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Porträt

Wenn das Jetzt zählt

Von: Ginger Hebel

26. März 2013

Wer alt wird, hat oft Angst vor dem Alleinsein oder vor dem Pflegeheim. Dabei kann es auch hier ganz schön sein – und gar nicht langweilig, wie ein Besuch bei Gustav Hänseler im Altersheim Neumünster zeigt.

Einen alten Baum verpflanzt man nicht, sagt man. Viele betagte Menschen möchten nicht ins Altersheim, sondern in ihrer gewohnten Umgebung leben. Gustav Hänseler aber fühlte sich auch mit 92 noch nicht zu alt für einen Neuanfang. Vor fünf Monaten ist er ins Alters- und Pflegewohnheim Neumünster beim Hegibachplatz gezogen, in ein Standard-1-Zimmer, die günstigste Kategorie, obwohl seine Kinder immer sagen, er solle sein Geld ausgeben und nicht sparen. Zuvor lebte der rüstige Rentner 30  Jahre lang in einer preiswerten 3-Zimmer-Wohnung beim Klusplatz, auch noch dann, als seine Frau vor zehn Jahren – nach 54 Ehejahren – an Diabetes starb. Allein zu sein, das war auch für Gustav Hänseler anfangs nicht einfach, aber er hat nicht resigniert. «Ich habe mir immer gekocht. Wer einkaufen geht, muss überlegen, was er braucht, das ist gut für den Kopf.» Auch hat er mitverfolgt, wie das Altersheim Neumünster gebaut wurde, «ich konnte mir immer vorstellen, eines Tages hier zu leben». Als sein früheres Wohnhaus saniert wurde und alle Mieter temporär ausziehen mussten, war für Hänseler klar, dass die Zeit der Veränderung gekommen war.

Sein neues, kleines Reich hat er sich gemütlich eingerichtet. Was ihm etwas bedeutet, hat er mitgenommen: einen antiken Schrank und eine Kommode, den Fernseher, das Bett und seinen geliebten Orientteppich. «Ich habe ihn seit meiner Hochzeit, und er ist immer noch schön.» Die Wände schmücken wenige Fotos. Sie zeigen seine Frau und seine Jugendliebe, beide sind mittlerweile verstorben. Trotz der schmerzlichen Verluste hat er seine Lebensfreude und Zuversicht nie verloren, «ich bin dankbar für alles, was ich erleben durfte. Und freue mich über jedes neue Ereignis, das eintritt.»

Mit 50 Englisch gelernt
«Im Altersheim ist das Leben äusserst kurzweilig», findet Hänseler. Er hat sich ein volles Programm geschaffen. Am Montag gibts Gedächtnistraining, am Dienstag Singen und regelmässig Sport im Fitnessstudio mit Seeblick im 9. Stock. Und wenn er nicht gerade an den Heimaktivitäten teilnimmt, dann blättert er in den Ordnern voller Reisefotos. Mit seiner Frau unternahm er Dutzende Auto- und Wanderreisen, nach Norwegen, in die Toskana, nach Cornwall. Ihre letzte grosse Reise führte sie 1996 quer durch Amerika – bis auf die hawaiianische Insel Maui. «Ich zehre noch heute von diesen Erlebnissen. Im Altersheim vergesse ich manche Namen nach einer Stunde wieder, die Reisen sind mir alle präsent.» Wenn man ihn so erzählen hört, dann glaubt man nicht, dass er schon 92 ist. Denn körperlich und geistig ist er fit, was wahrlich keine Selbstverständlichkeit ist. Er hatte einmal einen Leistenbruch, ansonsten war er noch nie im Spital. Woche für Woche liest er die amerikanische Montagsbeilage des «Tages-Anzeigers» und ist stolz, dass er das kann, denn erst mit 50 fing er mit dem Vokabelnbüffeln in der Gewerbeschule an.

Ein Leben bei der Post
Gustav Hänseler wuchs als jüngstes von sechs Kindern auf einem Bauernhaus in Rafz auf. Er war ein Nachzügler und somit schon fast wieder ein Einzelkind. «Meine Eltern waren nicht begütert, aber sie ermöglichten mir eine Ausbildung an der Verkehrsschule in Neuenburg.» 1938 begann seine Laufbahn bei der Post, ein Jahr vor Kriegsausbruch. Er vermag sich noch gut an diese ernsten Zeiten erinnern, aber er erzählt lieber von den Sonnenseiten des Lebens. Durch seine Tätigkeit bei der Bahnpost lernte er jeden Zipfel der Schweiz kennen. 1945 erhielt er bei der Sihlpost eine Festanstellung und kümmerte sich um den Briefversand. Später arbeitete er sich bis zum Bürochef hoch und war für die Diensteinteilungen zuständig. 1969 wurde er zum Chef der Eilzustellung befördert und führte bis zu seiner Pensionierung ein Team von 142 Leuten. «Diese Tätigkeit hat mich sehr be­friedigt.»

