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Reportage

Mädchen ziehen am 8. Mai 1945, dem Tag der Kapitulation Deutschlands, mit einer Schweizer Fahne und einem geschmückten Leiterwagen über die Quaibrücke in Zürich und sammeln Geld für die «Schweizer Spende» zugunsten von Kriegsgeschädigten in Europa. Bilder: Keystone

Als die Zürcher den neuen Frieden in Europa feierten

Von: Isabella Seemann

05. Mai 2020

Der 8. Mai 1945 markiert das offizielle Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa. Die Verkündigung des Friedens löste auch in der neutralen Schweiz einen Freudentaumel aus. In der Stadt Zürich kam es trotz behördlicher Zurückhaltung vor 75 Jahren zu einem Volksfest. 

Die Extrablätter fanden reissenden Absatz, als die Kolporteure auf Zürichs Strassen und Plätzen laut rufend die Schlagzeilen verkündeten: «Kriegsende in Europa». Der ganze Kontinent hatte seit Anfang Mai darauf gewartet. In Berlin hatten Truppen der Sowjetarmee Adolf Hitler im Bunker seiner unterirdischen Reichskanzlei eingekesselt, wo er sich am 30. April 1945 umbrachte. In den frühen Morgenstunden des 7. Mai erfolgte die vollständige und bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht vor den alliierten Streitkräften. Am Dienstag, den 8. Mai 1945, wurde der Zweite Weltkrieg in Europa als offiziell beendet erklärt.

Es war das Ende des grössten und grausamsten Kriegs, den die Menschheit bis dahin erlebt hatte: Über 60 Millionen Menschen starben, mehr als sechs Millionen europäische Juden wurden systematisch ermordet. Städte und ganze Landstriche waren zerstört. Die Nachricht vom Ende des Grauens in Europa löste Freude und Erleichterung aus. Am 2. September 1945 endete mit der Kapitulation Japans der Zweite Weltkrieg auch im pazifischen Raum.

Die neutrale Schweiz war eines der ganz wenigen Länder Europas, die den Konflikt unbeschadet überstanden. Dennoch bekamen die Menschen den Krieg auch hier zu spüren: mit der Mobilisierung der Schweizer Armee, der Angst vor einem Einmarsch der Hitler-Truppen, den Rationierungen und Einschränkungen aller Art.

Vaterländische Hymnen
Kurz nach zehn Uhr vormittags des 8. Mai 1945, es war ein strahlend schöner Tag, wurde die offizielle Friedensbotschaft von der Bundeskanzlei an alle Kantonsregierungen übermittelt, zuerst telefonisch und anschliessend via Telegramm: «Schluss der Feindseligkeiten offiziell festgestellt – die Glocken sollen läuten heute ab 20 Uhr – Bundesverwaltung heute Nachmittag geschlossen.»

In Zürich hielt man sich nicht an den Bundesbefehl. Der Zürcher Regierungsrat hatte beschlossen, die Bevölkerung nicht so lange warten zu lassen, sondern ordnete schon um 11 Uhr vormittags ein halbstündiges Glockenläuten an – zuerst erklangen die Glocken der St.-Peter-Kirche, nach und nach stimmten alle anderen Gotteshäuser ein, zur Freude der Zürcherinnen und Zürcher, die dieses lange erwartete Signal auf der Quaibrücke begrüssten.

Bereits am Morgen liefen die Schulkinder mit wehenden Fahnen und vaterländische Hymnen singend durch die Strassen. Trommelnde Pfadfinder zogen mit geschmückten Leiterwagen umher und sammelten Geld für die europäischen Kriegsgeschädigten – die so genannte «Schweizer Spende». Ein Kleiner trug auf der Brust eine Tafel mit der Inschrift «Der Krieg ist tot». Allein in der Stadt Zürich kamen mehrere Zehntausend Franken zusammen. Am Paradeplatz warf jemand eine Tausendernote in den Kessel.

Offiziell tat sich die Schweiz schwer, den Sieg der Alliierten zu feiern, und rief keinen Feiertag aus. Bundesrat von Steiger wollte vor lauter Neutralität gar das Feiern verbieten («für das Schweizervolk handelt es sich nicht um eine Siegesfeier»). Der Zürcher Regierungsrat hatte die Gemeinden angewiesen, am 8. Mai 1945 Dankgottesdienste zu begehen, aber auf «weltliche Feiern» zu verzichten. Gesuchen um Verlängerung der Polizeistunde oder um Tanzbewilligungen sei nicht zu entsprechen.

