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Reportage

Auf dem Berg

Von: Clarissa Rohrbach

10. November 2015

Wie ist es, auf dem Uetliberg zu wohnen? Ein Augenschein bei Urs Streuli.

«Ich bin nicht gerne in der Stadt.» Urs Streuli trinkt Citro auf seiner Hollywoodschaukel und blinzelt der Sonne entgegen. Der Nebel lichtet sich über dem See, die Alpen leuchten in Weiss. Eine Meise läuft den Baumstamm entlang, wo Streuli Säckchen mit Sonnenblumenkernen angeheftet hat. «Nach ein paar Stunden will ich wieder hier hoch.» Der gelernte Koch wohnt seit zehn Jahren auf dem Uetliberg.


Streuli führt ins Wohnzimmer, es riecht nach Cheminée. Er erzählt, wie seine Eltern vor 45 Jahren die Liegenschaft als Ferienhaus gekauft hatten. Im Baujahr 1890 hiess es Schwesternheim Uetliberg, wie ein Schwarzweissfoto an der Wand belegt. Darauf sitzen Nonnen mit weissen Hauben vor der Fassade, wo jetzt die Hollywoodschaukel steht. Sie erholten sich hier in den Sommermonaten von der Arbeit im Spital. Streuli erklärt, wie seine Familie einen Wärmetauscher einbaute, weil eine Heizung fehlte, und wie sich der Preis des 4-Zimmer-Hauses am Gratweg 12 verzehnfacht hat, weil man auf dem Uetliberg nicht mehr bauen darf.


Er schlendert auf die zweite Terrasse hinaus, die auf den Wald zeigt. Ruhe herrscht. Streuli hebt seinen Zeigefinger: «Da ist eine Eibe, schauen Sie.» Europaweit wachsen hier die meisten Exemplare des geschützten Baumes. Und der Uetliberg sei Wildschongebiet. Manchmal, während seiner täglichen Spaziergänge, sehe er Rehe und Füchse. Streuli ist gezwungenermassen ein Naturkenner geworden.


Feuerrote Blätter knistern nun unter unseren Füssen. Vom Haus führt ein Pfad zur Bahnstation und zum Restaurant Gmüetliberg, wo Streuli – nur drei Minuten von zu Hause entfernt – arbeitet. Er erzählt, wie er seine Kochlehre bei Giusep Fry im Uto Kulm absolvierte und wie grosszügig der Wirt gewesen ist: Wer nie krank war, bekam einen Bonus von 1000 Franken. Die Uetliberg-Leute bildeten eine Clique, jeder kenne jeden.


Wir kehren zum Gratweg zurück. Streuli schenkt uns Citro nach und schaut auf die Stadt hinunter. Nun ist auch sie in die Sonne getaucht, die hier bereits seit Stunden scheint. «Ich könnte nicht mehr in der City wohnen», meint der Einsiedler. Am häufigsten gehe er nach Altstetten, wo er aufgewachsen sei. Dort kauft er ein und besucht seine Eltern. Die Waren bringt er mit seinem Kwat auf den Berg. Dafür hat er eine Spezialbewilligung der Polizei. Wer ohne auf den Uetliberg fährt, bekommt 220 Franken Busse. Nimmt Streuli die Bahn, muss er die letzte um 23 Uhr erwischen, sonst ist er gezwungen, in der Stadt zu schlafen.


«Die Leute wollen zentral wohnen, mir hingegen ist sogar hier manchmal zu viel los.» Samstags und sonntags spazieren haufenweise Ausflügler neugierig an seinem Haus vorbei. Einige ganz freche hätten sogar bei seinem Nachbarn auf der Terrasse grilliert.


Streuli schaukelt hin und her, vor ihm schwimmen seine Goldfische im Teich. Er freue sich auf den Schnee. Der bleibt hier auf rund 815 Metern länger liegen. Ab und zu fahre er mit dem  Schlitten den Uetliberg hinunter. Weniger Spass mache das Schaufeln, wenn seine Oase eingeschneit sei. Aber den Preis zahlt Streuli gerne. 

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