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Porträt

Vom Flug durch die Luft auf den Boden der Realität

Von: Ginger Hebel

09. Mai 2017

Unfall: Matthias Lötscher war gerade volljährig, als er beim Skispringen stürzte, seither ist er querschnittgelähmt. Doch die Freude am Leben treibt den ehemaligen Profisportler an.

Matthias Lötscher empfängt seine Klienten in einer Anwaltskanzlei im Zürcher Seefeld, er lächelt, streckt die Hand zur Begrüssung entgegen, nur aufstehen kann er nicht. Der 30-Jährige sitzt seit zwölf Jahren im Rollstuhl.

Innert Sekunden veränderte ein Unfall sein Leben. Matthias Lötscher, damals achtzehnjährig, trainierte auf der Sprungschanze Kandersteg, eine der ersten Sommerschanzen der Schweiz. Er war Mitglied der Junioren-Nationalmannschaft der Nordisch-Kombinierer (Skispringen und Langlauf). Skispringen war seine ganz grosse Leidenschaft. Es war ein warmer, wenn auch windiger Sommertag, Matthias Lötscher hatte schon viele Sprünge hinter sich, und setzte an zum letzten Trainingsflug des Tages. In der Luft merkte er, wie der starke Wind ihm den Ski nach hinten drehte. «Die Kraft war enorm, ich konnte mich nicht dagegen wehren», erzählt er. Mit voller Wucht schlug er am Boden auf, blieb benommen liegen. Er hörte seine Trainingskollegen, die Stimmen der Ärzte, den landenden Rega-Helikopter, doch er konnte sich nicht mehr bewegen. Beim Sturz brach er sich den fünften und sechsten Halswirbel, die Folge: Tetraplegie, eine Form der Querschnittlähmung, bei der alle vier Gliedmassen, sowohl Beine als Arme, betroffen sind.

«Anfangs war es beklemmend»

Die folgenden acht Monate verbrachte Matthias Lötscher zur Rehabilitation im Paraplegiker-Zentrum Nottwil. Hier finden Querschnittgelähmte Rundherum-Versorgung unter einem Dach. Den Moment, als man ihn zum ersten Mal im Rollstuhl durch die langen Gänge der Klinik schob, wird er nicht mehr vergessen. «Es war beklemmend, ich fühlte mich hilflos», resümiert Matthias Lötscher. Doch an sein neues Leben im Rollstuhl gewöhnte er sich schnell. «Heute weiss ich gar nicht mehr, wie das früher war, als ich noch gehen konnte.» Nottwil wurde zu seinem Zuhause auf Zeit, «es ist ein schöner Ort mit netten Menschen, der Sempachersee vor der Tür», sagt Matthias Lötscher. Hier stand er im Wettkampf mit sich selber. Es ging nicht mehr um den Platz auf dem Siegerpodest, sondern darum, wieder selbstbestimmt leben zu können. «Niemand sagt dir, dass du je wieder gehen kannst, weil es sich nicht vorhersagen lässt. Du musst hart trainieren, Tag für Tag», sagt der 30-Jährige.

Sein Körper hat sich vom Unfall gut erholt. Abwärts der Brust ist er heute in der Lage etwas zu fühlen, wenn auch nicht kalt oder warm. Er hat beruflich Karriere gemacht, arbeitet Vollzeit als Anwalt. Sein Arbeitsplatz wurde seinen Bedürfnissen entsprechend angepasst, er diktiert mit Hilfe eines Sprachprogramms. «Es ist vieles möglich, doch es benötigt eine gewisse Toleranz von Seiten des Arbeitgebers. Dafür bin ich dankbar.» Matthias Lötscher lebt alleine in einer rollstuhlgängigen Wohnung in Zürich, er ist kunstinteressiert, trifft sich gerne mit Freunden zu gemeinsamen Kochabenden und besucht Konzerte. Zu seinen Eltern und seinen drei Brüdern pflegt er ein enges Verhältnis. Ein Umfeld, auf das man sich verlassen kann, Familie und Freunde, die einen nach so einem Unfall auffangen und einem an schwierigen Tagen zur Seite stehen, sei das Wichtigste. Nur Mitleid ist der falsche Weg.

