um

Stephan Pfenninger wird künftig nicht im abgelegenen Andachtstraum beim Check-in 1 predigen, sondern im neuen Seelsorgezentrum mit Kapelle und Meditationsraum im Terminal 2 beim Ausgang zur Zuschauerterrasse, mittendrin im Geschehen. Er wird mit wachem Blick durch die Gänge des Flughafens schreiten und schauen, wo er gebraucht wird. Mit seinem ökumenischen Team wird er Ansprechpartner für 25 000 Flughafenmitarbeitende sein, für Reisende, Gestrandete und Obdach­lose. Für Menschen aller Religionen. «Seelsorge ist etwas vom Wichtigsten, was die Kirche zu bieten hat. Sie wird genutzt und geschätzt. Und das macht die Arbeit für mich befriedigend.»

www.flughafenpfarramt.ch

 

 

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