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Porträt

Wenn Geräusche krank machen

Von: Ginger Hebel

19. Januar 2016

Wenn Kevin Meier seinen Vater pfeifen oder Kuhglocken bimmeln hört, geht es ihm nicht mehr gut, dann dreht er fast durch. Der 42-jährige Zürcher leidet an Misophonie, dem Hass auf Geräusche.

Würde ihm jetzt sein Vater gegenübersitzen und pfeifen, müsste Kevin Meier* fluchtartig das Lokal verlassen. «Diese Pfeifgeräusche sind ein unerträglicher Trigger für mich.» Der 42-Jährige leidet unter Misophonie oder auch Selective Sound Sensitivity Syndrome, einer krankhaften Überempfindlichkeit gegenüber Geräuschen. Kevin wuchs mit Geschwistern in Zürich auf, doch schon als Kind störten ihn alltägliche Geräusche; das Pfeifen seines Vaters machte ihn wütend, ebenso das Pfeifen der Amseln im Garten. «Ich habe diese Störgeräusche wahrgenommen und regelrecht Aggressionen darauf entwickelt. Ich wollte, dass das aufhört, aber es hörte nicht auf.» In der Schule lösten die Geräusche in der Klasse Stress aus, später bereitete ihm seine Banklehre Qualen. Kevin erinnert sich, wie die Fenster offen standen und er die Vögel pfeifen hörte – Geräusche, die ihn beinahe in den Wahnsinn trieben. «Der Sommer war die Hölle für mich, am liebsten waren mir Sturm und Regen.»

Es gibt Dinge im Leben, die einen auf die Palme bringen; die Macken des Partners, Geräusche von Nachbarn, die einen nerven, die man aber zu ignorieren versuchen kann. Kevin kann das nicht. «Weghören ist unmöglich, keine Ablenkung hilft. Man könnte mit dem Kopf gegen die Wand rennen, damit es aufhört.» Er beschreibt eine solche Attacke als beängstigend; der Puls steige, man sei verkrampft, nervös und aggressiv. Er suchte Rat bei Psychologen. Sie arbeiteten mit ihm seine Kindheit auf, die wohlbehütet und schön gewesen sei, wie er sagt. Man fand keinen Grund für sein Verhalten. Bis er vor ungefähr sieben Jahren zufällig auf einen Bericht über Misophonie aufmerksam wurde. «Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen.» Ein erlösender Moment sei das gewesen, endlich hatte sein Problem einen Namen. «Ich wusste, dass es eine Krankheit ist, dass ich nicht spinne.»

Die meisten Misos, wie sich Betroffene bezeichnen, haben durch einschlägige Foren im Internet erfahren, dass es diese Krankheit gibt. Misophonie tritt meist in der Kindheit auf und manifestiert sich in der Pubertät. Erwachsene müssen kaum befürchten, die Krankheit zu bekommen. Störende Kaugeräusche oder andere Geräusche mit dem Mund stehen weit vorn auf der Liste der Stressauslöser. Die Belastungen gehen von Eltern und Geschwistern und später oft vom Partner aus, meistens von Personen, die einem nahestehen oder mit denen man es täglich zu tun hat. «Bei manchen Betroffenen löst bereits der Anblick eines essenden Menschen Wut aus», sagt Kevin. Trigger entstehen teils auch durch Rituale, wenn man immer dasselbe hört, sieht oder fühlt. So kann selbst der zärtliche Gutenmorgenkuss irgendwann zu einer kaum zu ertragenden Belastung werden. Nach aktuellen medizinischen Erkenntnissen ist Misophonie nicht heilbar. Linderung erhofft man sich von neuen Therapieansätzen, welche zurzeit in verschiedenen Instituten weltweit getestet werden.

«Kuhglocken sind ganz schlimm»

In den vergangenen Jahren sind bei Kevin immer mehr Geräusche hinzugekommen, die ihn triggern. «Kuhglocken sind ganz schlimm geworden.» Weil er die Natur liebt, zog er mit seiner Frau aufs Land. Alles war gut, bis zu dem Tag, als er auf dem Sofa vor dem TV sass und draussen die Kuhglocken bimmeln hörte. «Da legte sich in meinem Hirn ein Schalter um. Ich wäre am liebsten rausgerannt und hätte den Kühen die Glocken vom Hals gerissen.» Erst ein Umzug brachte Besserung. Seit Kevin Medikamente nimmt, welche die Belastungen dämpfen und ihn schneller beruhigen, geht es ihm ziemlich gut. Er ist überzeugt: «Ohne diese könnte ich nicht so leben, wie ich jetzt lebe.» Er ist Unternehmer und hat sich sein Büro schalldicht ausgebaut, ist verheiratet und Vater zweier kleiner Buben. Lange sei nicht klar gewesen, ob er überhaupt eines Tages eine Familie gründen kann. Denn Misophonie ist wahrscheinlich vererbbar, zudem könnten auch die Geräusche der Kinder Stressauslöser sein und ein Zusammenleben mit der eigenen Familie ernsthaft gefährden. «Dies ist aber zum Glück nicht der Fall», sagt Kevin.

Keine Shirts mit Nähten

Misophonie ist auch als Hochsensibilität zu beschreiben. Laut einer Umfrage der Plattform Misophonie.info gaben 90 Prozent der Befragten an, dass nicht nur Geräusche Stress auslösen, sondern auch visuelle und physische Reize. Als Jugendlicher konnte Kevin keine Shirts mit Nähten anziehen, und die Socken und Unterwäsche trug er verkehrt herum, um die Nähte auf der Haut nicht spüren zu müssen. Heute sind es vorwiegend Geräusche, die ihm Mühe bereiten. Die körperliche Verfassung spiele eine wichtige Rolle, wenn es darum gehe, möglichst keine neuen Trigger zu bekommen. «Schlafmangel macht uns extrem anfällig», sagt Kevin. Seine Frau kommt mit seiner Krankheit gut zurecht, auch wenn sie damit rechnen muss, dass sie ihren Partner mit einem alltäglichen Geräusch in die Flucht schlagen könnte. «Für das direkte Umfeld kann Misophonie eine ebenso grosse Belastung bedeuten. Die Aufklärung über den richtigen Umgang in der Familie ist sehr wichtig und für einen einigermassen erträglichen Alltag des Betroffenen unerlässlich.»

* Name von der Redaktion geändert.

Information und Beratung unter www.misophonie.info

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Leserkommentare

Anna Bach - ...mich macht es krank, wenn K.M. Echtpelz trägt!!

Vor 3 Jahren 5 Monaten  · 
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Nadine V - ...mich mach es krank, wenn Anna Bach ernsthaft denkt, dass das Echtpelz sei,....

Vor 3 Jahren 5 Monaten  · 
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Verkäuferin Zara - Hallo???? Augen auf das ist ein kunstpelz du pelzkennerin!!!

Vor 3 Jahren 5 Monaten  · 
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Barbara Dahortsang - Man kann es m.E. nur ab dem Foto gar nicht sagen, was es ist, echter oder Kunstpelz. Jedenfalls kann ich grosse Empfindlichkeiten nachvollziehen. Die Menschen müssen wohl eine Krankheit nennen und einen Namen dafür haben, wenn etwas sonst überwältigend
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Vor 1 Jahr 7 Monaten  · 
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