mobile Navigation

Reportage

Das fremde Kind: Fürsorge auf Zeit

Von: Ginger Hebel

14. Februar 2017

Das Zürcher Ehepaar Bettina und Rolf Weber hat drei leibliche Kinder und einen Pflegesohn. Er ist für sie wie ihr eigenes Kind. Auch wenn sie als Pflegeeltern keine Gewissheit haben, für wie lange.

Eine 5-Zimmer-Wohnung in der Stadt Zürich in einer modernen Überbauung. In den Kinderzimmern liegen Spielzeugautos und Playmobil verstreut. «Das hat alles seinen Platz, da muss man aufpassen beim Aufräumen», sagt Mutter Bettina Weber (46)*. Mit ihrem Mann Rolf (48)* hat sie drei leibliche Kinder im Alter von 14, 11 und 9. Und den siebenjährigen Pflegesohn Sebastian*, der bei ihnen lebt, seit er ein Baby ist. Seine leibliche Mutter war bei seiner Geburt selber noch ein Kind und nicht in der Lage, für ihn zu sorgen.

Bettina Weber ist ein Familienmensch. Sie wollte immer viele Kinder, damit es sich auch lohnt, wie sie lächelnd sagt. Nach der Geburt des dritten Kindes hätte sie darum gerne noch ein viertes gehabt. Für ihren Mann jedoch hätte auch eines genügt, «aber ich war noch nie der Planer. Ich nehme alles, wie es kommt», sagt er, während er auf dem Ecksofa im Wohnzimmer sitzt. Warum also nicht ein Pflegekind aufnehmen? Der Gedanke ging ihnen nicht mehr aus dem Kopf. «Uns gefiel die Idee, einem Kind ein Zuhause zu geben, das kein Zuhause hat.» Sie bewarben sich beim Zürcher Verein Espoir, der sich seit 1992 für benachteiligte Kinder und Jugendliche in der Region einsetzt. Als eine der ersten Organisationen im Kanton Zürich hat Espoir die Bewilligung zur Vermittlung von Pflegeplätzen vom Amt für Jugend und Berufsberatung erhalten. Bettina und Rolf brachten ideale Voraussetzungen mit. Beide arbeiten Teilzeit, sodass sie sich die Kinderbetreuung teilen können, sie sind finanziell abgesichert und in der Lage, einem Kind ein stabiles Umfeld zu geben. Nach mehreren Gesprächen und Schulungen war es so weit, Sebastian stiess zur Familie, da war das jüngste Kind zwei Jahre alt.

Es war kein einfacher Start. Der Kleine weinte viel. «Wenn wir ihn streichelten, schwitzte er stark. Man spürte, dass er sich in einer Stresssituation befand», erinnert sich Bettina. Auch mochte er es nicht, wenn man ihn umarmte, «es war schwierig für uns, zu spüren, wie viel Nähe er erträgt.» Pflegekinder seien oft misstrauisch, es bedarf einer gewissen Zeit, bis sie sich an ihre neuen Eltern gewöhnen – und umgekehrt.

«Wir fragten uns, genügen wir?»

Zu Beginn teilten sich die vier Kinder ein Zimmer, sie spielten und sie stritten zusammen – wie normale Geschwister. Es macht für sie bis heute keinen Unterschied, dass Sebastian nicht ihr richtiger Bruder ist. «Kinder sehen das locker, nur wir Erwachsene machen uns oft viel zu viele Gedanken.» Behandelt man ein Kind anders, wenn es nicht das eigene ist? «Wir nicht», sagen die Webers. Nur der Druck von aussen sei grösser. Pflegeeltern gehen einen Vertrag ein und somit Verpflichtungen.

Regelmässig stattet eine Fachperson den Pflegefamilien zu Hause einen Besuch ab und schaut nach dem Rechten. Im Fall der Familie Weber ist dies Koordinator Erich Sommer. «Beim ersten Hausbesuch hatten wir Herzklopfen, fragten uns, genügen wir? Mit vier Kindern geht es manchmal drunter und drüber», sagt Mutter Bettina. Doch es sei auch ein beruhigendes Gefühl, zu wissen, dass man sich bei Fragen oder Unsicherheiten an jemanden wenden könne. Erich Sommer betreut mehrere Pflegefamilien und hat grossen Respekt vor deren Aufgabe. «Es ist eine Herausforderung. Pflegekinder leben in zwei Welten. In den meisten Fällen gibt es eine Herkunftsfamilie, dann ist es unsere Aufgabe, dafür zu sorgen, dass ein Austausch stattfindet. Kinder haben ein Recht darauf, zu wissen, wo sie herkommen», sagt Erich Sommer.Auch Sebastian hat Kontakt zu seiner leiblichen Mutter.

Gewickelt und getröstet

«Sebastian ist für uns wie ein eigenes Kind», sagen Bettina und Rolf. Wohl auch deshalb, weil er bei ihnen lebt, seit er ein Baby ist. Sie haben ihn gewickelt und getröstet, ihn mit ihren Werten erzogen und geprägt, und sie werden für ihn da sein, wenn er seinen ersten Liebeskummer hat und die Teenagerphase durchläuft. Gut möglich, dass schwierige Zeiten auf das Paar zukommen werden, mit hitzigen Diskussionen und Konfrontationen. «Aber diese Probleme hat man auch mit eigenen Kindern.»

