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Reportage

Alfred Escher (1819–1882). Fotografie des Ateliers J. Ganz & Co. aus dem Jahr 1878.

Alfred Escher: der grosse Macher und seine Neider

Von: Isabella Seemann

26. November 2013

Ein biographischer Stadtspaziergang auf den Spuren des bedeutenden Unternehmers und Staatsmanns quer durch Zürich.

Im letzten Moment drehten sie den «Eisenbahnbaron» um 180 Grad: Da steht er nun seit 124 Jahren am Bahnhofplatz, den HB im Rücken, und blickt auf sein geliebtes Zürich, die Bahnhofstrasse runter, über den Paradeplatz hinweg zum Belvoir, Richtung Gotthard. Würdevoll, elegant, aufrecht, ein Pfundskerl von einem Mann, ein Charakterkopf mit Ecken und Kanten. «Alfred Escher 1819–1882» steht auf dem polierten Sockel aus rotem Granit. Darauf liegt unprätentiös seine Aktentasche. Bereits zu Lebzeiten nannten ihn seine Zeitgenossen, teils anerkennend, teils von Neid getrieben, «Zar von Zürich», «König Alfred I.» und «Princeps». Seine erbittertsten Gegner schimpften ihn schlicht «Diktator».

Heute herrscht Einigkeit: Auf die Frage nach dem bedeutendsten Zürcher in den «Tagblatt»-Interviews mit den Gemeinderäten, antwortet jeder zweite: Alfred Escher.

Zur Welt kam Alfred Escher am 20. Februar 1819 im Haus zum Neuberg am Hirschengraben 56/58. Ob hier noch etwas vom Geist des grossen Mannes zu spüren ist? In dem Gebäudekomplex sind das Europa-Institut, ein Blutspendezentrum und die Alfred-Escher-Stiftung untergebracht, aber kein Museum erinnert an den bedeutendsten Zürcher. Die Verhältnisse, so scheint es, sind gut zürcherisch zurechtgerückt. In den profanen Büros der Stiftung zeugen nur zwei ungenutzte Kachelöfen davon, dass hier mal eine gutbürgerliche Stube war. Das Feu sacré für Escher lodert in diesen Räumen aber dennoch spürbar. Treibende Kraft dahinter ist Joseph Jung, Wirtschaftshistoriker, Escher-Biograf und Geschäfts­führer der Alfred-Escher-Stiftung, ausserdem Chefhistoriker der Credit Suisse und ­Titularprofessor der Universität Freiburg, der sich seit mehr als 30 Jahren intensiv mit den gigantischen Leistungen Eschers für Stadt und Kanton Zürich, für die gesamte Schweiz befasst – und noch lange nicht ausgeforscht hat. Allein schon die rund 5500 Briefe, welche die Stiftung zurzeit digitalisiert, ermöglichen laufend neue Erkenntnisse. «Für mich ist Escher ein Grossbürger, wohl der letzte, den Zürich hatte, vielleicht sogar der einzige», sagt Joseph Jung mit nämlichem Feuer. Ohne Escher wäre Zürich wohl das Provinzstädtchen geblieben, das es damals war. Ohne Escher wäre Zürich nicht ­Finanzplatz, Verkehrsknotenpunkt und Bildungsmetropole – und nicht eine der reichsten und liberalsten Städte der Welt.

Für Joseph Jung symbolisieren dies die drei Tempel, die Escher in der Stadt errichten liess: das Polytechnikum (heute Eidgenössische Technische Hochschule Zürich), das als Tempel der Wissenschaften über der alten Stadt thront; die Schweizerische Kreditanstalt (heute Credit Suisse), die den Paradeplatz zum Zentrum des Finanzwesens macht; und schliesslich der Hauptbahnhof mit der Bahnhofstrasse, der für die ökonomische und gesellschaftspolitische Entwicklung der Schweiz massgebend war.

