mobile Navigation

Reportage

Im Logengebäude auf dem Lindenhof: Zwischen Mond und Sonne thront der "Grossmeister vom Stuhl". Bild: Juraj Lipscher

Die Brüder vom Lindenhof

Von: Jan Strobel

24. Juni 2014

Seit 160 Jahren befindet sich ihr Tempel auf dem Lindenhof. Jetzt gewährt ein Buch einen seltenen Einblick in sein geheimnisvolles Inneres.

Alfred Messerli bittet den Besucher zuerst einmal im Fumoir des Logengebäudes Platz zu nehmen. Hinter dem Fauteuil hängt ein Gemälde, auf dem George Washington den Grundstein für das Kapitol legt. Der erste Präsident der Vereinigten Staaten tut es in einem freimaurerischen Ritual, bekleidet mit der traditionellen Schürze, den weissen Handschuhen, er trägt die Bruderkette mit Zirkel und Winkelmass. Es sind Symbole, die auf den Ursprung der Freimaurer verweisen, auf die Steinmetze, die sich mit ihrem Wissen um Geometrie und Proportionen in Bauhütten zu spirituell-philosophischen Bruderschaften zusammenschlossen.

Natürlich besitzt auch Messerli wie einst George Washington diese Insignien der Freimaurer. Seit 1968 ist er Mitglied der Loge Catena Humanitatis, eine der acht Logen, die sich auf dem Lindenhof jede Woche im schmucken Logengebäude treffen. Damals war der heute 84-Jährige SPler Zürcher Gemeinderatspräsident und arbeitete daneben als Journalist unter anderem für den «Tages-Anzeiger» oder den «Züri Leu». Jetzt hat Messerli sein Buch «Der Stempel des Geheimnisvollen» herausgebracht, in dem er dem Leser den Blick in eine Welt gewährt, die sonst nur eingeweihten Männern offensteht. Für die rund 70 Mitglieder der Catena Humanitatis ist jeweils der Mittwochabend reserviert. Die grösste und älteste Zürcher Loge bildet mit 140 Mitgliedern allerdings die Modestia cum Libertate, die auf das Jahr 1740 zurückgeht und schon Goethe dazu inspirierte, Freimaurer zu werden. Heute gibt es in Zürich ungefähr 600 Freimaurer.  «Sie stammen aus allen möglichen Berufen», sagt Messerli. In seiner Loge zum Beispiel kommt der Malermeister mit dem Pfarrer, der Pilot mit dem Schauspieler oder der Bankkaufmann mit dem Journalisten zur «Tempelarbeit» zusammen.

Wir steigen die Treppe hinunter in den Tempel. Messerli drückt den Lichtschalter, und es breitet sich vor uns ein geheimnisvolles, komplexes fast schon sakrales Universum aus. Jedes Detail, von der Säulen am Eingang, über den Sternenhimmel am Gewölbe, bis zu den Rundfenstern mit dem Mond links, der Sonne rechts, hat eine kryptische Botschaft. Zwischen Sonne und Mond thront der «Meister vom Stuhl». Er ist der Vorsitzende der Loge und leitet die Rituale. «Unsere Rituale», erklärt Messerli, «verlaufen nach einer klar definierten Dramaturgie mit Wechselgesprächen, Musik und symbolischen Handlungen, wie etwa dem Behauen eines rohen Steins. Er symbolisiert den Bau des Tempels der Humanität, der nie abgeschlossen ist. Dabei kommt es auf das Engagement jedes Einzelnen an, jeder arbeitet hier an sich selbst.» Zu dieser spirituellen Arbeit kommen auch Vorträge hinzu, in denen philosophische und gesellschaftliche Themen konkret diskutiert werden. «Tabu sind allerdings religiöse  Diskussionen. Wir sind keine Religion, vertreten kein Dogma. Es spielt in der Freimaurerei keine Rolle, an welchen Gott jemand glaubt.» Wie also  ein Freimaurer den «Allmächtigen Baumeister aller Welten», das symbolische freimaurerische Schöpfungsprinzip, interpertiert, bleibe ihm selbst überlassen, «es herrscht absolute Gewissensfreiheit. In den Zürcher Logen kommen deshalb ganz selbstverständlich Christen, Juden und auch Muslime zusammen.»

Es geht auf dem Lindenhof um die ganz individuelle Selbsterkenntnis, das Verständnis der Welt, um Toleranz, Bescheidenheit und Humanität. Jedes Mitglied ist zu Spenden verpflichtet. Die Gelder kommen unter anderem  Zürcher Alters- und Jugendwohnheimen zu Gute. Auch das Zürcher Brockenhaus an der Neugasse im Kreis 5 geht auf die Initiative prominenter Freimaurer zurück. Dass besonders Verschwörungstheoretiker die Freimaurer seit jeher als obskure Gruppe dämonisieren, die im Hintergrund die Fäden ziehe, Messerli lässt dieses Vorurteil kalt. «Auf so etwas gehen wir gar nicht erst ein. Es hätte keinen Sinn, diese Leute vom Gegenteil zu überzeugen.» Gegen diesen Wahn gewisser Weltverschwörer schrieb bereits die Fachstelle Infosekta in einem eigenen Bericht an. Messerli beschreibt in seinem Buch die leidensvolle Geschichte der Freimaurerei, in deren Verlauf in den 30er Jahren auch Schweizer Faschisten von einer «jüdisch-freimaurerischen Weltverschwörung» fantasierten.
 
Andererseits ist es gerade das Geheimnisvolle, das Exklusive dieser Bruderschaft, weshalb viele Mitglied einer Loge werden wollen. Doch das Auswahlverfahren ist streng, jeder Interessierte wird genau geprüft, bevor der Aufnahmeprozess beginnen kann. Ein Problem ist bei den Zürcher Freimaurern der Nachwuchs. Das Durchschnittsalter in Messerlis Loge zum Beispiel liegt bei  58 Jahren. Und die Frauen? «Es gibt tatsächlich eine reine Frauenloge, allerdings arbeitet sie in Winterthur. Bei einigen Veranstaltungen sind aber auch bei uns Frauen natürlich willkommen», lächelt Messerli und löscht das Licht. In wenigen Stunden beginnt seine Tempelarbeit.               n

Alfred Messerli: «Der Stempel des Geheimnisvollen», Salier Verlag 2014, 47.90 Franken.

Sind Sie bei Facebook? Werden Sie Fan vom Tagblatt der Stadt Zürich!

zurück zu Reportage

Artikel bewerten

Gefällt mir 4 ·  
Noch nicht bewertet.

Leserkommentare

Paul van Dingstee - Lieber Br:. Alfred Messerli Ich schreibe einen Bauris fuer unsere Loge Vicit Vim Virtus in Haarlem vielleicht kannst du mir schreiben wann das Loge Gebaude erstellt wurde auf der lindenhof.
Mit Brl:. Dank Paul.

Vor 5 Jahren 2 Monaten  · 
Noch nicht bewertet.