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Porträt

In «seinem» Gonzo fühlt sich Timmey Trashin so wohl, dass er seinem Team auch dann mit leichten Arbeiten zur Hand geht, wenn er wegen gerissener Bänder eigentlich krankgeschrieben ist. Bild: Nicolas Y. Aebi

Timmey –Rebell, Querulant und Nachtschwärmer

Von: Maja Zivadinovic

10. Januar 2017

Äusserlich sieht er nicht gerade wie ein Traumschwiegersohn aus. Auf den zweiten Blick erkennt man aber, dass Timmey Trashin viel mehr ist als nur das tätowierte Gesicht des Zürcher Gonzo-Clubs.

Das erste Tattoo stach ihm sein zwei Jahre älterer Bruder. Damals war Timmey Trashin 16 Jahre alt. Vielleicht ein bisschen älter, eventuell etwas jünger. So genau erinnert sich der heute 30-Jährige nicht an seine Vergangenheit. Auch weil sie ihm nicht wichtig ist. Er lebt im Hier und Jetzt. Was gestern war, ist ihm wurst, und was morgen sein wird, sieht er morgen. Es ist ein umgekehrtes Kreuz, das ihm der Bruder im appenzellischen Heiden auf den Oberarm sticht. Mit Nadel und Pelikan-Tinte. Timmey Trashin lacht, wenn er die Geschichte erzählt. Weniger lustig fanden die Eltern das Kunstwerk ihrer Buben. Das beeindruckte Timmey schon damals nicht. Auf Konventionen pfeift er. Mit den Eltern, dem Bruder und seiner Schwester versteht er sich okay. Ein klassischer Familienmensch aber sei er nicht.

Skateboard als Begleiter
Dafür, dass seine Mutter in der Zwischenzeit Frieden mit seinem Erscheinungsbild geschlossen hat, ist er trotzdem dankbar. Timmey wuchs idyllisch auf. Waldrand, Häuschen, Garten. Das ganze Programm. Er rebelliert schon früh. Ab dem ersten Tag hasst er die Schule – liebt aber das Skateboard, das ihm den langen Weg dahin verkürzt. Timmey verbringt seine ganze Freizeit auf dem Brett. Das tut er heute noch. Skaten sei viel mehr als nur ein Hobby. «Es ist eine Lebensphilosophie», erklärt er, der zurzeit auf Krücken geht. Die Bänder sind gerissen. Es geschah, als er vor drei Wochen mit den Skaterjungs aus der Olé-Olé-Bar an der Ecke Lager-/Langstrasse rausbretterte. Er lacht, zündet eine Zigarette an und schafft es, zusätzlich eine Empanada vom «Happy Beck» an der Dienerstrasse zu jonglieren. Das Schlimme sei, dass er so lange nicht aufs Brett dürfe, denn «ein Tag ohne Skaten, das ist ein verlorener Tag.» 

Beim Spaziergang durch den Zürcher Kreis 4 merkt man schnell: Timmey gehört hierher. Als Allrounder, Türsteher und Barkeeper im Gonzo ist er schon seit Jahren tief in der Nachtleben-Szene verwurzelt. Das «Muddi»-Tattoo auf seinem Kopf hat er nicht etwa seinem echten Mami, sondern seiner Chefin Melanie gewidmet. «Im Gonzo-Team habe ich eine Ersatzfamilie gefunden», sagt er. Auch in seinem Lieblings-Tattoo-Studio, dem Sang Bleu an der Dienerstrasse, geht Timmey wie ein alter Freund ein und aus. Oft besucht er seinen Tätowierer Matt auf ein Bier. In diesen Momenten entstehen die Ideen für die nächsten Sujets. Unüberlegt, spontan, ohne tiefere Bedeutung. Heute solls ein Stacheldraht am Kinn sein. Wieso? «Weil ich kann.» Dass nur die wenigsten seiner Tätowierungen eine wirkliche Bedeutung haben, verstehen viele nicht. Timmey ist das egal. Allgemein gibt er nicht viel auf die Meinung anderer. Das sei eventuell auch der Grund, warum er keine abgeschlossene Ausbildung habe.

«Meine Eltern und Lehrer haben lange und intensiv auf mich eingeredet und alles versucht, um mich dazu zu bewegen, eine Lehre zu machen», erinnert sich der Querulant. «Gebracht hat das nichts. Ich hasste die Schule und schwor mir, dass ich nach der obligatorischen Schulzeit nie wieder eine Schulbank drücken werde.» 

Als seine Gspänli in die Lehre kommen, zieht es Timmey aus dem Appenzell nach St. Gallen. Dort lässt er sich einen Irokesen schneiden, landet auf der Strasse, schläft mal da, mal dort. Nur «geschnorrt» habe er nicht. Sein Geld verdient er als Hilfsarbeiter und später als Stromer auf der Baustelle.
 

