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Reportage

3. September 1912, Bahnhofplatz Zürich: Der deutsche Kaiser Wilhelm II. (4.v.r.) ist gerade mit seiner Entourage in der Limmatstadt angekommen. Empfangen wird er von Bundespräsident Ludwig Forrer (3. v.r.), mit dem er später die Ehrengarde abschreitet. Bilder: Baugeschichtliches Archiv/PD

Als die Zürcher gekrönten Häuptern zujubelten

Von: Isabella Seemann

10. Dezember 2019

Der Adel liebte die Schweiz. Und auch die Zürcher waren lange, bevor es Massenmedien gab, seine Fans. Michael van Orsouw erzählt in seinem Buch «Blaues Blut» royale Geschichten.

3. September 1912. Es ist Nachmittag und Zürich in Aufregung. Während Wochen hat sich die Stadt herausgeputzt. Hölzerne Triumphbögen stehen an der Bahnhofstrasse, weiss-rote und schwarz-weiss-­rote Masten bilden eine Allee, die Häuser zwischen Hauptbahnhof und der Villa Wesendonck (heute Museum Rietberg) sind festlich dekoriert. Ein Menschenmeer versammelt sich entlang der Strassen, um den hohen Gast in Augenschein zu nehmen. Der deutsche Kaiser Wilhelm II. kommt.

Punkt 17.29 Uhr fährt der Sonderzug im Hauptbahnhof ein. Gewandet in die Uniform des Garde-Schützen-Bataillons schreitet er nach protokollarischem Empfang durch die Bundesräte auf dem mit Perserteppichen ausstaffierten Perron auf den Bahnhofplatz hinaus. Frenetische Hochrufe branden dem Kaiser aus der Menge entgegen. Das Volk schwenkt Hüte, Taschentücher und Fahnen, als er in einer offenen Kutsche durch die Stadt zu seinem  Domizil  in  die   Enge   fährt.

Aus historischem Blickwinkel lässt sich der Staatsbesuch gleich zweifach mit Superlativen schmücken: Seinetwegen inszenierte die Schweizer Armee das am meisten beachtete Manöver ihrer Geschichte, das sogenannte Kaisermanöver. Und nie ist hierzulande ein ausländischer Gast mit mehr Brimborium gefeiert worden.

Dieser und zwölf weiteren royalen Geschichten in der Schweiz ist der Historiker und Schriftsteller Michael van Orsouw in seinem Buch «Blaues Blut» nachgegangen. Obgleich die Schweiz nie ein königliches Oberhaupt hatte, es sei denn, man zählt Rudolf von Habsburg mit, und die alte Eidgenossenschaft betont adelsfeindlich war, lieben Royals die Schweiz. Und die Schweizer lieben die Royals – und zwar schon seit Jahrhunderten.

Bereits 1777 jubelte das Volk Joseph II., Kaiser des Heiligen Römischen Reichs, auf seiner Reise durch die Schweiz zu und selbst der Zürcher Pfarrer Johann Caspar Lavater zeigte sich geschmeichelt ob des Kaisers Interesse an seinen physiognomischen Studien.

Goldene Stosszähne
Auf Bildungsreisen oder gar auf der Flucht vor politischen Wirren liessen sich vor Mitte des 19. Jahrhunderts mehrere königliche Herrscher für eine Weile in Zürich nieder. So beherbergte der Gasthof Zum Schwert am heutigen Weinplatz 10, seinerzeit eines der ersten Häuser Europas und kultureller Mittelpunkt der Stadt, Louis-Philippe I., König von Frankreich, Zar Alexander von Russland, Louis Napoleon, König Friedrich Wilhelm III. und König Gustav Adolf IV. von Schweden. Später reisten viele gekrönte Häupter vorwiegend zur Erholung und zum Vergnügen in die Schweiz.

«Die Royals mochten die Schweizer Landschaft und die Diskretion», erklärt Autor Michael van Orsouw. «Hier konnten sie inkognito reisen, obwohl in der Schweiz bekannt war, wer dort mit dem Hofstaat unterwegs war. Deshalb jubelte ihnen das Volk zu oder sang auf der Rigi ein «God save the Queen», als Queen Victoria unter dem Namen «Gräfin von Kent» dort reiste. Aber die ­Royals konnten in der Schweiz dem höfischen Zeremoniell entfliehen und mussten nicht andere Könige und Kaiser treffen.»

Das Baur au Lac galt nun als neuer Hotspot für Royals: König Ludwig I. von Bayern weilte 1862 und 1863 da. Und im August 1898 verbrachte die österreichische Kaiserin Elisabeth, genannt Sisi, ihre letzten heiteren Tage am Zürichsee, bevor sie nach Genf weiterreiste und am 10. September 1898 von einem italienischen Anarchisten erstochen wurde.

