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Reportage

In der Villa Ehrenberg (gelbes Haus) wohnte einst Caroline Farner. Bild: H. Wehrli

Farners schmaler Pfad

Von: Urs Hardegger

15. Dezember 2015

Jeder Ort in Zürich hat seine Geschichte. Das «Tagblatt» erzählt jede zweite Woche eine solche Story. Heute: der Caroline-Farner-Weg.

Als die Ärztin Caroline Farner (1842–1913) am 12.    September 1892 im Hauptbahnhof Zürich aus dem Zug stieg, bauten sich vier Polizeibeamten vor ihr auf und verhafteten sie auf der Stelle. Veruntreuung von Mündelgeldern und Urkundenfälschung lautete der happige Vorwurf. Eine aussergewöhnliche Jus­tiz­geschichte nahm ihren Anfang. Die nächsten acht Wochen verbrachte die Fünfzigjährige, zusammen mit ihrer Lebensgefährtin Anna Pfrunder, im Zuchthaus Oeten­bach. Ein familiärer Zwist um zwei Waisen, welche die beiden Frauen gerne als Pflegekinder aufgezogen hätten, war eskaliert. Hinter der Klage stand der Bruder von Annas Schwägerin. Als gewählter Oberrichter hatte er Macht und Einfluss, um den Polizei- und Justizapparat gegen die beiden Frauen in Bewegung zu setzen.

Es war nur ein schmaler Pfad, den eine Frau im 19. Jahrhundert beschreiten konnte. Genauso schmal wie der Weg, der auf der Hohen Promenade vom Pfauen zum Bellevue führt und an Caroline Farner erinnert. Den Schülerinnen, die hier zum Hauptportal des Gymnasiums schlendern, steht nach der Matura eine akademische Karriere offen. Ihnen wird kaum bewusst sein, dass es dafür einst kämpferische Frauen wie Farner bedurfte.

Farner war erst die zweite Schweizerin, die an der Universität Zürich ein Medizinstudium abschloss. Ein steiniger Weg für das jüngste Kind eines Grossbauers aus dem Thurgau. Nach dem Studium eröffnete sie eine Praxis, gründete den Frauenverein Fraternité und gab zwischen 1890 und 1894 eine Zeitschrift heraus. Als engagierte Vortragsrednerin und Frauenrechtlerin wurde sie bald weitherum bekannt. Frauen sollten nicht länger aus dem öffentlichen Leben verbannt und lediglich Dienerin des Mannes sein, forderte sie. Ihren Kampf verstand sie auch als soziale Aufgabe. Sie hielt Vorträge über Hygiene, machte Frauen Mut, sich zu bilden und gehörte zu den Mitbegründerinnen eines Erholungsheimes für Arbeiterinnen, Hausfrauen, Dienstmädchen und Prostituierte in Urnäsch.

Anklage abgeschmettert

Der Prozess gegen die beiden Frauenrechtlerinnen, der ein Jahr später stattfand, wühlte die Schweiz auf und erregte auch im Ausland Aufsehen. Je länger er dauerte, desto offensichtlicher wurde es: Da ging es nicht um ein Vermögensdelikt, hier sollte eine Frau bestraft werden, die sich nicht in die übliche Frauenrolle zwängen liess. Sie war weitgereist, hatte studiert, blieb unverheiratet und lebte in einer unkonventionellen Liaison mit Anna Pflüger zusammen. Nirgends wird erwähnt, ob die beiden Lebensgefährtinnen lesbisch waren. So etwas wäre in einer Zeit, in der «widernatürliche Unzucht» als gravierender Straftatbestand galt, nicht sagbar gewesen. Doch allein der Verdacht, gepaart mit persönlichen Animositäten und finanziellen Interessen, mögen ausgereicht haben, um das resolute Vorgehen der Justiz zu erklären. Denn die Beweislage war mehr als dürftig. Das musste letztlich auch das Gericht erkennen. Es schmetterte die Anklage vollumfänglich ab. Die noch junge Frauenbewegung feierte den Freispruch als grossen Triumph. Ihm sollte Signalwirkung zukommen: Wenn Frauen sich wehren, sind sie nicht länger männlicher Willkür ausgesetzt.

Bei Caroline Farner hinterliess die erlittene Schmach allerdings Wunden. Sie flüchtete in ihre Arbeit und zog sich aus der Öffentlichkeit zurück. Wegen einer heimtückischen Krankheit konnte sie in den letzten Jahren kaum noch gehen. Dank der von ihr gegründeten Anna-Carolinen-Stiftung, die bis heute Stipendien an Schweizer Studentinnen ausrichtet, und dem rege benutzten Promenadenweg ist sie trotz allem nicht ganz in Vergessenheit geraten.

Quelle:
Ida Bindschedler: Med. Dr. Caroline Farner, Zürich, o. J.
Rosmarie Keller: Ich bereue nicht einen meiner Schritte. Zürich 2001.

Lesen Sie am 13. Januar 2016 den Beitrag zur August-Forel-Strasse.

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