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Reportage

Das Limmatquai im Jahr 1890. Bild: Baugeschichtliches Archiv

Die Angst vor einem «Neu-Babylon» an der Limmat

Von: Jan Strobel

03. Januar 2018

Am 1. Januar 1893 hörte die alte Stadt Zürich auf zu existieren. An ihre Stelle trat nach der Vereinigung mit elf Nachbargemeinden die erste Grossstadt der Schweiz. Dem Ereignis gingen allerdings erbitterte Widerstände voraus, besonders aus der Gemeinde Wollishofen.

Nach 1860: Während das alte Zürich noch in den Grenzen der mittelalterlichen Stadt verharrt, wandelt sich die Gemeinde Aussersihl zum Industrie- und Gewerbestandort. Mit dieser Entwicklung einher geht ein rasantes Bevölkerungswachstum. Bald übersteigt die Einwohnerzahl Aussersihls diejenige der Stadt Zürich. Allerdings: Aussersihl kann das Wachstum finanziell nicht stemmen. Die Steuereinnahmen reichen nicht aus. Es fehlt an potenten Steuerzahlern. Vermögende wohnen lieber in der Stadt Zürich oder in der Gemeinde Enge. 

1885: Der finanzielle Druck in Aussersihl wird untragbar. In ihrer Not wendet sich die Gemeinde an den Kantonsrat. Er soll eine Vereinigung der Stadt Zürich mit den Aussengemeinden prüfen. Zusätzlich bittet Aussersihl für Infrastruktur und dringend nötige Neubauten um ein Darlehen von 300 000 Franken. 

1889: Der Regierungsrat legt schliesslich eine Gesetzesvorlage für die Vereinigung der Gemeinden Aussersihl, Enge, Fluntern, Hirslanden, Hottingen, Oberstrass, Unterstrass, Wiedikon, Riesbach, Wipkingen und Wollishofen mit der Stadt Zürich vor. Besonders kontrovers: Gemäss Regierungsrat können einzelne Gemeinden auch gegen ihren Willen zur Vereinigung gezwungen werden, wenn ein «allgemeines Landesinteresse» vorliegt. Das löst besonders in Wollishofen heftigen Widerstand aus. Tatsächlich wurde die ländliche Gemeinde auch deshalb in die Vorlage einbezogen, um einen steuergünstigen Ort vor den neuen Stadtgrenzen zu vermeiden, in den sich Vermögende absetzen könnten. 

1889/90: Gegen die Vereinigungspläne formiert sich ein Oppositionslager. Der Kern besteht aus den Gemeinden Wollishofen und Enge zusammen mit dem Zürcherischen Bauernbund und Konservativen. Besonders in der Enge würden die Steuern bei einer Vereinigung massiv steigen. 

1890/91: In Wollishofen spricht man angesichts der Vereinigungspläne von einer «Vergewaltigung, die einer Reihe von Gemeinden» angetan werde. Besonders polemisch tritt auch Konrad Keller aus Oberglatt, Präsident des Zürcherischen Bauernbundes, in Erscheinung. Keller entwirft in seiner Kampfschrift «Neu-­Babylon» eine mögliche Grossstadt Zürich als Horrorszenario. Nach einem «geheimen Plan» solle ein neues, mächtiges, städtisches «Beamtenheer» geschaffen werden, «um die Landschaft zu knechten und zu erwürgen». Die Rede ist auch von einem «Gross-Zürich mit zersetzenden, sozialistischen Elementen». Der Kanton werde «die Folgen zu spüren bekommen». Rückenwind erhält das Oppositionslager von den angesehenen Juristen Aloys von Orelli und Friedrich Meili: Eine zwangsweise Vereinigung, konstatieren sie, sei verfassungswidrig. Doch der Kantonsrat vermeidet eine diesbezügliche Diskussion. 

1891: Das Lager der Befürworter appelliert an Solidarität und Vernunft. Die Gemeinden seien derart verschuldet, und die Bauprojekte gingen so ungestüm vor sich, dass der Zustand nicht mehr haltbar sei. Durch eine Vereinigung würde der Steuerdruck mehr verteilt. Eine «Einigung der finanziellen Kräfte» werde nie auf freiwilligem Weg gelingen. Es sei schlicht eine «Torheit von den Herren des alten Zürich gewesen», das Stadtgebiet so lange auf so enge Grenzen einzuschränken, statt auf die dauernde Fortentwicklung zu setzen. Jetzt müsse man unausweichlich den Preis bezahlen. 

9. August 1891: Die Mehrheit der Stimmbevölkerung in Stadt und Kanton stimmt der Vereinigung zu. Tatsächlich kommt das Resultat auch für die Befürworter überraschend, die von einem Scheitern überzeugt waren. In der Stadt Zürich stimmen 75 Prozent zu. Am stärksten fällt die Zustimmung natürlich in Aussersihl aus mit 4440 Ja-Stimmen gegen 43 Nein-Stimmen. Die widerständigen Wollishofer verwerfen die Vorlage mit 65 Prozent. Auch in der Enge siegt das Lager der Gegner, allerdings mit einem hauchdünnen Zufallsmehr von gerade mal 5 Stimmen. Die Befürworter jubeln. Dieser 9. August sei «der bedeutendste Gedenktag in der Geschichte der Stadt und des Kantons».

1892: Die Abgeordnetenversammlung von «Neu-Zürich» konstituiert sich. Stadtpräsident ist der Liberale Hans Konrad Pestalozzi. Im Lager der Gegner war zuvor als Erster der Wollishofer Gemeindepräsident eingeknickt. Er überging kurzerhand seinen Gemeinderat, der eigentlich beim Bundesgericht Rekurs einlegte, und stimmte der neuen Abgeordnetenversammlung zu. 

1. Januar 1893: Mit dem Glockengeläut zum Neujahr hört die alte Stadt Zürich auf zu existieren. An ihre Stelle tritt die neue Grossstadt Zürich mit rund 120 000 Einwohnern. 

Offizieller Festakt: Zum 125-Jahr-Jubiläum der ersten Eingemeindung findet am Freitag, 6. Juli 2018, ein kurzer Festakt im Stadthaus statt, gefolgt von einem Fest auf dem Münsterhof mit öffentlichem Platzkonzert und Verpflegungsständen.

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Leserkommentare

Violeta Paljangas - Sinnvolle Erläuterung der Umstände die zu heutigem Zürich führten. Prägnant skizziert. Danke)

Vor 2 Jahren 5 Monaten  · 
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