Ende November 1954, 42 Jahre nach dem Staatsbesuch von Kaiser Wilhelm II., rollt die Schweiz zum zweiten – und vorläufig letzten – Mal den roten Teppich für einen Kaiser aus: Haile Selassie I. von Äthiopien. Zehntausende säumen die Strassen und jubeln dem Kaiser zu, als er am Bahnhof Enge ankommt, wie die Zeitung «Die Tat» rapportiert: «An diesem Freitagvormittag vergassen grosse Teile der Stadtzürcher ihr demokratisches Gewissen, und das seltene Ereignis eines Kaiserbesuchs nahm sie voll gefangen.»

Der afrikanische Kaiser will statt der Bergwelt die moderne, industrielle Schweiz sehen. Mit ihr will er ins Geschäft kommen. Nach Besichtigung der ETH reist er nach Oerlikon: zur Waffenschmiede Bührle. Der Staatsbesuch ist insgesamt reich mit Symbolen und politischen Gesten ausgestattet. Als Gastgeschenk erhält die Stadt Zürich von Kaiser Haile Selassie I. in Gold und Silber gefasste Stosszähne von Elefanten, Speere und einen verzierten Buckelschild.

Kaiserin Elisabeth von Österreich-Ungarn, genannt «Sisi», logierte 1898 im Hotel Baur au Lac, bevor sie nach Genf weiterreiste. Dort wurde sie Opfer eines Attentats.

Kaiser Haile Selassie I. (Mitte) zeigt beim Besuch der Werkzeugmaschinen­fabrik Oerlikon, Bührle & Co. Interesse an der Flugabwehrkanone.

«Schweizer haben offensichtlich ein Faible fürs Royale»

Michael van Orsouw (54), promovierter Historiker, Bühnenpoet und Schriftsteller, erzählt in seinem Buch «Blaues Blut» royale Geschichten, die sich in den letzten gut 200 Jahren in der Schweiz abgespielt haben.

Royale Geschichten verbindet man gemeinhin mit Boulevardstoff. Was trieb Sie als Historiker an, das Thema zu erforschen?
Michael van Oursow: Zuerst war es eine Anfrage vom Verlag Hier & Jetzt. Als ich mich dann ins Thema vertiefte, merkte ich, wie interessant das Ganze ist: Das Königliche hat eine grosse Anziehungskraft, auch auf die Schweiz und auch auf mich. Aber den boulevardesken Stoff kann man gut historisch einordnen, und er eignet sich sehr als Schuhlöffel für andere, schwergewichtige ­Geschichtsthemen. So kommen in meinem Buch fast alle grossen Geschichtsthemen zwischen 1777 und 1950 auch vor, aber sie werden durch das heitere Wesen der Royals gespiegelt.

Sie erzählen viele überraschende Details. Wie sind Sie bei Ihren Recherchen vorgegangen?
Ich war in vielen Archiven in der Schweiz. Zudem haben viele Zeitzeugen ihre Erlebnisse mit Royals in der Schweiz niedergeschrieben. Dadurch konnte ich beim Schreiben viele Kleinigkeiten einflechten, um eine lebendige Darstellung zu ermöglichen und eine grössere Tiefenschärfe erzeugen.

Was Sie am meisten überrascht?
Ich war mir nicht bewusst, dass der Schweizer Jubel für die ­Royals schon vor der Zeit der Medien gross war. Deshalb ist es falsch, den Hype um die Königlichen einer medialen Boulevardisierung zuzuschieben. Vielmehr waren bereits die Eidgenossen von 1777 von Kaiser Joseph II. so angetan, dass es riesige Menschenaufläufe in Genf, Bern und Basel gab. Damals gab es noch kaum Massenmedien.

Wenn man sieht, wie die Schweizer Kaisern und Königen zujubeln, könnte man denken, sie seien Monarchisten und wüssten es nur nicht. Was meinen Sie dazu?
Die Schweizerinnen und Schweizer sind in erster Linie Demokratiefans, haben aber offensichtlich ein Faible fürs Royale. Das erkennt man auch daran, dass der Kaffee in der genossenschaftlichen Migros nicht «Café démocratique» heisst, sondern «Café Royal». Und den besten Schwinger des Landes bezeichnen wir nicht als Schweizer Schwingermeister – sondern eben als Schwingerkönig.

Welchen Nutzen hatte die Schweiz von den königlichen Besuchen?
Das ist eine Frage, die sich nicht einheitlich beantworten lässt. Denn die königlichen Besuche waren sehr unterschiedlich motiviert. Das eine Mal profitierte der Schweizer Tourismus, das andere Mal die Bundesdiplomatie, wieder ein anderes Mal die Oerliker Waffenindustrie. Doch jemand zog immer einen Nutzen daraus.

Weitere Informationen:
Michael van Orsouw: «Blaues Blut – Royale Geschichten aus der Schweiz»
Verlag Hier & Jetzt 2019
ISBN: 978-3-03919-469-8
Vortrag mit Lesung von Michael van Orsouw aus seinem Buch:
Lavatersaal, St. Peterhofstatt 6,
Mo, 20.1., 18.30 Uhr.

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