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Reportage

Hans Sprüngli hatte sich auf den Schiffen mit Kurs über den Atlantik häuslich eingerichtet. Zu seinen Opfern gehörten Reisende der ersten Klasse .Bild: PD

Der Zürcher Dieb auf hoher See

Von: Jan Strobel

02. März 2022

Kriminalgeschichte: Hans Sprüngli, ein junger Bankangestellter, war getrieben von Gier. 1875 erlangte der Mann zweifelhafte Berühmtheit. Er raubte vermögende Passagiere auf Transatlantik-Dampfern aus. 

Leonhard Pestalozzi, der Zürcher Bankier, setzte bei seinen Angestellten nicht nur auf Kompetenz und eine gewinnende Erscheinung, sondern vor allem auch auf Loyalität, auf ein funktionierendes Vertrauensverhältnis. Alle diese Qualitäten schien Hans Sprüngli aufzuweisen. Der junge Mann, der zudem noch vier Sprachen fliessend beherrschte, legte eine Geschäftstüchtigkeit an den Tag, aus der grosse Karrieren geboren wurden.

Für Pestalozzi war Sprüngli ein sicherer Wert, und deshalb übergab er ihm auch die 7000 Franken mit dem Auftrag, das Geld vom Seidenhof zur Post zu tragen. Sprüngli, plötzlich mit einer für ihn ungeheuren Geldsumme konfrontiert, überkam in diesem Moment jener Rausch zwischen Gier und Eitelkeit, der sein Leben fortan bestimmen und der ihn zu einer Berühmtheit machen sollte.

Hans Sprüngli dachte nicht daran, den Auftrag seines Chefs auszuführen. Die 7000 Franken entzündeten vielmehr seine kriminelle Energie, das Geld eröffnete ungeahnte Möglichkeiten, die Welt stand ihm offen, lag ihm, dem Narzissten, gleichsam zu Füssen. Sprüngli setzte sich ab, brannte durch – und tauchte wenig später in Afrika auf, wo er sich in den Kolonien als Kaufmann ein Vermögen zu erarbeiten versuchte.

Als Geschäftsmann allerdings taugte Sprüngli wenig. Nach zwei Jahren der Selbstüberschätzung machte er Konkurs und kehrte 1875 nach Europa zurück. Inzwischen hatte der Zürcher einen alternativen, unkonventionellen Plan entwickelt, der seinem Wesen viel mehr entsprach. Er würde vermögende Reisende zur See auf ihrer Schiffspassage über den Atlantik nach Nord- und Südamerika ausrauben. Tagsüber wollte er seine Opfer, Passagiere der ersten Klasse, ausspionieren und schliesslich in ihre Kabinen einbrechen. Um die Beute zu verstecken, fertigte Sprüngli einen luxuriösen, voluminösen Reisekoffer mit geheimen Fächern an.

Eine Kugel durch den Kopf
Tatsächlich häuften sich wenig später bei den britischen und US-amerikanischen Schifffahrtsgesellschaften Klagen über mysteriöse Diebstähle an Bord verschiedener Dampfer.  Sprüngli, der sich jeweils als galanter und grosszügiger Passagier ausgab, kannte bei seinen Machenschaften keine Skrupel. Für einen Spanier, dem er sein ganzes Vermögen an Bord gestohlen hatte, organisierte er eine Kollekte unter den Mitpassagieren und steuerte selbst zynisch einen Betrag bei. Danach sonnte sich der Dieb in der Hochachtung der Reisenden. Tragödien nahm Sprüngli achselzuckend in Kauf. Als aufgebrachte Passagiere einmal einen unschuldigen jungen Franzosen der Diebstähle verdächtigten, jagte der sich in seiner Verzweiflung eine Kugel durch den Kopf.

Jetzt machten auch in den Medien Berichte eines mysteriösen «Schiffsdiebs» die Runde. In US-Zeitungen war fast schon bewundernd vom «champion transatlantic thief» die Rede. Sprüngli, geschmeichelt, witterte keine Gefahr, als er sich im Juli 1875 in Liverpool an Bord der «Liguria» mit Kurs auf Südamerika einschiffte, wie immer unter seinem richtigen Namen.

Auch auf der «Liguria» kam es schnell zu Klagen über Diebstähle. In Lissabon verliess Sprüngli das Schiff. Bei den portugiesischen Zollbehörden erregte sein prächtiger Reisekoffer allerdings plötzlich Argwohn, die Beamten entschieden sich für eine genauere Untersuchung des Gepäckstücks und ignorierten Sprünglis heftige Proteste. Die aufgebrochenen Geheimfächer quollen über von goldenen Uhren, Ketten, Broschen, Diamantnadeln, Armbändern, goldenen Kreuzen und Perlenhalsbändern.

Den Portugiesen stellte sich mit dem festgesetzten Schweizer ein Problem. Die Diebstähle waren auf Schiffen unter britischer und US-amerikanischer Flagge verübt worden; allerdings bestanden mit diesen beiden Staaten keine Auslieferungsverträge. Der Schweizer Konsul in Lissabon korrespondierte daraufhin mit dem Bundesrat in Bern über den Vorfall. Dieser wiederum verständigte die Zürcher Regierung. In Zürich indessen weigerte man sich, die Kosten des Gefangenentransports zu übernehmen. Eine Intervention sei nur dann angezeigt, wenn die portugiesische Justiz das Todesurteil über Hans Sprüngli verhängen sollte. Die Portugiesen machten kurzen Prozess und entledigten sich des lästigen Sprüngli-Problems, in dem sie den Mann an die spanische Grenze verfrachteten und ihn laufen liessen.

In Zürich verbreitete sich währenddessen das Gerücht, der Schiffsdieb Sprüngli sei an die USA ausgeliefert worden. Bis er im Oktober wie aus dem Nichts höchstpersönlich auf der Zürcher Redaktion der «Freitags-Zeitung» erschien, um etwas Salz in die Gerüchtesuppe zu streuen. Bis die Polizei in Zürich davon Wind bekam, war er bereits wieder verschwunden.

Im November 1875 tauchte der Champion dann wieder auf – in einem Hotel in Philadelphia unter dem Namen John Sprüngli, diesmal in Begleitung einer amerikanischen Dame, die wegen ihrer extravaganten Kleidung auffiel. Die Polizeibehörden hatten den Mann aus Zürich auf dem Radar und schlug zu. Sprüngli wurde in Haft gesetzt, mangels Beweisen aber wieder auf freien Fuss gesetzt.

Im Januar 1876 schrieb Sprüngli aus dem Taylor’s Hotel in New York an seinen Bruder Henri in Zürich einen Brief, der vor Selbstverblendung triefte. Die Zeitungen, beklagte sich Sprüngli, hätten einen «Höllenskandal» und einen «Höllenlärm» nur um seine Person fabriziert. Doch selbst die «beste Geheimpolizei der Welt» habe ihm nichts beweisen können. Das Schreiben schloss Sprüngli mit einem Vorwurf: «Hätte ich Brüder, die mich lieb hätten, so könnte ich jetzt ohne Kosten gegen die Schifffahrtsgesellschaft für 100 000 Dollar Schadenersatz mit grossem Erfolg prozessieren.»

Wie es mit Hans Sprüngli danach weiterging, ist nur bruchstückhaft überliefert. 1877 taucht sein Name ein letztes Mal in einer Notiz des «Quebec Daily Telegraph» auf. In Kanada wurde ihm der Prozess gemacht – wegen eines Diebstahls an Bord des Schiffs «Circassian».

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