Ein paar Jahre später führt Timmeys Weg nach Zürich. Warum, weiss er nicht so genau. «Wahrscheinlich hatte ich Bock auf etwas Neues.» Viele Leute habe er nicht gekannt. Ein paar Skater. Im Club Exil fängt er als Allrounder an zu jobben. Timmey baut sich ein Umfeld auf, findet Freunde – und eine Freundin. Während einer feuchtfröhlichen Partynacht geht er vor ihr auf die Knie. Es folgt eine standesamtliche Hochzeit und ein Fest auf dem Zürichsee. Die Ehe hält eineinhalb Jahre. «Wir waren jung, wild, verliebt. Ist ja nicht so eine grosse Sache. Als wir uns trennten, unterschrieben wir die Scheidungspapiere. Alles halb so wild.»

Frauenquote verdoppelt

Zurzeit ist Timmey Single. Das sei «voll okay». Genauso wie es «voll in Ordnung ist, in einer Beziehung zu sein». Wie reagieren Frauen auf sein Äusseres? «In dem Moment, in dem du dein Gesicht tätowieren lässt, verdoppelt sich die Frauenquote», sagt er und lächelt verschmitzt. Bloss: «Die meisten dieser Frauen will ich nicht.» Was muss denn die eine haben, damit er sie mit nach Hause zu seinen sechs Mitbewohnern und seiner Mitbewohnerin in das gemeinsame Haus in Zürich-Oerlikon mitnimmt? «Keine High Heels. Ich stehe auf Frauen in Sneakers, die Hoodies tragen.» Ob sie eine Skaterin ist oder nicht und was sie beruflich macht, ist ihm nicht so wichtig. Nur Polizistin darf sie nicht sein. Mit den Gesetzeshütern steht Timmey von jeher auf Kriegsfuss. «Ich liebe Zürich, hasse es aber, dass wir uns in einem Überwachungsstaat bewegen. Egal wofür, man muss sich für alles irgendwo anmelden und braucht für jeden noch so kleinen Seich einen Wisch.» Seine Antipathie der Polizei gegenüber liess sich Timmey kürzlich codiert auf den Kopf stechen. Die Zahl «1312» steht für den ersten, dritten, ersten und zweiten Buchstaben im Alphabet. «ACAB – All Cops are Bastards» (Zu Deutsch: Alle Polizisten sind Bastarde. Anm. d. Red.). Ist das nicht etwas pubertär? «Nein», findet Timmey. Früher seis noch schlimmer gewesen. Da habe er selber ab und zu gekifft oder auch mal ein bisschen gedealt. Also hatte er öfters mit der Polizei zu tun. Heute seien Drogen kein Thema mehr. Ausser Zigaretten und Alkohol. Das gehöre halt zum Nachtleben – wie der DJ hinters DJ-Pult. Für Timmey passt das perfekt so. Drei Nächte pro Woche arbeitet er im Club Gonzo. Mal hinter dem Tresen, mal an der Tür oder halt gerade da, wo er gebraucht wird.

Neun Leben für Timmey

Wie Arbeit pur fühle sich der Job aber nicht an. Viel eher vermischt sich das Feiern hier mit dem Beruf. Dass sein exzessiver Lebensstil im Nachtleben und auf dem Skateboard alles andere als konform ist und ihn nicht zum perfekten Schwiegersohn auf den ersten Blick macht, ist sich Timmey bewusst. 

Er habe ja noch weitere Leben, erklärt er und lacht. Die Zahl 9, die er sich unters rechte Auge hat stechen lassen, steht für 9 Leben. «So viele brauche ich definitiv.» In diesem Leben bleibt er seiner Linie, auch ganz nach dem gestochenen Motto «Gipsy» auf seinem Handrücken (Zigeuner, Anm. d. Red.) treu: ein Wanderer auf Entdeckungstour durch die Welt. Stets auf der Suche nach sich selbst, wild, rastlos, immer mit einem Lachen, immer gegen das System, immer mit dem Skateboard unter dem Arm oder darauf stehend. Um zumindest in Fahrt genau da zu sein, wo er sich am besten fühlt, ganz bei sich selber im Hier und Jetzt. Oder wie es sein Neffe in seiner kindlichen Art ganz richtig sagt: «Typisch Onkel Timmey halt.» Dass Timmey Trashin mit bürgerlichem Namen anders heisst, spielt dabei keine Rolle. Wie dieser lautet, findet Timmey unwichtig und nicht der Rede wert. «Wenn der Kleine Onkel Timmey sagt, dann gilt das.» 

Die letzte Station unseres Spaziergangs führt uns zum Paradeplatz, wo Timmey neugierige und kritische Blicke auf sich zieht. War er sich seiner Auffälligkeit bewusst, als er sich vor ein paar Jahren das Gesicht tätowieren liess? «Das Gesicht fand ich easy. Ich dachte viel eher schon vorher, als ich meine Hände stechen liess, dass ich den Karren jetzt an die Wand gefahren habe», sagt er und lacht die Passanten freundlich an. «Was solls, ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich herrlich ungeniert.»

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