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Reportage

Auch Tischmanieren werden in der "Husi" gelernt. Bilder: CLA

Für ein Leben ohne Ketchup

Von: Clarissa Rohrbach

11. Februar 2013

Am 3. März stimmt das Volk über die Vorverlegung der Hauswirtschaftskurse ins Untergymnasium ab. Doch wie erleben die Schüler die «Husi» heute? Das «Tagblatt» war dabei.

«Ketchup servieren wir nicht in der «Husi». Es enthält nur 70 Prozent Tomatenanteil und sehr viel Zucker, besser tischt ihr Quark zu Kartoffeln auf», sagt Cindy Schmid, die Lehrerin für Hauswirtschaft im Strickhof in Weesen, eines der drei Häuser, in denen der Kanton die dreiwöchige «Husi» im Obergymnasium durchführt. Die Schüler machen grosse Augen und verabschieden sich innerlich vom feinen Ketchup. «Bald werden die Jugendlichen ihren eigenen Haushalt führen. Hier lernen sie, wie sie sich mit wenig Geld gesund ernähren können», sagt Schmid.

Die 16- bis 18-jährigen Kantonsschüler aus Wetzikon sitzen rund um einen Tisch und hören der Lehrerin aufmerksam zu. In der Mitte thront eine Nahrungsmittelpyramide, viel Gemüse unten, wenig Süsses zuoberst. Mit selber mitgebrachten Schürzen und Hausschuhen gekleidet, lernen die Schüler gerade die Wirkung von Vitaminen aus dem «Tiptopf» und halten dann einen Kurzvortrag. «Das Vitamin B6 ist gut für die Hämoglobin- und Antikörperbildung; der Lachs, den wir heute essen, enthält davon», erklärt eine Schülerin. An der Wandtafel hinter ihr hängt das heutige Menü. Lachstiramisù auf Salatbeet mit Safrantoast, dazu Kartoffelwedges. Dessert: Zimt-Honig-Creme aus der Orange. Daneben stehen die Küchenregeln: Haare zusammenbinden, Hände mit Seife waschen, Rezept genau durchlesen.

Viviane und Darja haben vor der Ernährungswissenschaftsstunde die Orangen ausgehöhlt und würzen nun die Wedges. «Wir verwerten die Reste morgen, man lernt hier, nichts wegzuwerfen und saisongerecht zu kochen.» Sie kontrollieren, wie lange die Kartoffeln in den fünf Öfen backen müssen. Sie überlegen sich jetzt schon, womit sie ihre Familie am Wochenende bekochen wollen. Auf den vier Arbeitsflächen werden Teller kunstvoll dekoriert: eine Balsamico-Fantasie für den Salat, Hagelzucker für das Dessert. Die 4. Klasse hat sich heute speziell gewünscht, etwas über Dekorationen zu erfahren. «Schaut einfach in den Vorratsschrank und seid kreativ, es gibt kein richtig oder falsch», erklärt Schmid. Kleine Einfälle genügten für einen grossen Effekt. So könne man ein Fruchtstück im Eiswürfel mit einfrieren oder ein paar Zitronenscheiben in die Wasserkaraffe tun. «Wenn das Essen optisch einen guten Eindruck macht, hat man mehr Lust darauf», sagt Sarina, die gerade Zimt­stangen zuschneidet. «Ist der Nüsslisalat gewaschen?», ruft ein Kochkamerad in die Runde, «macht vorwärts, in 15 Minuten müssen wir auftischen!»

Bilder aufhängen, Hosen kürzen

Während der drei Wochen «Husi» leben die Schüler eng zusammen, sie führen den ganzen Haushalt. Dazu gehören auch Ämtli wie WC-Putzen, Aufräumen, Wäsche waschen. «Nach dieser Zeit ist der Klassenzusammenhalt stärker, jeder hat in der Gruppe seine Aufgabe», sagt Schmid. Die acht Stunden Unterricht pro Tag sind in die Schwerpunkte Ernährung, Werken, Haushaltsmanagement, Textiles Gestalten und Bewegung aufgeteilt. So lernen die Schüler, wie sie sich mit einem Sprint während der Arbeitspause fit halten können, ein Budget erstellen oder die Wohnung mit selbst gepflückten Blumen aufwerten. Fächer übergreifend ist das Thema des fairen Konsums. «Die ‹Husi› ist sozusagen eine Hilfeleistung für ein verantwortungsvolles Leben.» Um den Lehrplan zusammenzustellen, hat der Kanton Studierende und junge Paare nach ihren Bedürfnissen gefragt. Meistens handelt es sich um praktische Fragen: Wie kann ich ein Ikea-Möbel zusammenbauen? Ein Bild aufhängen? Eine Hose kürzen?

Das Do-it-yourself bringt Lehrer Thomas Sauter der anderen Hälfte der Klasse in der Werkstatt bei. Hier basteln die Schüler mit ein paar Stücken Holz und einfachster Technik Brieföffner, Kerzenständer oder Serviettenringe. Hämmern, Fräsen, Feilen: Im Raum ist es laut. Mirjam poliert einen Messerhalter mit Schleifpapier. «An selber gemachten Sachen hat man mehr Freude; dieses Wissen werde ich in meinem Leben gut gebrauchen können.» Nebenan isoliert Aliena gerade ein Elektrokabel ab, um es mit einem Stecker zu verbinden. «Ich musste früher immer meinen Vater für solche Arbeiten fragen, jetzt bin ich froh, dass ich es selber kann.» Sauter meint, dass junge Frauen immer öfter ursprünglich männliche Tätigkeiten lernen wollen. Lampen montieren, dübeln, malen: Ob Mann oder Frau, jeder packt es gleich an. «Das Rollenverständnis müssen wir gar nicht im Unterricht einbauen, für junge Männer ist es selbstverständlich, dass sie im Haushalt helfen.» Ob die Jungs später tatsächlich Haushalten werden? Matteo gibt sich empört: «Klar. Meinen Sie, wir haben so verstaubte Rollenbilder?»

Die Gerichte sind nun bereit, die Klasse applaudiert. Die guten Tischmanieren fallen auf – auch Knigge wird hier gelernt. Sarina erklärt, wieso sie die «Husi» für 13-Jährige, wie es die Kantonsvorlage will, sinnlos findet. «In diesem Alter macht man sich noch keine Gedanken über die Zukunft.» Auch Lehrer Sauter meint: «Ich sähe Probleme mit pubertierenden Schüler. Sie haben andere Sorgen und Interessen, ausserdem müssten wir viel mehr disziplinarische Massnahmen einführen, die Qualität des Unterrichts würde darunter leiden.» Sarina jedenfalls wird ab jetzt darauf achten, was sie isst. Ihr Nachbar Matteo prahlt hingegen damit, dass er am Mittwochnachmittag einen Kebab gegessen habe. «Das Essen ist fein aber heute leider etwas knapp.» Der Tellerservice vermag nicht jeden Hunger gleich zu stillen. Doch nach dem Dessert, bei dem nachgeschöpft werden kann, sollten alle satt sein.

Dieses Schuljahr besuchen Schüler aus fünf Kantonsschulen der Stadt Zürich die Husi-Kurse, allesamt in der 4. Klasse. Die insgesamt 927 Teilnehmer aus 44 Klassen in den Kantonsschulen Rämibühl, Hohe Promenade, Wiedikon, Freudenberg und Zürich Nord werden die dreiwöchigen Hauswirtschaftskursen zwichen Februar und Mitte Juli absolvieren.

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