Doch die Stadtzürcher foutierten sich darum. Firmen, Geschäfte und Ämter blieben – wie sie auf Tafeln verkündeten – «Wegen Kriegsende geschlossen». Nachmittags strömten die Menschen nach exakt fünf Jahren, acht Monaten und sieben Tagen im Ausnahmezustand, in Angst, Bedrohung und Unsicherheit in nie gesehenen Scharen auf die Strassen.

Auf dem Bellevueplatz schlugen junge Soldaten einen Trommelwirbel, die Heilsarmee spielte auf dem Bahnhofplatz die Nationalhymne und auf dem Bürkliplatz rissen Kunden den Marktfahrern die Blumen aus den Kübeln.

Der Zürcher Stadtpräsident Adolf Lüchinger hielt eine Rede zur Waffenruhe am Helvetiaplatz, wo sich die Sozialdemokraten und die Sozialistische Arbeiterjugend zu einer Kundgebung unter der Devise «Wir wollen den Frieden gewinnen!» trafen. Aus dem Chaos, rief Lüchinger der Menge unter starkem Beifall zu, müsse eine neue, schönere, bessere und gerechtere Welt aufgebaut werden. Nach ihm war Gewerkschaftsführer Otto Schütz an der Reihe, welcher der Sowjetunion und ihrer Roten Armee hohes Lob zollte und die sofortige Ausweisung aller deutschen Nazis forderte.

Abends herrschte Festbetrieb vom Zürichberg bis zum Uetliberg hinauf. Gruppen, die oft eine Stärke von mehr als hundert Personen erreichten, durchzogen singend die Strassen, auf den Plätzen wurde getanzt, und die Gartenwirtschaften waren bis zum letzten Platz gefüllt. Vor den alliierten Konsulaten wurde die Landeshymne gesungen, und vor dem deutschen Generalkonsulat an der Kirchgasse 48–50 gabs Pfiffe und Buhrufe. Zeugen berichteten, wie aus dem Kamin Rauchfahnen stiegen – als letzter Rest verbrannter Akten.

Ebenso ergriffen wie beglückt, sass derweil das Publikum in der Tonhalle. Die Regie des Zufalls hatte lange zuvor die Neunte Symphonie Beethovens aufs Programm gesetzt. Der Saal stand während des ganzen Abends nicht nur unter dem Eindruck des Kunstwerks, bei dem der Chor die «Ode an die Freude» sang, sondern ebenso sehr unter dem seiner aktuellen Bedeutung.

Plötzlich ein Klirren
Einen kleinen Misston gab es schliesslich kurz nach Mitternacht. Eine Gruppe junger Leute kam, nachdem sie sich beim Bellevue dem Tanzvergnügen hingegeben hatten, am deutschen Reisebüro an der Ecke Bahnhofstrasse, Rennweg, vorbei.

An Hitlers Geburtstag hatte man hier jeweils ein Schaufenster mit Tulpen, Hakenkreuz und Führerbild geschmückt und mit der Tourismusförderung über Jahre Propaganda für Nazideutschland betrieben. Nun wurden am Gitterportal englische und amerikanische Fahnen und Bilder aus den deutschen Konzentrationslagern angebracht.

Die Menge sang schweizerische und französische Lieder, dazwischen erklangen Rufe gegen Deutschland. Die jungen Leute polterten gegen die Fenster, dann tauchte eine dicke Holzlatte auf. Plötzlich ein Klirren, die grosse Fensterscheibe ging in Trümmer. Zuerst war es nur ein kleines Loch, das aber unter dem Beifall der Zuschauer immer grösser wurde. Die im Fenster ausgestellten Bilder und Requisiten flogen auf die Strasse, gingen von Hand zu Hand, die Bilder für Reisen ins vergangene «Tausendjährige Reich» wurden aus den Rahmen gerissen, zerfetzt und am Boden zertrampelt.

Das Polizeiaufgebot von 50 Mann, das versuchte, die Menge aufzulösen, wurde mit «Schweizer SS» und «Gestapo» beschimpft. Schliesslich deckte ein Feuerwehrkommando den Neon-Schriftzug «Deutschland» mit einem nun nutzlos gewordenen Verdunkelungstuch ab, was mit grossem Jubel quittiert wurde. Es wurde eine Verhaftung vorgenommen.

Die Extrablätter verkünden das Kriegsende in Europa und finden reissenden Absatz. Im Bild: ein Zeitungsverkäufer im Hauptbahnhof Zürich.

Die Wut mancher Zürcher entlädt sich vor dem deutschen Verkehrsbüro an der Bahnhofstrasse.

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