mobile Navigation

Reportage

Das Team von Grün Stadt Zürich, das für schöne Weihnachtsbäume sorgt (v. l. n. r.): Daniel Küderli (Forstwart), Christoph Blattmann (Forstwart), Robin Honegger (Verkauf), «Tagblatt»-Redaktor Sacha Beuth, Riccardo Dalla Corte (Forstwart-Vorarbeiter und Leiter Verkauf), Michael Stirnimann (Forstwart-Vorarbeiter), Nico Wegmann (Forstwart) und Livio Süsli (Forstwart). Bild: Nicolas Zonvi

Christbaum-Hüter vom Uetliberg

Von: Sacha Beuth

10. Dezember 2019

AM PULS Frisch aus dem Stadtwald direkt in die weihnachtliche Stube: Rund 3500 Christbäume werden im Werkhof von Grün Stadt Zürich an der Uetlibergstrasse 355 jedes Jahr verkauft. Wenige Wochen vor dem grossen Fest haben die Forstwarte alle Hände voll zu tun, um kleine und grosse Tannen zu fällen, zu liefern oder vor Ort zu verkaufen. Für die Serie «Am Puls» begab sich «Tagblatt»-Redaktor Sacha Beuth mitten ins Geschehen.

Beim Einturnen der Forstwarte im Werkhof des Waldreviers Uetliberg führt immer ein anderer Regie. Dieses Mal ist Lehrling Robin Honegger (15) an der Reihe. Um ihn herum haben sich rund ein Dutzend Kollegen aufgereiht und machen im morgendlichen Halbdunkel – es ist gerade einmal 7.15 Uhr – die vorgezeigten Übungen nach. Der Frühsport ist eine kantonale Präventionsmassnahme, die das Verletzungs- und Unfallrisiko in den Forstwart-Teams von Grün Stadt Zürich mindern soll.

Rund eine Viertelstunde dauert das Aufwärmen, dann ist Honeggers Lektion beendet, und die Forstwarte verteilen sich, um ihren eigentlichen Beschäftigungen nachzugehen. Michael Stirnimann, Daniel Küderli und Livio Süsli etwa stapfen durch den Wald zu einer kleinen Lichtung, an der bereits ein Lastwagen mit Hebekran in Position gebracht wurde. Eine etwa 9 Meter hohe Nordmanntanne soll auf dem LKW platziert und dann zu einem Unternehmen in der Innenstadt geliefert werden. Als stattlicher Weihnachtsbaum für Mitarbeiter und Kundschaft. Erst allerdings muss die Tanne gefällt werden. «Anders als bei herkömmlichen Baumfällaktionen müssen wir hier darauf achten, dass der Baum nicht einfach umkippt und Äste abbrechen, sondern dass er mittels Kran aus der Umgebung gehoben und dann sachte auf der Lastwagenoberfläche abgelegt wird», erklärt Forstwart-Vorarbeiter Stirnimann (35). Die dafür nötige Tragebandkonstruktion am Baum zu befestigen, ist am heutigen Tag Livio Süslis Aufgabe. Der 30-Jährige hat sich das Bandende geschnappt und kämpft sich am Stamm entlang nach oben in die Kronenregion, um dort die Konstruktion zu befestigen. «Das ist nicht immer leicht. Gerade wenn es nass ist, muss man aufpassen, dass man nicht abrutscht», erzählt Daniel Küderli (56) und ergänzt witzelnd: «Höhenangst darf man in diesem Job auch nicht haben.» Nach wenigen Minuten ist die Tragekonstruktion ordnungsgemäss befestigt und Süsli wieder auf dem Waldboden zurück. Mit Motorsägen wird nun der Baum abgetrennt und dann vom Kranführer einer Partnerfirma auf den Lastwagen geschwenkt und dort positioniert. «Hier ist Fingerspitzengefühl gefragt. Immerhin kostet so ein Baum mehrere Tausend Franken», bemerkt Stirnimann. Item, es geht alles glatt. Der Baum wird gut befestigt, und dann macht sich das Trio auf in die Innenstadt, um die Tanne dem neuen Besitzer zu übergeben.

Inzwischen ist es 8 Uhr, und Robin Honegger öffnet zusammen mit einem Zivildienstleistenden die Tore zum Werkhof, um die erste Laufkundschaft hereinzulassen. Drei Damen und ein Herr sind es, die unter den ausgestellten Rot-, Blau- und Nordmanntannen ihren Wunsch-Christbaum entdecken wollen. Auch Zweige und anderes natürliches Dekomaterial für Adventskränze werden begutachtet. Eine ältere Dame hat sich für eine Blautanne entschieden. Während sie an der draussen aufgestellten Kasse bezahlt, packt Honegger den Baum in ein Netz und trägt ihn zum Auto der Frau – die sich dafür auch herzlich bedankt. «Das machen wir gerne, wenn es das Kundenaufkommen zulässt», erklärt der Auszubildende.

