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Reportage

Bergung des Blindgängers beim Bahndamm Seebach-Affoltern. Bild: Stadtarchiv Zürich

Die Nacht, als der Luftkrieg nach Seebach kam

Von: Jan Strobel

06. Mai 2013

Vor 70 Jahren, am 17. Mai 1943, fielen britische Sprengbomben auf Seebacher und Rümlanger Gebiet. Bis heute glauben viele Zürcher an einen Warnschuss an die Oerliker Waffenproduzenten.

Am 17. Mai 1943, kurz nach 23 Uhr war der Zeitpunkt für die Crew des britischen Mosquito-Bombers gekommen, um seine vernichtende Last in die Dunkelheit abzuwerfen. Die erste Sprengbombe ging auf Rümlanger Gebiet, auf offenem Feld im Eichrain, nieder. Eine zweite explodierte in Seebach in der Nähe der Kreuzung Rümlang-, Leimgrubenstrasse, beim damaligen Asphof, wo sich auch eine Gärtnerei befand. Die Bombe, berichtete tags darauf der «Tages-Anzeiger», «beschädigte die Gärtnerei und zertrümmerte die Fensterscheiben der umliegenden Häuser. Eine elektrische Hochspannungsleitung wurde niedergerissen und beschädigt. Personen kamen keine zu Schaden.» Eine dritte Bombe landete schliesslich als Blind­gänger beim Bahndamm Seebach-Affoltern.

Für die Zürcher war es nicht das erste Mal, dass sie von der alliierten Luftoffensive auf deutsche Städte gestreift wurden. Bereits im Dezember 1940 trafen britische Bomben den Eisenbahnviadukt Wipkingen. Damals hatte es ein Todesopfer und zahlreiche Verletzte gegeben. Die Bevölkerung lebte mit der Bedrohung von oben, tagtäglich erinnerte sie die Verdunkelungspflicht daran, dass auch der Schweiz jederzeit «Gefahren aus der Luft» drohen konnten, wie es damals in der Schweizer Wochenschau hiess. Gerade das Jahr 1943, als die drei Sprengbomben in Seebacher und Rümlanger Wiesen fielen, markiert einen ersten Höhepunkt der alliierten Bombenangriffe auf Deutschland. In den Feuerstürmen verloren in diesen Monaten vor allem in Hamburg und im Ruhr­gebiet Zehntausende das Leben.

Absicht oder Irrtum?
Wie zweienhalb Jahre zuvor blühten auch nach diesem zweiten Zwischenfall in Zürich die Spekulationen. An einen Irrtum der Briten glaubten nur die Wenigsten, da halfen auch die Worte von Bundesrat Pilet-Golaz wenig, der die Bombenabwürfe als «nicht absichtlich» bezeichnete. «Absichtlich abgeworfene Bomben würden selbstverständlich für die Schweiz eine Kriegserklärung bedeuten.» Bis heute sprechen Zeitzeugen von einem «ungezielt gezielten Angriff». Die Bomben hätten eigentlich der Werkzeugmaschinenfabrik Oerlikon gegolten, sind sie überzeugt, als Warnschuss an die Waffenproduzenten, die mit Nazideutschland eifrig Handel mit Kriegsmaterial betrieben. Tatsächlich hatte noch Anfang Mai der britische Aussenminister Anthony Eden den Schweizer Botschafter in London erfolglos ins Gebet genommen: «Jeder Franken an Kriegsmaterial, das Deutschland von der Schweiz geliefert wird, verlängert den Krieg.» 1942 hatte allein Oerlikon-Bührle der Nazikriegs­maschinerie Waffen im Wert von 48,7 Millionen Franken geliefert. 1943, als sich das Blatt endlich zugunsten der Alliierten zu wenden begann, erhielt Berlin noch einmal Material aus Zürich im Wert von 57, 7 Millionen Franken.

Von der in der Bevölkerung offenbar tief verankerten Warnschusstheorie allerdings halten Historiker wenig. «Das Gefühl, die Bombardierungen eigentlich verdient zu haben, war damals in der Schweiz sehr verbreitet. An den Bomben schienen sich alle Schuldgefühle zu fixieren», schrieb der Historiker und Autor Peter Kamber 1994 in der «WOZ». In seinem Artikel kommt auch ein besorgter Zürcher zu Wort, der kurz nach den Bomben auf Seebach schrieb: «Jetzt ists genug mit den Waffenlieferungen an Deutschland. Oerlikon, wir raten dir, höre auf! Sonst kommen wir dann, um dir Einhalt zu tun.»

Auch Historiker Thomas Bachmann, der die britischen Neutralitätsverletzungen des Schweizer Luftraums zwischen 1940 und 1945 untersucht hat, glaubt, gestützt auf britische Quellen, nicht an absichtliche Abwürfe. Vielmehr hätte die Besatzung des Mosquito-Bombers eigentlich Strassburg ins Visier genommen, nachdem sie das Primärziel München nicht ausmachen konnte. «Da in besagter Nacht jedoch keine Bomben in Strassburg detonierten, liegt die Annahme nahe, dass das verdunkelte Zürich mit dem Sekundärziel im besetzten Frankreich verwechselt worden war.»

Der folgenschwerste Bomben­abwurf auf Zürcher Gebiet ereignete sich kurz vor Kriegsende am 4. März 1945 im Gebiet der Landwirtschaftsschule Strickhof. 5 Menschen starben, 15 wurden verletzt. 

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