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Porträt

Bild: Nandor Nagy

Vom Eislöwen zum Coach der Tierpfleger

Von: Sacha Beuth

23. Juli 2013

Mit dem ZSC kämpfte Hans «Hansi» Schmid in den 70ern und 80ern um den Aufstieg in die NLA. Heute führt er das Tierpflegerteam im Zoo Zürich.

Im Elefantenhaus des Zoos hat das Pflegerteam gerade eine Besprechung beendet und die nächsten Trainingsschritte für den bevorstehenden Umzug der grauen Riesen in die neue Anlage festgelegt (siehe Box unten). Hans Schmid, Leiter Tierpflege im Zoo Zürich, steht daneben und ist sichtlich erfreut über die Art und Weise der Besprechung und der Planung. «So funktionierts», meint er strahlend. «Als ich 1999 hier anfing, sah das noch ganz anders aus. Mein Auftrag war, die Organisation und Führung des Tierpflegerbetriebs für die Weiterentwicklung des Zoos zu verbessern.» Früher sei der Zoobesucher von vielen Tierpflegern als notwendiges Übel angesehen worden. In den Revieren hätte mancher nur für sich geschaut, und einige hätten sich auch schlicht zu viele Freiheiten herausgenommen. «Ich setzte mir zum Ziel, eine negativ denkende Kultur auf eine positiv denkende Kultur umzustellen.» Das sei für alle Beteiligten eine gewaltige Herausforderung gewesen. «Es geht nicht, dass jeder Gehege und Arbeitsplatz nach seinem Gusto einrichtet. Ich musste die persönlichen Freiheiten der Pfleger zugunsten der Zooziele einschränken», erklärt der 58-Jährige. «Einige treue Mitarbeiter konnten oder wollten sich dem nicht fügen, sodass wir uns von Ihnen trennen mussten.» Das habe ihm sehr wehgetan, aber betrieblich zum Erfolg geführt. «Die grosse Mehrheit der TierpflegerInnen handelt heute lösungsorientiert, tritt einheitlich und kompetent auf und betrachtet den Besucher als Kunden und Gast.»

Erst mit 10 zum Eishockey gefunden

Man merkt: Schmid widmet sich seiner Aufgabe mit Herzblut. Und dies tut er schon von klein auf, wobei ihm allerdings ein ganz anderer Weg vorgezeichnet schien. In Arosa geboren und aufgewachsen, bastelt der junge Hans eine Alarmanlage fürs Kinderzimmer und ein Telefon und repariert das Radio. Sein sehnlichster Wunsch ist es, Elektriker oder Schreiner zu werden. Zugleich drängt es ihn in die Natur. Er hilft beim Heuen und begleitet Verwandte und Bekannte auf der Jagd. «Da änderte ich meine Meinung und beschloss, einen Beruf zu wählen, der mit Tieren zu tun hat.» Zuvor weckte aber noch etwas anderes sein Interesse: das Eishockey. Als knapp 10-Jähriger beginnt er im Nachwuchs des EHC Arosa, wo bereits sein älterer Bruder Lorenzo («Lolo») spielte. Trotz des relativ späten Einstiegs schafft er es bis in die erste Mannschaft und gibt 1976 gegen Langenthal sein Debüt in der NLB. Obwohl Arosa wenig später in die NLA aufsteigt, verlässt Hans Schmid den Club und wechselt 1977 zum ZSC, weil er in Zürich sein Studium als Agronom an der ETH beginnt. «Ich ging nicht gern von Arosa weg. Aber das Studium hatte für mich Vorrang. Und das Heimweh wurde durch den Umstand gemildert, dass ich wieder mit meinem Bruder zusammen spielte, der ebenfalls zum ZSC gewechselt hatte.»

Die Zürcher Eislöwen konnten damals von einem Meistertitel nur träumen und pendelten meist als Liftclub zwischen der NLA und der NLB. Dreimal geht es hoch, dreimal runter. Trotzdem schwärmt Hans noch heute von dieser Zeit. «Der Zusammenhalt im Team und der Rückhalt der Fans waren einmalig. Bei Erfolgen hat man miteinander gefeiert, und bei Niederlagen hat man sich gegenseitig getröstet.» Dabei erinnert der Bündner an das Jahr 1981, als der ZSC gegen Fribourg um den Aufstieg kämpfte. Schmid, der während des Heimspiels durch einen Stockschlag eines Gegners verletzt und deswegen einer Notoperation unterzogen wurde, musste die weiteren Partien im Spital am TV mitverfolgen. «Beim entscheidenden Rückspiel in Freiburg wurde mein Bruder ebenfalls durch einen gezielten Schlag verletzt und musste vom Eis getragen werden. Schlussendlich verloren wir das Spiel und verpassten den Aufstieg.» Bis 1986 bleibt Schmid beim ZSC und erzielt bis dahin in 286 Spielen 119 Tore und 155  Assists. Anschliessend wechselt er zum EHC Effretikon und dann zu Urdorf, wo er bis vor fünf Jahren noch als Senior aktiv war.

