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Reportage

Apotheker Roman Schmid gibt seine Bellevue Apotheke nach 30 Jahren in neue Hände. Bild: GH

Der "Bellevue-Dinosaurier" verlässt seine Apotheke

Von: Ginger Hebel

18. Juni 2019

In der Bellevue-Apotheke, der ersten 24-Stunden-Apotheke der Schweiz, gehen Stammkunden, Touristen und Prominente ein und aus. Nach 30 Jahren gibt Roman Schmid seine Apotheke in neue Hände. Von Ginger Hebel

Roman Schmid lässt den Blick noch einmal aus seinem Bürofenster schweifen, auf den Sechseläutenplatz und den Zürichsee. «Die Lage ist unschlagbar. Das werde ich vermissen.» Nach 30 Jahren gibt der begnadete Apotheker seine Bellevue-Apotheke aus den Händen. Ab Juli wird sie Metin San weiterführen. «Die Apotheke war mein Leben. Doch ich wollte nie zu denen gehören, die noch mit achtzig ins Büro marschieren. Irgendwann muss man loslassen können», sagt Roman Schmid. 1887 wurde die Bellevue-Apotheke am Standort des heutigen Coop City am Bellevueplatz als Pharmacie internationale eröffnet.

1976 wurde der 24-Stunden-Betrieb eingeführt – eine Revolution. Roman Schmid hat Pharmazie studiert. Während er in den Achtzigerjahren an seiner Dissertation schrieb, übernahm er in der Bellevue-Apotheke Nachtschichten, um Berufserfahrung zu sammeln. «Pharmazie umfasst ein breites Spektrum. Man hat mit Pflanzen zu tun, Tinkturen, Menschen und Krankheiten, das fasziniert mich bis heute.» Mit seiner Karriere ging es rasch bergauf. Bereits wenige Jahre später wurde er zum Chefapotheker befördert. 1988 machten ihm die Liegenschaftsbesitzer das lukrative Angebot, die Apotheke zu übernehmen. «Ich bin da einfach so reingerutscht – ein Glücksfall», resümiert der heute 64-Jährige.

Immer mehr Antidepressiva

Seit drei Jahrzehnten führt er die Apotheke mit den 65 Angestellten mit viel Herz und seiner eigenen Handschrift. Er, der Freigeist, der stets bestrebt war, das zu tun, was er für richtig empfindet. Fleissig und konsequent ging er seinen eigenen Weg. Auch für die Nachtschicht war er sich als Inhaber nie zu schade; kurzfristig sprang er ein, wenn es einen Engpass gab. «Die Nächte sind nicht rentabel, aber marketingmässig sind sie sehr wichtig», gibt er zu. Teenie-Paare holen sich die Pille danach und junge Eltern Babynahrung, die im Alltagsstress vergessen ging. Stammkunden und Touristen wissen, dass sie hier auch mitten in der Nacht Tabletten und Notfall-Medikamente bekommen. Die meisten verlangen Schmerzmittel – und immer häufiger Antidepressiva. «Es sind auffallend viele junge Menschen, die heute Antidepressiva schlucken, ich bedaure diese Entwicklung.» Roman Schmid macht den wachsenden Leistungs- und Gesellschaftsdruck dafür mitverantwortlich, der oft auch von den Eltern herrühre. «Heute hat jeder ein ‹Wunderkind›. Doch zu hohe Erwartungen sind gefährlich», ist er überzeugt. Er ist Vater einer erwachsenen Tochter, einer Ärztin. «Meiner Frau und mir war immer wichtig, dass sie das tut, was sie glücklich macht. Was auch immer es sein mag.» Auch seine Frau ist Apothekerin, «der gleiche Beruf bringt gegenseitiges Verständnis», ist er überzeugt. Dennoch hätten sie stets viel Wert darauf gelegt, nicht nur über die Arbeit zu reden. «Das ist uns gut gelungen.»

Dr. Google ist heute oft die erste Anlaufstelle. «Die Leute sind besser informiert als früher. Doch das Internet kann uns die Erfahrung nicht nehmen. Das Netz gibt keine Auskunft darüber, wie Medikamente zusammenwirken. Ich persönlich glaube an die Beratung in der Apotheke», sagt Schmid. Er selber schluckt nur Tabletten, wenn es wirklich nötig ist. «Ich leide lieber, bevor ich Medikamente nehme.» Die Alternativmedizin habe für ihn einen sehr hohen Stellenwert.

Woran krankt unsere Gesellschaft? «Einsamkeit ist ein zunehmendes Problem. Wir haben viele ältere Kunden, die zu uns in die Apotheke kommen, um ein bisschen zu reden und Menschen zu sehen.»

Trainieren für den Marathon

Roman Schmid wuchs im bündnerischen Sedrun auf, Rätoromanisch ist seine Muttersprache. Obwohl er schon lange in Zürich lebt und arbeitet, drückt sein Dialekt noch immer durch. Mit seinen Bündner Freunden, die alle in Zürich Karriere gemacht haben, spricht er Rätoromanisch. Gerade trainieren sie für den New York Marathon im November. «Sport ist mein Ausgleich und mein Antrieb.» Das Business habe sich verändert. Heute existieren viele Apothekerketten- und Gruppierungen, die zusammenspannen. Roman Schmid wollte mit seiner Apotheke immer eigenständig bleiben. «Wenn ich wollte, könnte ich die Schaufenster teuer verkaufen. Doch ich wollte nie abhängig sein.»

Er bezeichnet sich selber als «Bellevue-Dinosaurier». Er kennt viele Nachbarn sowie Kunden – und sie ihn. Wenn er daran denkt, wie er Gianna Nannini oder Udo Jürgens bediente, dann huscht ein Lächeln über sein Gesicht. Roman Schmid hat den gesellschaftlichen Wandel hautnah miterlebt. «Heutzutage wollen alle für immer jung und schön bleiben. Kein Fleisch, keine Sonne, dafür viele Operationen. Ich ticke da anders.» Früher rieb er sich beim Skifahren Schnee ins Gesicht, um brauner zu werden, «heute würde ich das natürlich nicht mehr tun, man lernt ja dazu». Und dennoch vertritt Roman Schmid die Meinung, dass ein gesundes Mass bei allem das Richtige ist. «Man kann sonst vor lauter Vorsicht gar nicht mehr entspannt leben.»

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