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Porträt

"Mir stand die Welt offen." Bild: Fred Mayer

"Wir Fotografen sind doch alle verrückt"

Von: Isabella Seemann

19. November 2013

Sie bereiste die Welt, flirtete mit Kaiser Haile Selassie und verkleidete sich auch mal als Mann: zu Besuch bei Ilse Mayer, einer der ersten Fotoreporterinnen der Schweiz.

«Die Kollegen schlossen Wetten ab, wie lange ich durchhalten würde», erzählt Ilse Mayer und hat den koketten Blick drauf, mit dem sie wohl schon vor 60 Jahren Keystone enterte. 19 war sie und kam direkt aus der Lehre zur frisch gegründeten Schweizer Filiale am Seilergraben – als erste Fotoreporterin der Bildagentur.

Die beste Freundin ihrer Mutter, ­Lotte Sigg, die zuvor internationale Key­stone-Bilder an Schweizer Wochen­blätter verkauft hatte, gab ihr den Tipp, sich zu bewerben. Klar machte das Ilse, die so gar nichts mit klassischen Mann-Heim-Pelzmantel-Träumen am Hut, sondern vor allem Lust auf Leben hatte. Dafür konnte man auch kiloweise Fotoausrüstung auf ihre zarte Schulter wuchten, und sie rümpfte nicht die Nase, wenn ihr beim Fotografieren eines Boxkampfs Blut und Schweiss aufs Haar spritzte. Teleobjektive gab es noch nicht, sie musste ganz dicht ran an den Ring. «Ich habe mich nie als Fotografin, sondern immer als Fotoreporterin gesehen», sagt sie. «Schon in der Lehre wusste ich, dass ich mal für Zeitungen arbeiten will, denn da ist man mit der Nase immer ganz vorn dabei, und das gefällt mir.»

In ihrer Maisonettewohnung im Quartier Enge steht die 79-Jährige in der Küche, kocht Kaffee und schlägt den Rahm für den Zwetschgenkuchen. Die Zeit liess ihr Haar ergrauen, doch ist sie noch immer die charismatische Frau mit den von Fältchen umrahmten Augen, die stets zu schmunzeln scheint. Im Salon hängen «aus Prinzip» keine Fotos, stattdessen ist er dekoriert mit Kunsthandwerk, das sie auf ihren unzähligen Reisen zusammengetragen hat. Was war zuerst: ihre Reiselust oder ihr Wunsch, Fotografin zu werden? «Ganz klar die Reiselust.» Diese habe sie von ihrem Vater geerbt, einem deutschen Metzgermeister, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Konservenfabrik im hintersten Flecken Litauens aufbaute. «Wenn er von seinen abenteuerlichen Reisen erzählte, ging das Fernweh mit mir durch.»

Ihr Leben als Fotoreporterin begann mit einem Fauxpas: Für ihren ersten wichtigen Auftrag sollte sie den Empfang Seiner Majestät Kaiser Haile Selassie I. von Äthiopien am Bahnhof Enge festhalten. Prompt war sie so nervös, dass sie den entscheidenden Moment verpasste. Der Kaiser war schon in die verdunkelte Limousine gestiegen, da sah er die junge Frau, öffnete nochmals die Tür – und liess sich nonchalant von ihr ins Gesicht blitzen. Im Alter von 22 lief die Weltgeschichte vor ihren Augen ab: In Genf traf sie «The Big Four», Eisenhower, Eden, Bulganin und Faure, die an der Gipfelkonferenz über das weitere Schicksal der Menschheit zusammensassen. Das Bild brachte ihr die Anerkennung der harten Kerle von der renommierten Agentur. «Ich behauptete mich mit Charme und guten Fotos, die in der ganzen Schweiz und im Ausland verkauft wurden», resümiert Ilse Mayer ihren schwierigen Start in der machohaften Fotografenszene.

Während eines Pferderennens lernte sie den Fotografen Fred Mayer kennen, sie heirateten, bekamen eine Tochter und machten sich beruflich selbstständig, «mit zwei Fotokameras, einem Vergrösserungsapparat und 60 Franken in bar». Aufträge erhielt sie vor allem von Frauenzeitschriften wie «annabelle» und «Femina». Dabei machte sie die finanzielle Not erfinderisch, und ihre Erfindung wurde bald zum Trend: Sie kombinierte Mode- mit Reise­reportagen, fotografierte Models vor Sehenswürdigkeiten, wobei die Models gewöhnliche Einheimische waren. «Ich hasse diesen steifen Mode- und Modelmumpitz und wollte es immer so natürlich wie möglich.»

Was machte Ilse Mayer anders, besser als andere? Ilse Mayer kokettiert: «Ich mache die Leute nicht schöner, dafür interessanter.» Viele Fotografen inszenieren, um sich einen Namen zu machen. Sie machte sich einen Namen, weil sie nichts inszeniert. Sie umging Verbote, verkleidete sich mit befugter Miene als Mann, um im Tross der Tour de Suisse fotografieren zu können, oder auch heimlich dort, wo keine Fotografen erlaubt waren. Doch sie knipste nicht heimlich, nur eben unaufdringlich. Mit dem nötigen Respekt. Von Menschen in äusserster Not oder Sterbenden hätte sie nie Aufnahmen gemacht. «Das würde mich beschämen. Ich kann das Elend nicht fotografieren und ich will es auch nicht. Damit hätte ich den Armen noch das letzte bisschen Würde genommen.»

Dabei ist sie keineswegs zimperlich. Mit ihrem Mann, der als einer der ganz wenigen Schweizer Fotografen für die renommierte Agentur Magnum arbeitet, bereiste sie den Globus, hauste mit Kakerlaken in den Elendshütten der indigenen Völker am Ende der Welt («Wir Fotografen sind doch alle verrückt»), ernährte sich tagelang nur von Beutelsuppen und wartete ebenso lange an einer Piste im Nirgendwo, dass sie ein Helikopter abhole, in Sibirien zum Beispiel. «Die Ilse hat mit den Leuten Wodka gesoffen, während ich fotografierte», wirft Fred Mayer zur Frage ihrer Zusammenarbeit ins Gespräch ein und zwinkert schelmisch. Die Bildbände gehörten wie das Fondue-Caquelon zum Inventar eines jeden richtigen Schweizer Haushaltes: Sie konnten gegen Silva- und Mondo-Märkli auf Lebensmitteln eingelöst werden und öffneten den Blick auf fremde Kulturen, in Zeiten, als die Schweizer nicht weiter als Rimini reisten. «Mir stand die Welt offen», sagt Ilse Mayer und blättert in den Fotoalben der vergangenen 60 Jahre. Ilse beim Autorennfahren, im Heissluftballon über den Alpen, im Boot auf dem Ganges. Ihr letztes gemeinsames Projekt ist «Siddharta», eine Reise durch Hermann Hesses Indien. «Ich hatte ein richtig lässiges Leben.» Prall gefüllt mit Licht, Farbe und Abenteuer.

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