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Reportage

Der Denzlerweg – der kürzeste, aber auch anstrengendste Aufstieg zum Uetliberg. Bild: H. Wehrli

Der Weg des wackeren Bäckermeisters

Von: Urs Hardegger

10. Januar 2017

Jeder Ort in Zürich hat seine Geschichte. Das «Tagblatt» erzählt jede zweite Woche eine solche Story. Heute: der Denzlerweg.

Der Denzlerweg ist zwar die kürzeste Verbindung von der Stadt auf den Uetliberg, aber es gibt gute Gründe, warum nur wenige diesen Aufstieg wählen. Er ist mit Abstand die steilste und gewagteste Variante und verlangt einem einiges an Kondition ab. Beim Kolbenhof in der Nähe des Albisgüetli fängt es noch recht gemächlich an, aber schon bald sorgen die unzähligen Holztritte dafür, dass ich ordentlich ins Schwitzen gerate. Kunststück, wenn man auf einer Länge von lediglich einem Kilometer eine Höhendifferenz von fast 300 Metern überwinden muss.

Über viertausendmal soll der Bäckermeister Felix Denzler (1863–1917) diesen Weg bewältigt haben, um das Restaurant Uto Kulm und das ehemalige Grandhotel Uetliberg mit Brot, Gipfeli und Spitzbuben zu beliefern. Ich versuche, mir den wackeren Bäcker vorzustellen: Kaum war die Arbeit in der Backstube an der Augustinergasse 67 erledigt, tauschte er seine Schürze mit dem Tschopen und machte sich schnurstracks zum Uetliberg auf, damit den Gästen frisches Brot zum Frühstück serviert werden konnte. Wenn das kein Kundenservice ist!

Drei Stunden Fussmarsch

Für einmal wurde ein schlichter Beck und keine Zürcher Lokalgrösse mit einem Weg bedacht. Trotzdem besteht kein Anlass, dem berggängigen Bäckermeister diese Ehre zu missgönnen. Dass er täglich bei Wind und Wetter für seine Kunden einen rund dreistündigen Fussmarsch auf sich nahm, verdient höchste Anerkennung.

Die Geschichte von Denzlers Uetliberger Kundschaft ist eng mit dem Aufkommen des Tourismus um die Mitte des 19. Jahrhunderts verbunden. Den Anfang machte das «Gast- und Kurhaus Uetliberg», das für seine Gäste auf dem Kulm Luft und Molkenkuren anbot. Wem der Aufstieg zu beschwerlich war, konnte sich vom Albisgüetli her auf dem Rücken eines Esels den Berg hochtragen lassen.

Nach der Einweihung der Uetlibergbahn im Jahr 1875 wurde, da wo heute der Sendeturm steht, das Grandhotel Uetliberg eröffnet. Es verfügte über 150 Zimmer, einen Speisesaal mit 200 Plätzen sowie «Damen-, Conversations-, Lese- und Billardsalons». Doch das mondäne Gasthaus kam nie richtig auf Touren und musste nach dem Ersten Weltkrieg den Betrieb einstellen. Die Stadt Zürich unterhielt darin später eine «Freilichtschule für geschwächte Stadtkinder», bis das baufällige Gebäude 1943 abgerissen wurde.

Auf ins «Hochgebirge»

Das war lange nach Denzlers Zeiten. Im Gegensatz zu heute, wo an schönen Tagen der Rummel und die kulinarische Schnellabfertigung einem die Freude an der tollen Aussicht gehörig vergällen können, konnte damals nicht von einem Massenbesuch gesprochen werden. Eine Ausnahme bildete der Auffahrtstag. Einer alten Tradition gemäss machten sich an diesem Tag ganze Heerscharen von jungen Männern und Frauen zum Gipfel auf, um den Sonnenaufgang zu geniessen. Ob es tatsächlich nur die «Anmut der Aussicht» war, die die jungen Leute auf den Berg trieb, führte immer wieder zu kontroversen Diskussionen.

Der recht unscheinbare Denzlerweg ist mit dem Kürzel DW an den Bäumen markiert. Wenn man sich an seinen steilsten Stellen befindet, würde man nicht glauben, dass man sich hier auf Zürcher Stadtgebiet und nicht im Hochgebirge befindet. Wer die Anstrengung jedoch nicht scheut, wird mit ursprünglicher Natur und schönen Nagelfluhformationen entschädigt. Doch keine Bange: Es gibt bequemere Möglichkeiten, um zum beliebten Ausflugsziel zu gelangen, als den Denzlerweg. Denn wenn der Zürcher Hausberg zur Hochnebel­decke herausragt und eine prächtige Sicht auf das Zürcher Oberland und die Alpen freigibt, wollen schliesslich auch weniger ambitionierte Ausflügler auf ihre Rechnung kommen.

Quellen:
Stadt Zürich: Eisernes Zeit und Frechenmätteli. Zürich 2008.
Schneiter Stefan: Der Uetliberg. Baden 2011.

Lesen Sie am 25. Januar 2017 den Bericht zum Platzspitz.

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Leserkommentare

Vreni Wirth - Der allerschönste Weg auf den Üetliberg. Es wird so viel Abwechslung geboten und die Aussicht am Schluss ist inbegriffen

Vor 1 Jahr 10 Monaten  · 
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Renate Wymann - Da kann ich nur zustimmen

Vor 1 Jahr 5 Monaten  · 
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