Als seine Frau starb, liess Guschti, wie ihn seine Familie und Freunde nennen, den Kontakt zu seiner Jugendliebe wiederaufleben. «Ich habe immer gedacht, wenn ich mal allein sein sollte, dann melde ich mich bei ihr – und tatsächlich hatte sie auf mich gewartet», erzählt Hänseler und lächelt froh. Zusammengezogen sind die beiden nicht, dafür besuchte er sie oft im Luzernischen, sie gingen spazieren auf den Pilatus und zelebrierten ihre ­Geburtstage – zehn gemeinsame Jahre blieben ihnen noch. Heute hat er einen lebendigen Kontakt zu ihren Kindern und zu seinen eigenen sowieso. Er hat einen Sohn, zwei Töchter, sechs Enkel und drei Urenkelinnen, die ihn gerne besuchen – und er sie noch mehr.

Gustav Hänseler ist zufrieden mit dem Leben, so, wie es jetzt ist. Vergangenen Zeiten trauert er nicht nach, denn was würde das schon bringen. Jeden Tag aufs Neue freut er sich auf das Essen im Heim. Und was ihm noch wichtiger ist: «Wir haben einen sauglatten Tisch.» Kürzlich hat ein ehemaliger Kollege von der Post mit seiner Frau das Zimmer vis-à-vis bezogen, erst jetzt im Altersheim sehen sie sich wieder öfter. Gern geht Hänseler auch raus an die frische Luft. Am liebsten fährt er hoch zum Rigiblick: «Dort oben sieht man, wie schön Zürich ist.»

"Viele bleiben zu lange allein daheim"

Edeltraud Brüsse ist seit letztem Sommer Geschäftsführerin des Alters- und Pflegewohnheims Neumünster an der Minerva­strasse 144. Sie kämpft gegen das verstaubte Heim-Image an.

Viele Menschen wollen so lange wie möglich daheim leben, nur nicht ins Altersheim. Verstehen Sie das?
Edeltraud Brüsse: Einerseits schon. Andererseits ist es aber leider so, dass alte Menschen zu lange allein daheim bleiben. Im Schnitt sind unsere Bewohner bei Eintritt 85 Jahre alt. Wenn man gesundheitlich bereits eingeschränkt ist, fällt einem das Einleben schwerer, da man sich eher zurückzieht. Dabei bieten wir unseren Bewohnerinnen und Bewohnern viele Aktivitäten an, wie Kaffeerunden mit musikalischer Unterhaltung, Basteln, Singen und neu auch Spielnachmittage. Die Befürchtung, dass man im Altersheim seine Selbstständigkeit aufgibt, stimmt nicht. Solange sie mögen, können sie unternehmen, was sie möchten.

Viele befürchten, dass sie sich ein Heim auch gar nicht leisten können.
Brüsse: Alle haben das Recht, sich in einem Heim zu platzieren, egal wie die finanziellen Verhältnisse sind. Ergänzungsleistungen decken einen Betrag für Unterkunft, Betreuung und Eigenanteil Pflege bis zu 250 Franken pro Tag, wenn die eigenen Mittel nicht ausreichen.

Was wollen Sie als Heimleiterin verändern?
Brüsse: Mein Ziel ist, dass die Menschen, die zu uns kommen, noch einmal ein neues Daheim finden. Unsere Serviceleistungen sollen wie in einem Hotel wahrgenommen werden. Das Schönste für mich ist, wenn mir unsere Bewohnerinnen und Bewohner sagen, dass es die beste Entscheidung war, zu uns zu kommen.

Heimführungen und Auskünfte: 044 421  56  56. Aktuell sind 2 Appartements mit Kochnische (44 qm) frei. Preis: 207 Fr. pro Tag bei Einzelbelegung und 237 Fr. bei 2er-Belegung, ohne Pflege und Betreuung: www.apwh-neumuenster.ch

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Shimu Trachsel - Ein Appartement für 6'000 im Monat ist pervers. Das kann sich kein normaler Rentner leisten. Den Spruch betreffend Ergänzungsleistungen kennt unsere Familie inzwischen zu gut. Haben wir auch so bei der Beratungsstelle "Wohnen im Alter" zu hören
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Vor 6 Jahren 3 Monaten  · 
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