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Reportage

Ein halbes Güggeli vom Spiess-Grill: Die längst verschwundene Bar Sonnental befand sich an der Badenerstrasse 154, gleich bei der Kalkbreite. Sie musste einem Bürogebäude weichen, in dem sich heute unter anderem ein Optikergeschäft befindet. Bilder: Baugeschichtliches Archiv der Stadt Zürich

Enzo, Werner und die Damenperlen

Von: Jan Strobel

10. November 2015

Verschwundene Lokale: Unser Porträt über das Wirtepaar Karrer vom Mandarin liess unsere Leserinnen und Leser in Erinnerungen an Lokale schwelgen, die sie schmerzlich vermissen.

Manchmal reicht ein Duft, der zufällig in die Nase steigt, damit längst vergangene Ereignisse, längst verschwundene Orte wieder lebendig werden, gleichsam aus dem Nebel in plötzlicher Klarheit hervortreten. Bei unserer Leserin Peggy Zimmermann ist es der Duft nach heisser Schokolade, der sie in ihre Kindheit zurückversetzt, genauer, an einen Tisch im Grünen Heinrich am Bellevue, wo sie jeweils zur Adventszeit mit ihrer Gotte einkehrte, nachdem sie das Weihnachtsgeschenk für die Mutter besorgt hatten. «Dort wurde heisse Schoggi bestellt, und es gab eine Riesenauswahl an Pâtisserie, was eine Entscheidung jeweils sehr schwer machte. Allerdings waren bei mir immer Vermicelles dabei. Der Grüne Heinrich war ein Schlemmerparadies, gerade auch für uns Kinder! Danach konnte Weihnachten kommen, zu der Zeit immer mit viel Schnee.»

Das Kaffeehaus und Restaurant Grüner Heinrich war am Bellevue eine feste Grösse. Es befand sich in einem schmucken Geschäftshaus, das 1907 von den beiden Zürcher Jugendstilarchitekten Chiodera und Tschudi gleich neben dem Corso-Haus erbaut worden war und mit ihm ein stimmiges, grosstädtisches Ensemble einging. 1971 kam das Ende des Gebäudes und mit ihm des Grünen Heinrich. Es wurde kurzerhand abgetragen und an seiner Stelle ein Warenhaus errichtet, in dem sich heute unter anderem der Globus am Bellevue befindet.

In Erinnerugnen schwelgt auch Leserin Elsbeth Ermel: «Was ich und viele von meinen Freunden enorm vermissen, ist das Bierlokal Feldschlössli mit der berühmten Haxenstube und dem gemütlichen Esslokal im ersten Stock. Viele Freunde trafen sich dort, bevor sie auf den Zug oder das Tram gingen. Man wusste, da ist immer jemand, den man kennt. Und der legendäre Bar-Man Enzo kannte von jedem das Lieblingsgetränk.»

Das Bierlokal Feldschlösschen befand sich seit 1928 im Haus Bahnhofstrasse 81. Als seine Spezialitäten galten nicht nur die Haxen, sondern auch die so genannte «Damenperle», ein Feldschlösschen-Bier im Zwei-Deziliter-Glas. 1968 übernahm schliesslich Mövenpick das Lokal und machte es zu einer Adresse der Erlebnisgastronomie. Im Jahr 2000 endete die Ära. Das Gebäude wurde umfassend renoviert. Heute befinden sich dort eine Coop-Apotheke und eine Filiale von Ochsner-Sport. 

Leise Wehmut ergreift Leserin Doris Weissbaum-Küng, wenn sie an eine andere verschwundene Gastro-Perle zurückdenkt: «Ich vermisse das Café Zino beim Stauffacher. Seit den 50er Jahren gingen meine Arbeitskolleginnen, Freundinnen und ich gerne dorthin. Damals hiess es noch Mocca d’Oro, später dann Zino. Jahrzehntelang war es eines meiner Lieblingscafés.» Das Zino galt vielen als «Oase der Ruhe», als letzte Bastion von Toast Hawaii und Fleischkäse mit Spiegelei. Die fast schon kontemplative Atmosphäre zog auch Journalisten, Autoren oder Schauspieler immer wieder in das charmant altmodische Lokal. 2013 gab das Wirtepaar den Betrieb auf. An seiner Stelle eröffnete wenig später das italienische Restaurant Tschingg.

Auch die Beiz Alt-Züri an der Schoffelgasse gehörte unter diesem Namen seit 1933 zu den legendären Zürcher Adressen. Leserin Miriam Schweizer vermisst sie heute schmerzlich: «Das Alt-Züri war zeitweise mein zweites Wohnzimmer, und dessen Wirt Werner animierte mich zu drei Wetten, von denen er nur eine gewann. Donnerstags trafen sich hier auch die Opernsänger nach einer Vorführung oder Probe.» Das Alt-Züri schloss 2006, nachdem die Terrasse von der Stadt nicht mehr bewilligt wurde. Die Liegenschaft wurde von Unternehmer Beat Curti zu einem Wohnhaus umgebaut.



Vergangene Pracht am Bellevue: Das Kaffeehaus Grüner Heinrich. 

Das Innere des Grünen Heinrich präsentierte sich wie eine Theaterbühne.

Blick auf die Bierhalle Feldschlösschen, Bahnhofstrasse 81, im Jahr 1964.

Das Café Au Gourmet an der Seefeldstrasse 60 war im Kreis 8 eine Institution. Heute sind hier Büros untergebracht.

Die Ahnengalerie verschwundener Lokale:
(Die Liste können Sie durch weitere Namen und Anekdoten in der Kommentarspalte unten ergänzen!)

Café Parade, beim Paradeplatz

Café St. Gotthard, Bahnhofstrasse, 2003 geschlossen

Café zur Münz, beim Münzplatz

Café El Greco, Limmatplatz, 2012 geschlossen

Restaurant Agnes Amberg, beim Pfauen, 1994 geschlossen

Restaurant Bierfalken, Löwenstrasse, 2013 geschlossen

Olga Bar, Obersorfstrasse, 2000 geschlossen

Casa Bar, Münstergasse, 2010 geschlossen

Restaurant Flora, "Schnuderstube", Zollstrasse, 1985 geschlossen

Tessinerkeller, Neufrankengasse, 2010 geschlossen

Pigalle Bar, Marktgasse, 2013 geschlossen

Restaurant Bahnhof Stadelhofen, 2014 geschlossen

Restaurant Mühletal, Limmatstrasse, 2014 geschlossen

 

 

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Leserkommentare

Erika Bryner - Fröschegrabe

Vor 4 Jahren 4 Monaten  · 
Noch nicht bewertet.

Nicole Mahrer - Lustig – gerade wollte ich an den "Fröschegrabe" erinnern und jetzt steht er schon da. Wir besuchten ihn jeweils nach dem Einkaufen im Jelmoli. Für uns Kinder gab's eine verlockende Glacekarte, ansonsten ging das Angebot eher in Richtung Fastfood.

Vor 4 Jahren 4 Monaten  · 
Noch nicht bewertet.

Alexandra Nötzli - Cafeteria Nino, an der Sihlstrasse

Vor 4 Jahren 4 Monaten  · 
Noch nicht bewertet.