Im nebenstehenden Betriebsgebäude arbeitet Forstwart-Vorarbeiter und Verkaufsleiter Riccardo Dalla Corte (29) am PC eine längere Liste an Bestellungen ab. Von den rund 3000 Christbäumen, die jedes Jahr über den Werkhof Uetliberg verkauft werden, werden etwa 500 geordert. Sowohl bei der Laufkundschaft wie bei den Bestellungen schwingen die Nordmanntannen obenaus. «Sie sind zwar teurer als Rot- oder Blautannen, machen dies aber mit der längeren Haltbarkeit wett, weil sie nicht so schnell ihre Nadeln verlieren», so Dalla Corte. Stolz verweist er auf den Umstand, dass der überwiegende Teil der im Werkhof angebotenen Christbäume «schon seit Jahren» aus Stadtzürcher Wäldern stamme. «Unsere eigens produzierten Tannen werden weder gedüngt noch gespritzt. Und die übrigen erhalten wir von Schweizer Produzenten aus der Region.» Das würde von der Kundschaft sehr geschätzt, weshalb die meisten auch bereit seien, für einen ökologischen Christbaum vom Werkhof etwas mehr zu bezahlen als für einen vom Grossisten.

Mit einer Bestellung in der Hand ruft Dalla Corte Christoph Blattmann (44) und Nico Wegmann (18). Eine etwa 2 Meter hohe Nordmanntanne soll geschlagen werden. Im Gegensatz zu Stirnimann, Küderli und Süsli, die für die Entnahme der Bäume über 6 Meter zuständig sind, haben sich Blattmann und Wegmann um «alles, was sich unter diesem Mass befindet», zu kümmern. «Was nicht weniger anstrengend ist, denn im Gegensatz zu ihnen müssen wir die gefällten Bäume tragen», betont Blattmann. Wegmann nickt und ergänzt: «Am Anfang war ich jeweils am Feierabend auch ziemlich kaputt. Doch mit der Zeit gewöhnt man sich dran. Ausserdem geniesse ich es, in der Natur zu arbeiten.» «Das ist wirklich ein schöner Aspekt unseres Berufs», findet auch Blattmann. Das Fällen der Bäume weckt in ihm hingegen zwiespältige Gefühle. «Einerseits tut es gut, zu wissen, dass man den Leuten mit einem Weihnachtsbaum Freude bereiten kann. Andererseits tut es aber auch ein bisschen weh, wenn man eine Tanne abhaut, die man zuvor während 20 Jahren behütet, gehegt und gepflegt hat.» Vielen Leuten sei leider gar nicht bewusst, wie langsam Nadelbäume wachsen. «Ein durchschnittlicher Weihnachtsbaum hat etwa eine Höhe von 2 Metern. Bis er diese Grösse erreicht, ist er aber bereits zwischen 10 und 15 Jahre alt.»

«Wir haben nur schöne Christbäume.»

Blattmann und Wegmann gehen noch ein paar anderen Aufträgen nach, bis sich um 12 Uhr das ganze Team zum Mittagessen im Werkhofsgebäude einfindet. Süsli erzählt dabei von einem Kunden, der gerne einen «schönen» Christbaum hätte. «Ich habe ihm dann gesagt: Wir haben nur schöne Christbäume», worauf die ganze Runde lacht. «Schönheit liegt eben immer im Auge des Betrachters», sagt Dalla Corte. «Manchmal fehlt den Leuten das Verständnis, dass es sich bei unseren Bäumen um Naturprodukte und nicht um normierte Industriegegenstände handelt. Da ist ein Ast mal eben etwas weniger benadelt und mal etwas krumm gewachsen.» Worauf Team-Benjamin Honegger betont: «Trotzdem ist bis jetzt bei uns noch jeder fündig geworden.»

Die Pause ist um. Honegger und Dalla Corte eilen dem Zivildienstleistenden draussen an der Kasse zu Hilfe, vor der sich schon eine kleine Schlange gebildet hat. Die anderen packen wieder ihre Sägen und ihre Schutzausrüstung, um für weiteren Nachschub zu sorgen.

Der Werkhof Uetliberg hat bis zum 23. 12. von Montag bis Samstag jeweils von 8 bis 17 Uhr und am 24. 12. von 8 bis 12 Uhr geöffnet.

Sind Sie bei Facebook? Werden Sie Fan von tagblattzuerich.ch

zurück zu Reportage

Artikel bewerten

Gefällt mir 3 ·  
5.0 von 5

Leserkommentare

Keine Kommentare