Für Escher war die Eisenbahn ein ­Lebensprojekt, er gründete die Schweizerische Nordostbahn (sie ging in den Schweizerischen Bundesbahnen auf) und trieb den Gottharddurchstich (1880) voran, damals das grösste Bauprojekt der Welt. Darüber hinaus war Escher Grossrat im Kanton Zürich und Nationalrat in Bern und dort der un­bestrittene Kopf der liberalen Kräfte. Viermal, was seither nie mehr vorgekommen ist, wählte ihn das Parlament zum Nationalratspräsidenten. Ferner war Escher Erziehungsrat im Kanton Zürich, Kirchenrat und dann auch Schulrat für das eidgenössische Polytechnikum sowie Aufsichtsrat der Rentenanstalt, eines ­Unternehmens, das gleichfalls dank ihm gegründet werden konnte. In jungen Jahren war er mal Stadtschreiber von Zürich. Ja, und irgendwann sass er noch in der Stadtzürcher Schulpflege und gab als Vorstand des städtischen Baukollegiums den Anstoss zum Bau der Bahnhofstrasse. Die Aufzählung all seiner Werke und Ämter mag ermüden, alles sieht sehr nach Ehrgeiz aus und Karrierismus. Das mag auch stimmen. Doch man würde in die Irre gehen, wenn man annähme, dass dieses schnelle Aufsteigen ohne Widerspruch erfolgte. Schon früh warnte ihn ein Freund, «er sei in hohem Grade gefürchtet und beneidet; auf ihm laste der Vorwurf, reich und ein Staatsbürger zu sein, vor allem aber, dass er die anderen an Gediegenheit des Wissens, an Schärfe des Verstandes und an ausdauernder energischer Tätigkeit übertreffe, was ihm nur wenige verzeihen dürften».

Die Familie Escher vom Glas, die zusammen mit dem Zweig der Escher vom Luchs bis ins 14. Jahrhundert in Zürich nachweisbar ist, gehörte zu den mäch­tigsten in der Stadt und stellte über die Zeit 5 Bürgermeister, 88 Ratsmitglieder, 2    Stadtschreiber, eine grosse Zahl von Obervögten und Landvögten. Ihren Reichtum erwarben die Escher als Tuch- und Seidenhändler, Baumwollfabrikanten und Offiziere in fremden Diensten. Alfreds Grossvater war mal reich gewesen, hatte sich dann aber als unvorsichtiger Marchand-Banquier verspekuliert, sein Vermögen eingebüsst und bei vielen Zürchern Schulden hinterlassen, was diese den Eschers nie verziehen. Zumal Alfreds Vater in Amerika erneut ein ­Millionenvermögen aufgebaut hatte mit Bodenspekulation, Tabak und Baumwollplantagen.

Als Alfred Escher zwölf Jahre alt war, bezog die Familie das neu erbaute Landhaus Belvoir am linken Zürichseeufer in der Gemeinde Enge, die damals ausserhalb der Stadt lag. Im Belvoir kümmerte sich der Vater fortan um Schmetterlinge, Käfer und Bienen (einige tragen den Namen Escheri, weil er sie als Erster beschrieben hatte). Seine Leidenschaft für die Entomologie gab er ebenso an seinen Sohn weiter wie die distanzierte Haltung zur Zürcher Elite, die wiederum zu den Sonderlingen im Belvoir Abstand hielt. Das mag erklären, warum sich Alfred Escher schon als Jugendlicher emanzipiert hatte und es ihn zu den radikalen Liberalen zog, die damals die alten konservativen Familien bis aufs Blut bekämpften. Es war eine Zeit ungewöhnlicher Spannung in der Schweiz. In fast allen Kantonen forderten die Liberalen und die etwas linkeren Radikalen – beides Vorläufer der heutigen FDP – die Konservativen heraus. Es ging um die Modernisierung der Schweiz.

Heute befindet sich in Eschers herrschaftlichem Anwesen die Hotelfachschule Belvoirpark und das gleichnamige Restaurant mit der schönen Terrasse. Der Park, der früher bis zum Seeufer reichte, heute nur noch bis zur Alfred-Escher-Strasse, ist öffentlich. Nichts erinnert mehr daran, dass dieses Haus zu Eschers Zeiten als «das wahre Bundeshaus» galt, wo Staatsmänner empfangen wurden und sich im Salon alles traf, was Rang und Namen hatte.