International zu leichtgewichtig

Dass es im Eishockey nicht zu (noch) mehr gereicht hat, will Schmid im Nachhinein nicht auf die Doppelbelastung mit dem Studium schieben. «Ich war technisch zwar ganz gut, aber international mit meinen 63 Kilo physisch zu schwach.» Zudem hätte der doppelgleisige Weg auch Vorteile gehabt. «Durch meinen Verdienst beim ZSC konnte ich mich zu den reichsten Studenten zählen.»

Eigentlich hatte Schmid Agronomie wegen seines Interesses an Tieren gewählt. Doch während des Studiums stellt er fest, dass der Fachbereich mehr mit Ökonomie als mit Biologie zu tun hat. «Trotzdem hatte ich ein tolles Studium». 1980 schliesst er ab und beginnt von 1981 bis 1984 am Zoologischen Institut der Uni Zürich erneut zu studieren. Mit dem Ziel, sowohl wirtschaftliche wie tiergerechte Haltungssysteme für verschiedene Tiere zu entwickeln, schreibt er seine Dissertation. «Ich war immer der Meinung, dass da etwas nicht stimmen kann, wenn man beispielsweise Schweine 24 Stunden lang auf engstem Raum hält.» An diesen Forschungen ist auch der Zoo Zürich interessiert, der Verhaltungsstörungen von in Gehegen gehaltenen Wildtieren ausmerzen will. Nach einer Idee von Schmid werden daraufhin Futterkisten mit Zeitschaltuhr gebaut und als Erstes bei den Tigern ausprobiert. Mit durchschlagendem Erfolg. Weil die Raubkatzen wie in der Natur dazu gezwungen sind, ihr Revier mehrmals am Tag nach Fressbarem abzusuchen, zeigen sie schon bald keine Stereotypien mehr. Wenig später wird die Erfindung auch bei anderen Zootieren eingesetzt.

Durch seine Arbeit beim Tiergarten wird Zoodirektor Alex Rübel auf Schmid aufmerksam. «Eines Tages hat Alex mich dann aus heiterem Himmel angefragt, ob ich nicht die Leitung der Tierpflege übernehmen will», erinnert sich Schmid und fügt grinsend hinzu: «Für mich war das eine grosse Ehre, und ich sagte ihm, dass ich anderntags unterschreiben werde, aber vorher anstandshalber noch meine Frau informieren wolle.» Danach beginnt er 1999 seine neue Aufgabe. Von Anfang an ist ihm Teamarbeit wichtig. «Ob früher beim Eishockey oder heute im Zoo: Es geht darum, als Mannschaft ein Ziel zu erreichen.» An Arbeit mangelt es nicht. Darunter fallen gegenwärtig nebst den Vorbereitungen für den Umzug der Elefanten auch die Verhaltensprobleme des Löwenkaters. «Der ist offensichtlich durch irgendetwas verunsichert worden und hält sich wieder nur im hinteren Teil der Anlage auf. Nun müssen wir herausfinden, was die Ursache ist und wie wir ihn dazu bringen, sich wieder vertraut zu verhalten.»

Etwas kurios erscheint in diesem Zusammenhang Schmids Lieblingsbeschäftigung während seiner Freizeit: die Jagd. Für den Bündner jedoch kein Widerspruch. «Eine nachhaltige Jagd findet durchaus im Rahmen des Naturschutzes statt. Ausserdem esse ich lieber Fleisch von frei lebenden Tieren, die ich selbst erlegt und versorgt habe, als Ware eines Grossisten mit unbekannter Herkunft.» Die übrige Zeit gehört der Familie und im Winter natürlich den ZSC Lions. «Die Stadt Zürich war nie mein Zuhause, aber der ZSC. Selbst wenn der EHC Arosa eines Tages wieder in die NLA aufsteigen würde, könnte ich die Eislöwen nicht aus meinem Herzen verdrängen.»

Box Elefantenumzug

 

Noch ist der Kaeng-Krachan-Elefantenpark eine Baustelle. Aber ab Sommer 2014 soll er den Asiatischen Elefanten des Zoos Zürich als neues Zuhause dienen. Dafür sind umfangreiche Vorbereitungen notwendig. Den grauen Riesen steht künftig nicht nur deutlich mehr Platz zur Verfügung, auch die Art der Haltung ändert sich. «Das Ganze ist ein hochkomplexes Projekt», erklärt Hans Schmid, Leiter der Tierpflege. «Die Elefanten lernen gegenwärtig nicht nur, eine Transportkiste zu betreten, sondern auch, Anordnungen allein durch Zurufen mit anschliessender Belohnung zu befolgen. Der Grund ist, dass wir vom sogenannten direkten Kontakt auf geschützten Kontakt umstellen. Die TierpflegerInnen werden künftig nicht mehr in Gegenwart der Tiere ins Gehege gehen, sondern die Arbeiten wie z. B. die Fusspflege durch Metallpfähle geschützt von ausserhalb durchführen. Das ist für die PflegerInnen sicherer, denn sie brauchen sich nicht mehr als Alphatiere zu behaupten. Und es ermöglicht den Elefanten zugleich, eine natürliche Sozialstruktur aufzubauen.»

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