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Reportage

Diese Postkarte aus dem Jahr 1916 zeigt das Stadtpanorama vom Uraniaturm aus. Im Vordergrund die Häuserzeilen an der Fortunagasse, dahinter der Lindenhof und die Zürcher Kirchen. Bilder: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv/Photolab AG

Alles auf eine Karte

Von: Isabella Seemann

23. Juli 2019

Am 30. Juli ist Welttag der Postkarte. Vor 150 Jahren wurde sie als «Correspondenzkarte», noch ohne Bild, erstmals versandt – und revolutionierte die Kommunikation. Ein beispielloser Boom brach aus.

Zwischen die Rechnungen legt sie einen Sonnenuntergang, sie wirkt wie eine Bremse am alltäglichen Hamsterrad, sie hängt noch nach Jahren am Kühlschrank oder wird im Kästchen aufbewahrt wie ein Schatz. Jeder hat Freude, wenn er sie bekommt – aber immer weniger verschicken sie: die Postkarte. Lautlos verliert sie den Verdrängungskampf gegen die Konkurrenten SMS, Whatsapp und Social Media.
Der Weltpostkartentag am 30. Juli, der zugleich der internationale Tag der Freundschaft ist, erinnert daran: Schreib mal wieder! Zudem soll sie auch gefeiert werden, denn vor 150 Jahren kam sie in Österreich-Ungarn in die Welt.

Die Idee, zum Brief noch ein einfacheres, weniger formelles und günstigeres Korrespondenzmittel einzuführen, schwirrte bereits seit Mitte des 19. Jahrhunderts herum. Aber erst die österreichisch-ungarische Post brachte sie am 1. Oktober 1869 als sogenannte Correspondenzkarte zur Ausführung. Und genau ein Jahr darauf schloss sich die Schweiz als drittes Land der Entwicklung mit der «carte correspondance» an. Sie zeigte noch kein Motiv, die Karte war weiss und hatte eine gezackte Umrandung, auf der einen Seite stand der Text, die andere war der Adresse vorbehalten, und sie war bis 1878 nur im Inland gültig. Da die Post in Städten mehrmals täglich ins Haus kam, konnte man sich sogar per Korrespondenzkarte am gleichen Abend verabreden.

Eine Frage des Status

Nach den ersten Pionierjahren dieser revolutionären Erfindung, die auch als demokratische Errungenschaft empfunden wurde, entstand beim Publikum das Bedürfnis, dem Korrespondenzempfänger die Örtlichkeit, an der man sich gerade befand, auch im Bild zu zeigen. Die früheste bekannte Ansichtskarte von Zürich ist eine Sammelbildkarte mit sechs Ansichten, die vermutlich in den 1870er-Jahren herauskam. Geschäftstüchtige Hoteliers, Bäder und Handelshäuser setzten die bebilderten Postkarten als Werbeträger ein. Wie rasant sich die Neuerung in der Schweiz durchsetzte und zum eigentlichen Volksmedium avancierte, belegt die Zahl von 22 Millionen Ansichtskarten, die 1902 gedruckt wurden.

Solch hohe Auflagen waren nur möglich dank der Erfindung neuer Druckverfahren und Schnelldruckmaschinen. Weil die immer grösser werdenden Abbildungen die Grussbotschaften auf den Kartenrand verdrängten, beschloss die Schweizerische Oberpostdirektion 1905, die Kartenvorderseite zu halbieren. Die rechte Seite wurde der Marke, dem Stempel und der Adresse zugeteilt, die linke dagegen war für die Korrespondenz reserviert. Diese Anordnung blieb seither unverändert.

Die Fortschritte der fotochemischen Technik erlaubten immer vollkommenere Wiedergaben der Ansichten von Städten, Dörfern und Landschaften – und schliesslich kannte der Siegeszug der Postkarte kein Halten mehr. Zwischen 1900 und dem Ersten Weltkrieg gab es eine regelrechte Postkartenmanie, die im Jahr 1913 mit 112,50 Millionen gedruckter Postkarten den Höhepunkt erreichte. Dabei waren die Ansichtskarten stets auch Sammlerobjekte und wurden in Alben eingeklebt. Die Postkarte hat sich damals auch bei Reisen durchgesetzt und diese oftmals dokumentiert. Es gab sie überall, an jeder Bahnstation, im Kaffeehaus, es gab sie an jeder Aussichtsplattform.