Nach Abschluss des Gymnasium der Kantonsschule Zürich begann Escher an der erst wenige Jahre zuvor gegründeten Universität Zürich Rechtswissenschaften zu studieren und erwarb einen Doktortitel, den ersten der juristischen Fakultät. Seine Absicht war damals, Rechtsgelehrter zu werden, und er habilitierte sich als Privatdozent, gab die Lehrtätigkeit aber nach wenigen Jahren wieder auf. In der Studentenzeit schloss er sich der Verbindung Zofingia an, wo er bald eine führende Rolle übernahm. Zu dieser Zeit verkehrte er mit Gottfried Keller und anderen intellektuellen und revolutionären Geistern aus aller Welt im Café Baur, hinter dem Savoy Baur en Ville, beim Münsterhof. Zu ihnen gesellte sich der Komponist Richard Wagner und der italienische Revolutionär Felice Orsini, der später ein Attentat auf Napoleon III. ausübte und hingerichtet wurde. Zu Ehren des Tyrannenmörders nagelten seine Freunde ein Porträt an die Wand ihres Stammlokals und nannten es fortan Orsini – heute ist es ein Edelitaliener.

Ein Salonlöwe aber war Escher nie. «Der Sohn eines Millionärs», notierte Gottfried Keller, «unterzieht sich den strengsten Arbeiten vom Morgen bis zum Abend, übernimmt schwere, weitläufige Ämter in einem Alter, wo andere junge Männer von fünf- bis achtundzwanzig Jahren, wenn sie Reichtum besitzen, vor allem das Leben geniessen.» Als Alfred Escher 1855 vor Überarbeitung zusammenbrach und so schwer erkrankte, dass er aus dem Regierungsrat zurücktreten musste, schrieb Keller, fast triumphierend: «Ich habe mit Betrübnis gelesen, wie . . . Escher schon fertig ist mit seiner Gesundheit. Was hilft ihm nun sein grosser Eifer, denn er hat sich offenbar durch seine Regiererei und Arbeit ruiniert. Es ist am Ende doch dauerhafter, wenn man sich nicht zu sehr anstrengt.» Doch Keller, der dank Escher Staatsschreiber des Kantons Zürich werden sollte, täuschte sich. Der unermüdliche Schaffer beherrschte noch mehr als zehn Jahre lang Politik und Wirtschaft.

Ein Mann, der Tag und Nacht im Dienste grosser Unternehmungen und des Gemeinwohls zubringt, muss auf ein Privatleben verzichten. Erst im Alter von 38 heiratete er die 20 Jahre jüngere Deutsche Augusta von Übel. Sie bekamen zwei Töchter, wobei die eine als Kleinkind starb. Lydia, die erste, wuchs in der Einsamkeit ihres Elternhauses zu einer kapriziösen jungen Frau heran. Neun Jahre nach dem Tod ihres Vaters beging sie Selbstmord – dies nach einer unglücklichen Ehe mit dem Bundesratssohn Friedrich Emil Welti und nach einer tragischen Liebesgeschichte mit dem Künstler Karl Stauffer. Der Zweig der Familie von Alfred Escher starb aus.

Der Widerstand gegen den «Diktator» Escher formierte sich ausgerechnet in Stadt und Kanton Zürich, die ihm alles verdankten. Was ihm aber das Genick brach, war ausgerechnet jenes Projekt, womit er Geschichte schreiben sollte: die Gotthardbahn. Kaum war mit dem Bau begonnen worden, kam es zu Kostenüberschreitungen – was man dem Unternehmer Escher nur zu gern anlastete. Daraus wuchs letztlich eine Infamie. Alfred Escher hatte sich von seinen politischen, moralischen und wirtschaftlichen Schicksalsschlägen nicht mehr erholt. Am 6. Dezember 1882 starb er, schwer krank, ausgebrannt und fast erblindet, im Alter von 63 Jahren. Sein Sarg wurde unterhalb der Kirche Enge beigesetzt. Heute liegt Alfred Escher, dessen Biografie einem antiken Drama entstammen könnte, im Friedhof Manegg begraben, unter einer kargen, efeuumrankten Grabplatte.

Weiterführende Hinweise:

Morgen um 20.05 Uhr zeigt SRF 1 im Rahmen der Doku-Fiction-Serie «Die Schweizer» die Folge mit Alfred Escher: «Kampf um den Gotthard».

Joseph Jung: «Schweizer Erfolgsgeschichten – Pioniere, Unternehmen, Innovationen», NZZ-Libro-Verlag, Juni 2013.

Joseph Jung: «Lydia Welti-Escher. 1858–1891. Biografie», NZZ-Libro-Verlag, Neuauflage 2013.

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Leserkommentare

Andreas Kleinhans - wieso bezeichnen sie Orsini als Tyrannenmörder obwohl sowohl Napoleon wie auch seine Frau das Attentat überlebt haben?

Vor 6 Jahren 3 Monaten  · 
Noch nicht bewertet.