Durchhaltewillen dank Sport

Matthias Lötscher hadert nicht mit dem Schicksal, auch denkt er heute nur noch selten an den Tag des Unglücks zurück. «Es war eine sehr schöne Zeit, ich bereue nichts, denn ich habe Erfahrungen gemacht, die andere in diesem jungen Alter nicht machen.» Seine positive Lebenseinstellung und seine Zuversicht hat er, da ist er sich sicher, ein Stück weit auch dem Leistungssport zu verdanken, denn fokussiertes Training lehre einen durchzuhalten, Rückschläge einzustecken und das Ziel nie aus den Augen zu verlieren. «Ich könnte mir 100 verschiedene Lebensgeschichten ausdenken, aber das hier ist die Realität. Mir gefällt mein Leben, wie es ist.»

 

Wie wird eine Tetraplegie verursacht?

Andreas Jenny: Durch einen Schaden im Bereich des Halsrückenmarks. Die Ursachen sind vielfältig: Verletzungen durch Unfall, Durchblutungsstörungen, Einengung des Spinalkanals durch Tumore oder eine Diskushernie sind die häufigsten Auslöser. Seltener kann eine Tetraplegie auch durch eine Infektion mit Bakterien oder Viren wie eine Frühsommer-Meningoenzephalitis (durch Zeckenstich ausgelöste Infektionserkrankung) entstehen. Von den 169 Patienten, die im vergangenen Jahr im Paraplegiker-Zentrum Nottwil erstrehabilitiert wurden, waren 19 Personen jünger als 30 Jahre, davon 14 Männer.

Wie hoch stehen die Chancen, dass man trotz Querschnittlähmung irgendwann wieder gehen kann?

Die Chancen sind stark von der Ursache und dem Ausmass des Schadens abhängig. Ein Rückenmark, das bei einem Unfall völlig durchtrennt wurde, kann mit den heutigen Methoden noch nicht wieder geheilt werden. Eine teilweise Verletzung, wie sie häufig bei Durchblutungsstörungen oder weniger schlimmen Unfällen vorkommt, kann sich jedoch gut entwickeln. Trotz der modernsten Methoden in der Radiologie ist es schwierig, zu unterscheiden, welcher Teil des Rückenmarks zerstört ist und welcher Teil nur durch Schwellung und Entzündung vorübergehend nicht mehr funktioniert. Ich habe noch nie einem Patienten gesagt, dass er nie mehr gehen kann – ganz einfach darum, weil ich es nicht weiss.

Könnte sich durch die Forschung in Zukunft etwas für Betroffene ändern?

Eines Tages werden wir zerstörtes Rückenmark regenerieren können, da wird zurzeit intensiv geforscht. Das Problem ist nicht unlösbar, wir haben einfach noch nicht die richtige Kombination von Massnahmen und Medikamenten gefunden.

Welche Rehabilitationsmassnahmen sind momentan die erfolgreichsten?

Das Einzige, was die neurologische Erholung nachweislich fördert, ist die Aktivität. Noch unklar ist, wie viel Aktivität optimal ist. Wir glauben, dass hier ein gesundes Mittelmass am besten ist. Einig sind sich alle, dass man so früh wie möglich mit der Reha beginnen soll. Jeder Tag im Bett ist ein ungenutzter Tag.

Erfahren Betroffene finanzielle Unterstützung?

Die Schweizer Paraplegiker-Stiftung (SPS) unterstützt querschnittgelähmte Menschen über die Direkthilfe, unabhängig davon, ob diese Betroffenen Mitglieder der Gönner-Vereinigung sind oder nicht. Die Stiftung übernimmt Leistungen, die durch Kostenträger wie Krankenkassen, Unfall- oder Sozialversicherungen nicht gedeckt sind. Für die über 1000 Gesuche, welche jährlich eingereicht werden, hat die SPS im Jahr 2016 rund 15,5 Millionen Franken aufgewendet und Wohnungs- und Fahrzeugumbauten, ungedeckte Pflegekosten und Hilfsmittel finanziert. Betroffene mit einer permanenten Rollstuhlabhängigkeit bei unfallbedingter Querschnittlähmung, die Mitglied der Gönner-Vereinigung der Schweizer Paraplegiker-Stiftung sind, erhalten 200 000 Franken, die sie entsprechend ihrer Bedürfnisse frei einsetzen können.

Weitere Informationen: www.paraplegie.ch

 

 

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