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Reportage

«Der Dichter ist ein Anwalt des Lebendigen, des Wagnisses» steht auf dem Gedenkstein (Bildmitte) am Albin-Zollinger-Platz. Bild: H. Wehrli

Ein Platz für den «zerrissenen» Dichter

Von: Urs Hardegger

03. November 2015

Jeder Ort in Zürich hat seine Geschichte. Das «Tagblatt» erzählt jede zweite Woche eine solche Story. Heute: der Albin-Zollinger-Platz.

«Zwei Freunde, Bildhauer, reisten zusammen von Paris nach der Schweiz zurück» – so beginnt Albin Zollinger (1895–1941) seinen Schlüsselroman «Pfannenstiel», den er 1940 während des Zweiten Weltkriegs veröffentlichte. Was banal klingt, war bildlich gemeint. Die Dichter, die sich im Reich des Geistigen eingerichtet hatten, waren durch die Zeitumstände gezwungen, sich wieder auf die Kleinheit ihrer Heimat einzulassen. Durch die nationalsozialistische Machtergreifung in Deutschland und Österreich waren sie des gemeinsamen Kulturraumes beraubt worden. Die Schweiz war auf sich selbst zurückgeworfen, musste zwischen den Extremen zu sich selbst zurückfinden. Nun galt es, sich wieder einzufinden in der Enge, die man ständig beklagt hatte. Gerade weil Zollinger an die Werte der Demokratie glaubte, prangerte er öffentlich Saturiertheit und Kleinkariertheit an. Eine aufgeschlossene Schweiz forderte er, nicht eine, in welcher der «Frieden der Sparbüchlein» und die «Tugend der Paragraphen» regierten. Klar, dass er aneckte. Den einen galt er als bürgerlicher Schöngeist, den anderen als getarnter Marxist. Er war keines von beidem.

Lehrerberuf als Belastung

Als Rückkehr könnte man ebenso das Kiesplätzchen mit dem Gedenkstein an der Allenmoosstrasse in Zürich-Oerlikon bezeichnen, das 1980 nach Zollinger benannt wurde. Fast vierzig Jahre nach seinem Tod kehrte er an den Ort seines Wirkens zurück. In unmittelbarer Nähe, im Liguster-Schulhaus, hatte er fast zwanzig Jahre unterrichtet. «Herrgott, wie lieb ist mir Oerlikon, wie blödsinnig lieb sind mir die Kinder», schrieb er an einen Kollegen. Und doch empfand er die Lehrertätigkeit zunehmend als Belastung, seine Leidenschaft lag nicht im Brotberuf, sondern in der Literatur.

Mit der Zerrissenheit zwischen Fremde und Heimat, Offenheit und Enge machte der in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsene Zollinger bereits früh Bekanntschaft. Der Versuch des Vaters, mit seiner Familie in Argentinien eine Existenz aufzubauen, scheiterte, und die Familie musste nach wenigen Jahren zurückkehren. Heimkehr als Scheitern, aber auch als Chance, die Zollinger trotz der schwierigen Umstände zu nutzen wusste.

Persönlich machte er immer wieder Krisen durch, seine Ehe ging in die Brüche, Zweifel am Dichterberuf und Selbstmordgedanken plagten ihn. In seinem unsteten Leben wechselte er häufig die Wohnung, machte Schulden und verlegte zeitweise sein Leben in die Öffentlichkeit. Man fand ihn zu jeder Tages- und Nachtzeit in den Kaffeehäusern, in denen sich die internationale Intelligenzija damals in Zürich traf. Das Terrasse oder das Odeon wurden zu seiner Arbeits- und Wohnstube, dort schrieb er, korrigierte Schulhefte oder diskutierte.

Sein Roman «Pfannenstiel» fand damals bei der Kritik keine Gnade. Ein verunglücktes Werk sei es, er sei zwar ein grosser Lyriker, aber ein armseliger Geschichtenerzähler. Er sei eben mehr gewesen als ein Erzähler, konterte Max Frisch, der grosse Stücke auf ihn hielt. Es sei der «Hymnus eines Besessenen», ein Buch «von vulkanischer Leidenschaft», ohne tragende Handlung. Vielleicht spürte Zollinger beim Schreiben, dass ihm nicht mehr viel Zeit blieb. In nur zwei Monaten hat er das «Pfannenstiel»-Manuskript niedergeschrieben. Im Herbst 1941 brach der erschöpfte Dichter zusammen. Er verstarb an einem Herzschlag.

War er das Opfer schweizerischer Enge oder ein gescheiter, brillanter Streiter, der mutig Stellung bezog? «Einen glühenden und zerrissenen Dichter einer glühenden, zerrissenen Zeit» hat Max Frisch ihn treffend genannt, nie werde er über den Pfannenstiel wandern, ohne an ihn denken zu müssen. Genauso ergeht es mir, wenn ich an seinem Plätzchen in Oerlikon vorbeikomme.

Quellen:
Zentralbibliothek Zürich: Albin Zollinger. Zürich 1981.
Zollinger, Albin: Pfannenstiel (mit Vorwort von Max Frisch), Frankfurt am Main 1990.

Lesen Sie am 18. November den Beitrag zum Paul-Trautvetter-Weg.

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