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Porträt

Folma Hoesch in ihrem Rosengarten.

Wenn der eigene Mann auf Männer steht

Von: Ginger Hebel

13. August 2013

Viele Schwule sind verheiratet, doch ihre Frauen ahnen meistens nichts. Folma Hoesch kam dahinter und drüber hinweg. Heute engagiert sie sich für verzweifelte Frauen.

Mit 38 Jahren war Folma Hoesch eine glücklich verheiratete Frau mit drei kleinen Buben. Ihr Mann war Naturwissenschaftler, sie Germanistin, die Teilzeit arbeitete und nebenbei den Haushalt schmiss. Zu fünft wohnten sie in einer 4-Zimmer-Wohnung. Abends war sie mit den Kindern oft alleine, weil ihr Mann im Labor Experimente durchführte, wie er sagte. Wenn er nach Hause kam, brachte er seiner Frau als Anerkennung zwar keine Blumen mit, dafür kümmerte er sich um die Kinder, wickelte sie und las ihnen Gutenachtgeschichten vor. «Er war immer gleichbleibend freundlich, und ich fragte ihn oft: ‹Wer bist du wirklich? Es kann doch nicht sein, dass du immer gut drauf bist.›» Doch er antwortete darauf nichts. Später wird Folma Hoesch sagen, dass dieses Verhalten ein Anzeichen dafür war, dass er ein grosses Geheimnis hatte.

1964 kam die gebürtige Ostfriesin nach Zürich, um Vorlesungen über klassische deutsche Literatur zu hören. Bei einem Chorkonzert lernte sie ihren Mann kennen. Sie verliebten sich, heirateten drei Jahre später und bekamen bald ihren ersten Sohn. «Wir waren damals Studenten, doch mit vollem Einsatz schafften wir unsere Abschlüsse.» Im Abstand von je zwei Jahren kamen zwei weitere Söhne zur Welt. «Wir haben uns alle drei Kinder gewünscht.» Eines Sommers – sie waren bereits elf Jahre verheiratet – besuchte sie Freunde in Hamburg und ging fremd. Zurück in Zürich wollte ihr Mann wissen, ob sie jemals mit einem anderen geschlafen habe, sie gestand sofort – dann gestand auch er. «Er sagte mir, dass er vor und während unserer Ehe immer Kontakt mit Männern hatte und dass er den Sex brauche», erzählt Folma Hoesch und erinnert sich an dieses lähmende Gefühl, das ihr den Boden unter den Füssen wegzog. «Es war ein schwerer Schock. Ich wurde hintergangen auf eine Art und Weise, die ich nie für möglich gehalten hätte.» Gemerkt hat sie all die Jahre nichts, den Betrug hat sie noch nicht einmal geahnt. Denn auch sexuell stimmte alles.

Als ihr Mann die Bombe platzen liess, bestand sie ­sofort auf getrennten Schlafzimmern. Ihre Gefühle fuhren Achterbahn, sie schwankte zwischen Ekel und Mitleid, Selbstzweifel plagten sie. «Ich stellte meine Weiblichkeit, meine Identität und unsere ganze Beziehung infrage.» Sie suchte Erklärungen und Antworten von ihm, doch die bekam sie nicht. Er wollte nicht darüber reden. Eine Paartherapie sollte Klarheit bringen, aber trotz ihrer Hinweise und Fragen wurde die Homosexualität nicht thematisiert, stattdessen sagte ihr Mann, dass er in der Ehe keine Probleme habe, seine Frau aber als dominant und ungeduldig empfinde. Und so lag der Fokus plötzlich bei ihr. «Ich war mit meinen Gefühlen allein.»

Neue Wurzeln
Anfangs dachte Hoesch daran, ihren Mann zu verlassen. Doch ausserhäusliche Kinderbetreuung gab es damals praktisch noch nicht, «man ist kompromissbereiter, wenn man Kinder hat», sagt sie. In der Wohnung hielt sie es bald nicht mehr aus – sie kauften sich ein Haus. «Wir glaubten, dass mehr Raum uns gut tun würde, dass es eine Lösung sein könne für uns als Familie. Das war illusorisch», ist Hoesch heute überzeugt. Sechs Jahre lang versuchte sie, die Familie zusammenzuhalten. Jeder lebte sein eigenes Leben, auch in intimer Hinsicht. Manchmal funktionierte das ganz gut, dann wieder überwogen Unverständnis und Wut. «Er war mit Strichern unterwegs und wollte danach übergangslos mit mir schlafen, das verletzte mich zutiefst.» Doch an der Situation etwas ändern wollte er nicht. «Die meisten Männer wollen, dass alles so bleibt, wie es ist, weil sie ihr Nest behalten möchten.»