Das mittelständische Bürgertum betrachtete das Schreiben einer Karte als obligate Statushandlung.
So berichtete etwa ein englischer Tourist, der im Juli 1900 mit einer Gruppe die Schweiz bereiste: «Kürzlich erstieg ich gemeinsam mit einer grösseren Gesellschaft die Rigi. Unmittelbar nachdem wir den Gipfel erklommen hatten, rannte jeder zum nahe gelegenen Hotel und raufte sich um Postkarten. Fünf Minuten später schrieb ein jeder, als ginge es ums liebe Leben. Ich gewann den Eindruck, dass diese ganze Gesellschaft nicht um der Erfahrung selber willen den Berg erstiegen hatte, sondern um eine Postkarte loszuwerden.»

Die Karten zeigten zu jener Zeit aber nicht nur idyllische Landschaften, sondern Errungenschaften, auf die man stolz war: Die ETH, der Hauptbahnhof und die Eisenbahn. In den 1920er-Jahren kam jedoch das Telefon auf und hängte das alte Medium ab – zumindest in der Geschäftswelt griff nun zum Hörer und nicht mehr zum Stift, wer schnell eine kurze Nachricht übermitteln wollte.

Erst die Fortschritte in der Farbfotografie sorgten für eine Renaissance der Ansichtskarten. Nach dem Krieg waren zwischen 1970 und 1990 die Jahre mit den höchsten Postkartenverkäufen in der Schweiz. Um 1990 wurden rund 50 Millionen Karten in der Schweiz verkauft, heute sind es schätzungsweise noch 20 Millionen Karten. Seither nimmt der Verkauf jährlich ab.

Keine Zeit fürs Schreiben
Gion Schneller, Verkaufsleiter und Mitglied der Geschäftsleitung von Photoglob AG, die in der ganzen Schweiz Postkarten vertreibt und auf die von Orell Füssli 1889 gegründete Photochrom & Co. Zürich zurückgeht, nennt als Grund für den Rückgang vorwiegend den elektronischen Ersatz, aber auch die kleineren Verkaufsflächen für Non-Food in Bahnhöfen. Obgleich mehr Menschen denn je Zürich bereisen, schlägt sich das nicht in den Absatzzahlen für Ansichtskarten nieder.

«Viele Übernachtungen in Zürich stammen von Kurzaufenthalten und Wochenendreisen. Da hat man gar keine Zeit, ans Kartenschreiben zu denken», erklärt Gion Schneller. «Weiter können viele Übernachtungen auch dem wachsenden Geschäftstourismus angerechnet werden, und da gibt es definitiv keine Kartenschreiber.» Doch beim Marktleader herrscht Zuversicht, dass auch weiterhin Karten geschrieben werden. «Im Trend liegen schöne Aufnahmen, die der Konsument nicht selbst machen kann», sagt Gion Schneller.

Einer der langjährigen Bestseller unter den Zürcher Ansichtskarten beweist diese These. Das beliebteste Motiv war eine Fotomontage: Zürich mit Blick aufs Seebecken und dahinter die Alpen mit Eiger, Mönch, Jungfrau und dem Matterhorn.

Diese Postkarte mit dem Poststempel vom 6. Juni 1922 zeigt das Restaurant Uto Kulm auf dem Uetliberg bei Sonnenaufgang.

Idyll mitten im Industriequartier beim Hardturm. Poststempel vom 27. Februar 1917.

Die alte Tonhalle am Alpenquai, dem heutigen General-Guisan-Quai, war Ende des 19. Jahrhunderts ein Wahrzeichen der Stadt. Die Karte zeigt ebenfalls das Bauschänzli mit Schifflände und Limmatquai. Poststempel vom 14. September 1899.

Die alte Tonhalle am Alpenquai, dem heutigen General-Guisan-Quai, war Ende des 19. Jahrhunderts ein Wahrzeichen der Stadt. Die Karte zeigt ebenfalls das Bauschänzli mit Schifflände und Limmatquai. Poststempel vom 14. September 1899.

 

 

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