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Reportage

Erinnert in ihrer Form an eine Schlange mit geöffnetem Maul: Regulastrasse. Bild: Helena Wehrli

Die Heilige in Schlangenform

Von: Urs Hardegger

17. März 2015

Jeder Ort in Zürich hat seine Geschichte. Das «Tagblatt» erzählt in einer Serie jede zweite Woche eine solche Story. Heute: die Regulastrasse.

Das Aussergewöhnlichste an der Regulastrasse ist ihre Form. Ein ungleichmässiges Y, das an eine Schlange mit einem geöffneten Maul erinnert. Doch mich zu verführen, will der Schlange nicht recht gelingen, zu unspektakulär ist die Architektur dieses Quartiersträsschens entlang der Wehntalerstrasse in Zürich-Affoltern. Die zahlreichen Mehrfamilienhäuser bilden nicht mehr als den architektonischen Wildwuchs der letzten Jahrzehnte ab.

Faszinierender ist die Strassenbezeichnung, die auf die Zürcher Stadtheilige zurückgeht, die im 4. Jahrhundert, gemäss Legende, mit ihrem Bruder Felix nach Zürich geflohen war, um das Christentum zu verbreiten. Der römische Statthalter, der den Staatskult beibehalten wollte, liess sie verhaften, foltern und – nach ihrer Weigerung, den Glauben aufzugeben – bei der Wasserkirche enthaupten. Mit dem Kopf unter dem Arm sollen die beiden Hingerichteten noch 40 Schritte den Hügel hinaufgestiegen sein, wo sie begraben wurden. An diesem Ort soll Karl der Grosse im 9. Jahrhundert ein Chorherrenstift mit dem Grossmünster errichtet haben. Exuperantius, der Dritte im Bunde, gesellte sich erst im 13. Jahrhundert dazu.

Damit erfüllt die Legende alle typischen Merkmale der frühchristlichen Märtyrererzählungen: Ein Märtyrer legt, in Anlehnung an die Leidensgeschichte Christi, unter schwersten Qualen ein Glaubensbekenntnis ab und erlangt so ewige Seligkeit. Im Anschluss bildet sich ein Verehrungskult heraus, in dem sich meist theologische und wirtschaftliche Interessen überlagern: Am Sterbeort wird ein Heiligtum errichtet, Reliquien werden verehrt, Prozessionen am Namenstag veranstaltet, und ein Wallfahrtstourismus entsteht.

Im Spätmittelalter war auch Zürich ein begehrter Wallfahrtsort. Berichte über Wunderheilungen lockten die Pilger in Scharen an. Vom Fraumünster führte die Prozessionsachse zur Verehrung der Heiligen über die Limmat zur Wasserkirche und zum Grossmünster. Das Aus kam mit der Reformation, die Kultstätte wurde aufgehoben, und die Kirchengüter wurden beschlagnahmt.

Gab es die heilige Regula wirklich?

Die historische Faktenlage ist allerdings dünn. Man weiss lediglich, dass sich die Legende im 8. Jahrhundert um ein Grab rankt, über das wenig bekannt ist. Ebenso wenig hielten die in Andermatt und der Felix-und-Regula-Kirche verehrten Reliquien einer wissenschaftlichen Überprüfung stand. Es ist umstritten, ob die Gebeine tatsächlich aus Zürich stammen, darüber hinaus sind die Skelettteile von Felix nicht älter als tausend Jahre, während diejenigen von Regula von zwei verschiedenen Schädeln aus unterschiedlicher römischer Zeit stammen. Doch wer an die wundertätige Wirkung von Heiligen glaubt, lässt sich kaum durch wissenschaftliche Zweifel irritieren. Bis heute werden in der katholischen Lehre Reliquien verehrt und Heilige angebetet. Sie sollen die Allmacht Gottes veranschaulichen und als Vorbilder und Helfer in Notlagen dienen. Seit einigen Jahren gedenken am 11. September, dem Namenstag der beiden Märtyrer, die koptische und orthodoxe Kirchen mit einer Prozession der drei Heiligen.

Der langen Rede kurzer Sinn: Ob die als Heilige verehrte Regula je gelebt hat oder nicht, ist mehr als ungewiss. Macht nichts, denn schliesslich gibt es in unserer Stadt noch genügend Regulas, die wir mit dieser Strasse ehren können, allein das elektronische Telefonbuch zeigt 486 Einträge an. Und ganz besonders «meiner» Regula möchte ich mit diesem Beitrag eine kleine Freude bereiten.

Quellen:
Cécile Ramer: Felix, Regula und Exuperantius. Zürich 1972.
Hochbauamt der Stadt Zürich: Die Zürcher Stadtheiligen Felix und Regula. Zürich 1988.

Lesen Sie am 1. April den Beitrag zum Escher-Wyss-Platz.

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Leserkommentare

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Vor 5 Jahren 3 Monaten  · 
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