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Reportage

Beflaggt mit der Zürifahne eroberte das Team von Urs Pedraita (2.v.l.) den Andenvulkan. Bild: Grizzly Race Team

Auf 6546 Meter über Meer ist der Traum wahr geworden

Von: Jan Strobel

25. Februar 2020

Anfang Februar brach der Zürcher Abenteurer Urs Pedraita alias Grisu Grizzly mit seinem Team nach Chile auf, um auf dem höchsten Vulkan der Erde gleich drei Weltrekorde zu knacken. Zurück in die Schweiz kam die Expedition mit einer erfüllten Mission und zwei Triumphen. Das Logbuch einer Reise der Superlative.

Eigentlich war es ein Wahnsinn, was sich der Zürcher Abenteurer Urs Pedraita alias Grisu Grizzly mit seinem Team vorgenommen hatte, aber natürlich lebt so ein Unterfangen immer ein Stück weit vom Wahnsinn, von einem Traum, der zu Beginn wie eine Spinnerei daherkommt.

Pedraita und die anderen Expeditionsteilnehmer hatten ein Ziel: Sie wollten mit Yamaha-Motorrädern, dem vierrädrigen Geländefahrzeug Quad Can-Am Maverick Turbo und einem massigen Dodge Ram den Ojos del Salado, den höchsten Vulkan der Erde, bezwingen und dabei gleich drei Weltrekorde knacken. Ihren neusten Coup nannten Grisu Grizzly und sein Race Team das «High Altitude Extreme Project» (siehe «Tagblatt» vom 29.1.)

Die Vulkanstürmer erwarteten in den chilenischen Anden Extrembedingungen, eine Weltgegend auf über 6000 Meter über Meer, die für Menschen nicht geschaffen ist. Der bisherige Höhenweltrekord für Motorräder lag bei 6471,2 Metern. Der Expedition gingen deshalb minutiöse Geländestudien, Routenplanungen und Höhentrainings voraus.

Kampf ohne Sauerstoff
Am 4. Februar kam das Grizzly Race Team in Santiago de Chile an, die Fahrzeuge waren vorher über Basel per Container nach Chile verfrachtet worden. Zwei Tage später erfolgte der offizielle Start der Mission in der Stadt Copiapo, rund 800 Kilometer nördlich der Hauptstadt. Nach Absprache mit dem einheimischen Tourmanager wurden hier diverse Aufgaben verteilt und letzte Vorbereitungen und Checks am Equipment vollzogen. Am Nachmittag konnte schliesslich das Abenteuer beginnen. Nach 80 Kilometer Asphalt verliess das Race Team die Hauptstrasse und bog ab in ein Nebental in Richtung Laguna Santa Rosa.

Ab diesem Zeitpunkt war die Expedition eigentlich von der Aussenwelt abgeschnitten, ein Funknetz gibt es in dieser Gegend nicht mehr. Eine rudimentäre Kommunikation ist nur noch über GPS möglich. Interessierte konnten die gesamte Rekordjagd allerdings über einen Live-Tracker verfolgen und dem Team kurze Nachrichten übermitteln.

Die Gegend rund um den Ojos del Salado empfing die Expedition mit ihrer ganzen unwirklichen Härte. Sie gleicht eigentlich einer Marslandschaft, nichts als Gestein und Horizont, dazu die dünne Luft. Das obere Basislager wurde auf 4400 Meter über Meer für die nächsten Tage festgelegt. Am 9. Februar stiessen sechs Teammitglieder auf 5500 Meter vor, um die aktuelle Wettersituation und den Steilhang am Ojos del Salado zu prüfen. Sorgen bereitete der Schnee auf 6200 Meter.

«Die Akklimatisierung», erzählt Urs Pedraita, «brauchte mehr Zeit als geplant. Und die Zeit drängte.» Für Abenteurer ist Geduld eine der wichtigsten Grundeigenschaften, auch wenn die Zeit drängt. Die richtige Taktik entscheidet in solchen Situationen über Erfolg oder Misserfolg einer Mission. Und die «Pechhexe», wie es Urs Pedraita umschreibt, schien das Team nun doch heimzusuchen: Am Quad und am Dodge Ram kam es zu Defekten, die allerdings schnell wieder repariert werden konnten.

Am 17. Februar, nach zahlreichen Erkundungsfahrten, nahm das Grizzly Race Team die Rekordjagd auf. Gefahren wurde zum allerersten Mal überhaupt ohne Sauerstoff, die Route auf dem Vulkan wurde ab 6100 Meter mit kleinen Schweizerfahnen ausgesteckt. «Die grössten Hindernisse bildeten dabei eine grosse Ferlsrinne auf 5800 Meter Höhe und Gletscherzungen. Es blieben uns nur vier Stunden für die Rekorjagd», erzählt Pedraita.

Den Anfang machte das Motorrad-Team mit Urs Pedraita, Jiří Zak aus Affoltern am Albis und Adrian Burkert aus Ottenbach. Dabei schaffte Jiří Zak auf Anhieb die Verwirklichung des Traums: Er erreichte mit seiner Yamaha eine Höhe von 6546 Meter über Meer und knackte damit den bisherigen Weltrekord des Chilenen Gianfranco Bianchi, der 2015 mit einer Suzuki – mit Sauerstoff – auf 6471,2 Meter gekommen war.

Kurz danach folgte der zweite Coup auf dem Vulkan. Der Russe Yan Zinger stieg in den Quad und stellte den ersten Höhenrekord überhaupt in der Kategorie für diese Geländefahrzeuge auf. Zinger erreichte eine Höhe von 6089 Meter über Meer.

In der Kategorie Auto mit Marco Schweizer aus Hedingen erreichte das Gizzly Race Team eine Höhe von 5989 Meter und musste schliesslich wegen eines technischen Defekts am Fahrzeug aufgeben. Spektakulär gestaltete sich die Reparatur und Bergung des Fahrzeugs – ebenfalls ohne Sauerstoff – aus der Felsrinne auf knapp 6000 Meter Höhe.

Am vergangenen Sonntag kehrten die Vulkanstürmer in die Schweiz zurück mit zwei Weltrekorden im Gepäck. «Wir haben unsere Siege ausgiebig gefeiert. Natürlich mit Pisco, dem chilenischen Nationalgetränk», sagt Urs Pedraita, der bereits sein nächstes Projekt plant. Er möchte den nördlichsten Festlandpunkt der Erde in der russischen Tundra mit einem Auto erreichen. Und er baut ein Start-up auf, das Expeditionstouren und Erstbefahrungen für Wagemutige anbietet.  

Weitere Informationen:

www.grizzlyraceteam.ch

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Leserkommentare

Robert Kruker - Im Bericht des Tagblatt-Redaktors Jan Strobel über die motorisierte Rekordjagd in den chilenischen Anden fehlt für mich die kritische journalistische Distanz, es gibt keine Frage nach der Umweltbilanz oder zu Sinn und Unsinn solcher "Triumphe" und
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