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Reportage

Joy Lutz (7) aus Eglisau ist an Leukämie erkrankt und erhält eine Chemotherapie. Sie kennt Traumdoktorin «Dr. Popette» (l.) und ihre Kollegin «Röff de Böff» schon von zahlreichen Aufenthalten am Universitäts-Kinderspital. (Bild: Barbara Stotz)

Erhellende Momente im Onko-Sturm-und-Stress

Von: Barbara Stotz-Würgler

05. November 2019

Wenn Leslie Delmonico alias «Dr. Popette» zu Besuch ist im Universitäts-Kinderspital in Zürich, hellt sich auch die Stimmung der siebenjährigen Joy auf, die an Leukämie leidet.

Es ist Donnerstagnachmittag in einem Behandlungszimmer der Onko-Poliklinik des Universitäts-Kinderspitals in Zürich. Joy sitzt in ihrem Bett, während ihr über eine Infusion Medikamente verabreicht werden. Die 7-Jährige wirkt müde. Seit Beginn des Jahres muss sie sich wegen einer aggressiven Leukämie einer Chemotherapie unterziehen. An ihrer Seite sitzen ihre grosse Schwester Noemi (19) und ihre Eltern René und Daniela Lutz. Die Familie aus Eglisau befindet sich seit Monaten im Ausnahmezustand. Doch die Hoffnung auf eine Genesung von Joy gibt ihnen immer wieder neue Kraft, schweisst die vier zusammen. So haben die Eltern auch an diesem Nachmittag extra Hamburger und Pommes mitgebracht: das Lieblingsessen von Joy.

Da geht plötzlich die Tür auf: Leslie Delmonico alias «Dr. Popette» steckt den Kopf herein. Gefolgt von ihrer Kollegin «Röff de Böff» betritt die Traumdoktorin der Stiftung Theodora (siehe ganz unten) den Raum. «Dr. Popette» spielt ein Lied auf der Ukulele, unterhält sich mit den Eltern, holt für die Mutter eine Tasse Kaffee. Die Stimmung ist gelöst – «Dr. Popette» kennt Familie Lutz schon von zahlreichen früheren Besuchen im Kinderspital. Als sie und «Röff de Böff» nahe ans Bett herantreten und Joy in ihr Spiel miteinbeziehen, hellt sich die Miene des Mädchens auf. Mit einem übrig gebliebenen Pomme frite trommelt «Dr. Popette» den Takt, mit der Ballonpumpe bläst sie etwas Unsicht­bares auf, albert mit der Erstklässlerin herum. Gekonnt hat «Dr. Popette» Joy für einige Minuten vergessen lassen, dass sie krank und im Spital ist.

 

Familie Lutz bangt seit Monaten um das Leben ihrer Tochter. Die Besuche der Traumdoktoren der Stiftung Theodora sind für die Eltern René und Daniela Lutz und die grosse Schwester Noemi, genauso wie für Joy, eine willkommene Abwechslung in ihrem sorgenvollen Alltag, der von Spitalaufenthalten geprägt ist. (Bild: PD)

 

«Die Traumdoktoren bedeuten meiner Tochter viel. Sie erheitern für kurze Momente ihr Gemüt und lassen sie wieder Kind sein», erklärt Daniela Lutz. Auch ihnen als Eltern und der grossen Schwester würden die Traumdoktoren erhellende, lustige ­Momente im Onko-Sturm-und- Stress bescheren. Doch in gewissen Momenten nützen selbst die eifrigsten Aufheiterungsversuche der Traumdoktoren nichts. «Wenn Joy in einem Chemoblock ist und gerade sehr hoch dosiert Kortison bekommt, sich ganz schwach fühlt oder starke Schmerzen hat, dann ist es nicht möglich, sie aufzuheitern», so Daniela Lutz. In solchen Augenblicken gehen die Traumdoktoren mit viel Feingefühl auf die kleine Patientin ein und besuchen sie nur, wenn sie es auch wünscht. Umso wertvoller sind diejenigen Situationen, bei denen Joy herzhaft mitlachen mag.

Kunst und Soziales

Die Traumdoktoren sind jeweils am Mittwoch- und Donnerstagnachmittag am Universitäts-Kinderspital unterwegs. Rund 90 Kinder – vom Säugling auf der Neonatologie bis hin zum Jugendlichen – besuchen sie bis am frühen Abend. Die ausgebildete Schauspielerin Leslie Delmonico ist seit fünf Jahren als Traumdoktorin im Kinderspital Zürich unterwegs, seit insgesamt zwölf Jahren ist sie bei der Stiftung Theodora engagiert. «Mit meiner Tätigkeit kann ich das Künstlerische mit dem Sozialen verbinden», erklärt die zweifache Mutter aus Zürich-Witikon.

Leslie Delmonico bereitet sich auf jeden ihrer Besuche genau vor. In den Stationszimmern lässt sie sich vom Pflegepersonal über die Patienten informieren. Ist jemand dabei, der keinen Besuch möchte, wird dies respektiert. Ein fixes Programm abzuspulen, ist nicht möglich. Leslie Delmonico lässt sich auf jede Situation neu ein und passt ihren Besuch an den Patienten und dessen Gesundheitszustand an. «Auf diese Weise bin ich viel näher beim Kind», erklärt die 45-Jährige. Stets bezieht sie auch die Angehörigen mit ein.

Trotz ihrer Aufgabe, Fröhlichkeit und Heiterkeit zu verbreiten: Die Schicksale gehen Leslie Delmonico nahe. «Es ist manchmal schwierig mitzuerleben, wie sich der Zustand eines Kindes verschlechtert oder wenn ein Kind stirbt», erklärt sie. Deshalb tauschen die Traumdoktoren regelmässig ihre Erfahrungen untereinander aus und nehmen an Supervisionen teil. Bevor sie weiterzieht, macht Leslie Delmonico mit dem Handy der Mutter ein Foto der ganzen Familie Lutz und spielt für Joy ein Abschiedsständchen. «Machs gut», sagt sie, und schon ist sie unterwegs ins nächste Zimmer. Joy und ihre Familie werden «Dr. Popette» oder ihre Kolleginnen und Kollegen der Stiftung Theodora wohl noch einige Male im Kinderspital antreffen, ist die Behandlung doch erst Anfang des nächsten Jahres abgeschlossen.

 

Gut zu wissen

Die Stiftung Theodora wurde vor 26 Jahren gegründet und verfolgt das Ziel, Kindern im Spital oder in spezialisierten Institutionen Freude zu bereiten und sie zum Lachen zu brin-
gen. Die Theodora-Traumdoktoren sind professionelle Künstlerinnen und Künstler. Sie werden von der Stiftung nach strengen Richtlinien für ihre Arbeit im Spital und in Institutionen ausgebildet. Jede Woche besuchen die 61 Traumdoktoren 35 Spitäler und 29 spezialisierte Institutionen in der ganzen Schweiz. Zurzeit sind 21 Traumdoktoren inAusbildung. Die Stiftung Theodora bietet fünf Programme für kranke oder beeinträchtigte Kinder an.

Weitere Informationen: www.theodora.org

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Leserkommentare

Sue Lüscher - Ein herzliches Dankeschön :) zauberhaft dass es diese Institution gibt!

Vor 1 Woche 4 Tagen  · 
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