Nach drei Jahren im gemeinsamen Haus zog ihr Mann aus. Er suchte ein neues Leben als Homosexueller. Sie, damals 44, sass mit den Buben allein da. «Ich musste mich um alles selber kümmern, um die kaputte Heizung, die Einkäufe, die Kinder; das war heftig.» Sie überlegte sich, zurückzukehren an die Nordsee, doch sie blieb. «Ich wollte mich in Zürich verwurzeln, um wieder Halt zu finden.» Die Kinder wussten lange nichts vom Doppelleben ihres Vaters. «Ich glaubte, dass sie es von ihm erfahren sollten, aber er hat nie Klartext geredet. Also habe ich ihnen eines Tages alles erzählt.» Sie reagierten ruhig und stellten kaum Fragen. Folma Hoesch stürzte sich in die Arbeit und liess sich zur Psychotherapeutin ausbilden.

Verheiratet und schwul: Ein Tabuthema
Über ihr Schicksal hat sie 20 Jahre geschwiegen, bis sie den Mut hatte, nach betroffenen Frauen zu suchen. Sie fand die erste Selbsthilfegruppe für Partnerinnen schwuler Männer in Uster, aus der 2001 die Selbsthilfeorganisation www.hetera.ch hervorging. Zwei- bis viermal jährlich finden Begegnungstage statt. Am Telefon oder in ihrer Praxis berät Folma Hoesch Frauen in der Coming-out-Krise, und im Internet hat sie eine Gesprächsgruppe ins Leben gerufen. Bisher haben mehr als 2000 Frauen in diesem Forum ihre Erfahrungen ausgetauscht und sich den Kummer von der Seele geschrieben. «Es melden sich immer mehr frisch Betroffene, die im geschützten Rahmen darüber reden wollen», sagt Hoesch. Diese Entwicklung freut sie, denn aus ihrer Sicht gibt es nur zwei Möglichkeiten, mit dem Geschehen umzugehen: «Entweder die Partnerin hilft das Geheimnis zu hüten, schweigt und verbirgt ihre Gefühle oder sie outet sich als Frau eines schwulen Mannes. Dazu braucht sie viel Mut, aber dann kann sie den eigenen Weg finden.»

Nach neuesten Schätzungen ist die Hälfte der Männer, die im Internet oder in der Schwulenszene einen Sexpartner suchen, verheiratet oder lebt in einer heterosexuellen Partnerschaft. Die meisten führen ein Doppelleben, oft in der Stricherszene, wo ansteckende Krankheiten verbreitet werden, mit denen sich nicht selten auch die Frauen infizieren. Die Gesellschaft ist zwar toleranter geworden, und das Coming-out fällt Schwulen und Lesben heute leichter. «Doch verheiratet und schwul, das ist ein Tabuthema. Die Männer verheimlichen es aus Angst, ihre Familien und ihr Ansehen zu ver­lieren, und unsere Gesellschaft will es nicht sehen», sagt Hoesch.

Allein lebend und zufrieden
Vor drei Jahren fiel ihr Mann beim Kirschenpflücken von der Leiter und verletzte sich schwer. Er lag auf der Intensivstation und verbrachte danach ein paar Monate im Pflegeheim, wo er verstarb. «Er blieb bis zu seinem Tod in einer Lebenslüge stecken», sagt Hoesch. Er outete sich zwar als schwul, doch kaum jemand wusste, dass er in der internationalen Stricherszene verkehrte und blutjunge Liebhaber hatte. «Für meine Söhne und mich waren diese Einsichten sehr bitter», gibt sie zu.

Heute ist Folma Hoesch 72 Jahre alt. Aus der Ehe mit einem schwulen Mann ist für sie eine Lebensaufgabe gewachsen – sie engagiert sich intensiv für hetera.ch. Seit 30 Jahren lebt sie in ihrem Haus mit Seeblick und kümmert sich um ihren Garten mit den prächtigen Rosen. Sie bewirtet häufig Gäste, übt täglich Yoga und Meditation und pflegt den Kontakt zu ihren vier ­Enkelkindern und den Söhnen, die immer zu ihr standen und sie unterstützt haben. Nie würde sie das missen wollen. «Ich bin zufrieden. Die Bilanz meines Lebens ist bestens.»

Selbsthilfezentren Zürcher Oberland, Tel. 044 941 71 00 und Offene Türe Zürich, Tel. 043 288 88 88.

Haben auch Sie einen Schicksalsschlag erlitten oder etwas Aussergewöhnliches erlebt? Melden Sie sich bei uns:
ginger.hebel@tamedia.ch oder Tel. 044 248 63 82

www.hetera.ch

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