Die Webers erhalten Kost und Logis für ihr Pflegekind, auch die Kleidung wird bezahlt. Aber grosse Sprünge liessen sich damit nicht machen. Der finanzielle Aspekt sei daher auch zu keinem Zeitpunkt eine Motivation gewesen. Wenn der Pflegesohn Tennis oder Gitarre spielen möchte, hätten die Webers die Möglichkeit, beim Beistand einen Antrag auf finanzielle Unterstützung zu stellen. Geht die Familie Ski fahren, was sie gerne tut, dann zahlt sie die Ausrüstung und den Skipass für Sebastian aus der eigenen Tasche. «Er gehört ja zur Familie.» Die Webers unternehmen viel gemeinsam. «Uns ist wichtig, dass wir alle Mahlzeiten zusammen einnehmen. Wir haben keinen Fernseher, darum reden wir viel beim Essen.»

Ein Pflegekind ist kein Adoptivkind

Auch wenn Sebastian zur Familie gehört: Ein Pflegekind ist kein Adoptivkind. Es gibt keine Garantie dafür, wie lange es in der Pflegefamilie bleiben darf. «Wir haben den Auftrag erhalten, für ihn zu sorgen, aber diesen kann man uns auch wieder entziehen», sagt Rolf Weber. Denn im Idealfall würde die Ursprungsfamilie eines Tages wieder vereint. Im Fall von Sebastian ist dieses Szenario aber eher unwahrscheinlich. Er ist fest ins Familienleben eingebunden. Ihn aus seiner Umgebung herauszureissen, wäre ein unzumutbarer Einschnitt. «Wir hoffen fest, dass er bei uns bleibt, bis er volljährig ist.» Für Bettina und Rolf Weber wäre es das Schönste, wenn sie für immer Kontakt zu ihm halten könnten, wie auch zu ihren eigenen Kindern. «Wir wünschen uns, dass wir für immer teilhaben dürfen an ihrem Leben.»

* Die Namen wurden zum Schutz des Pflegekindes von der Redaktion geändert.

Armut ist kein Grund für eine Fremdplatzierung

Der Verein Espoir sucht Pflegefamilien in der Region Zürich. Welche Anforderungen haben Sie an potenzielle Pflegeeltern?

Wir suchen Pflegefamilien, die einem Pflegekind ein geborgenes Zuhause geben können und bereit sind, eine respektvolle Haltung gegenüber der Herkunftsfamilie aufzubringen. Wichtig ist auch, dass sie offen sind gegenüber den verschiedensten Lebensentwürfen. Pflegeeltern sollten mindestens 30-jährig sein und die eigene Familienplanung abgeschlossen haben. Uns ist es wichtig, dass das Pflegekind das jüngste der Familie ist, sodass sich die eigenen Kinder bereits an die Eltern gebunden haben, die Reihenfolge der Geschwister nicht gestört wird und sich alle ihrer Rolle und ihres Platzes in der Familie bewusst sind. Wer fürsorglich, gesund und belastbar ist und über einen gesunden Humor verfügt, bringt gute Voraussetzungen mit. Der Wohnsitz der Familie sollte innerhalb von 90 Minuten ab Zürich Hauptbahnhof sein.

Eignen sich nur verheiratete Paare oder auch kinderlose Singles? 

Die meisten Pflegefamilien, die mit uns zusammenarbeiten, sind Paare. Da die Pflegefamilie finanziell abgesichert sein muss und man neben dem Pflegeelterndasein mit den dazugehörigen Herausforderungen kaum einer ausserhäuslichen Tätigkeit nachgehen kann, eignen sich Paare besser als Singles. Dabei ist der Zivilstand nebensächlich. Eigene Kinder sind von Vorteil. Wichtig ist, dass die ganze Familie den Entscheid für die Aufnahme eines Pflegekindes mitträgt. 

Wie lange bleibt ein Pflegekind im Schnitt bei den Pflegeeltern?

Bei Langzeitplatzierungen gibt es von wenigen Jahren bis zur Volljährigkeit die ganze Bandbreite. Es gibt aber auch SOS-Platzierungen. Hier benötigen die Kinder, aus einer Notsituation heraus, eine sofortige Aufnahme und verbleiben oft bis zu sechs Monate bei der Pflegefamilie.

Wie viele Familien betreuen Sie?

In der Stadt haben wir momentan 3 Pflegefamilien, im Kanton Zürich 37, insgesamt 68. Diese betreuen zusammen 92 Pflegekinder.

Warum kommen Kinder zu Pflegeeltern? 

Meist gibt es nicht einen Grund, sondern es ist die Kombination von verschiedenen Problemen.  Kommt bei einer massiven Erkrankung noch ein Stellenverlust oder eine Scheidung hinzu, kann das System zusammenbrechen. Bevor die Behörden eine ausserfamiliäre Platzierung in Betracht ziehen, erhalten die Familien in der Regel verschiedene Hilfestellungen. Zudem wird die Platzierung regelmässig überprüft, sodass die Familien nach Möglichkeit wieder zusammengeführt werden können. Heute ist Armut zum Glück kein Grund mehr für eine ausserfamiliäre Platzierung.

Gut zu wissen

Espoir hat langjährige Erfahrung in der Vermittlung von begleiteten Pflegeplatzierungen. Der Verein sucht Menschen, die in der Region Zürich leben und ein Pflegekind ein Stück auf seinem Lebensweg begleiten. Pflegeeltern werden durch Fachpersonen von Espoir unterstützt und beraten. Auch werden sie entsprechend geschult.

Telefon 043 501 24 00 / info@vereinespoir.ch 

www.vereinespoir.ch

 

 

 

zurück zu Reportage

Artikel bewerten

Gefällt mir 1 ·  
5.0 von 5

Leserkommentare

Keine Kommentare