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Reportage

Marcel* wurde erst gegen seine Freundin und dann auch noch gegenüber der Polizei gewalttätig. Symbolbild: PD

Gerichtsfall: Eine missglückte Weihnachtsfeier

Von: Isabella Seemann

03. Dezember 2013

Ein Mann und seine schwangere Verlobte warten händchenhaltend vor dem Gerichtssaal. Der liebliche Schein trügt, es ist ein Paar, das mit seiner Liebe nicht klarkommt. Das ist beileibe nichts Aussergewöhnliches am Gericht, es liesse sich wöchentlich von einem Fall berichten unter der Überschrift «Sie küssten und sie schlugen sich»; die Geschichte endet häufig damit, dass die Polizei auftaucht und der Staats­anwalt Anklage erhebt, in den meisten Fällen gegen den Mann.

Bei Marcel* und Ana Maria war es nicht anders. Als Ana Maria mit Marcel zusammenzog, war sie 22, während ihrer fünfjährigen «eheähnlichen Beziehung» hat sie eine Ausbildung zur Kosmetikerin abgeschlossen, sie ist tüchtig im Geschäft, gleichmütig, sie scheint auch die Besonnenere zu sein. Marcel, der 18 Jahre Ältere, ist der Kindische, Trotzige, der seine Wunden auf unreife Weise leckt. Ein Mann mit exakt gegelten Haarstacheln auf dem Kopf und einem hohlwangigen, grauen Gesicht von unendlicher Traurigkeit. Erschiene es auf einer Kinoleinwand, erfasste den Zuschauer eine Ahnung von dem bevorstehenden Unheil, das diesem Mann drohte. Aber das Leben besetzt seine Rollen nicht mit den passenden Gesichtern. Der traurige Marcel ist kein Opfer. Sein Strafregister umfasst mehrere Seiten, aber der Richter liest es nicht vor. Er sagt etwas von typischer Konstellation häuslicher Gewalt.

Mit Selbstmord gedroht

Weihnachten feierten Ana Maria und Marcel zu zweit, Kerzen brannten, aber romantisch war es nicht. In jener Nacht floss viel Schnaps, Marcel ertrank im Selbstmitleid, und vielleicht ertränkte er es auch. Sie schrien sich an. Ana Maria blutete im Gesicht. Marcel hatte wenige Tage zuvor mit Selbstmord gedroht, nicht zum ersten Mal. Man erfährt es en passant. Die Beziehungsprobleme sind für den Fall nicht relevant und das Gericht nicht dazu da, sie zu lösen. Was die beiden zusammenfügte, erfährt man nicht, so tief graben die Gerichte nicht. Marcel wird gefragt, ob er in psychiatrischer Behandlung gewesen sei. «Ja.» – «Und was ist dabei herausgekommen?» – «Nichts.» Ob er Medikamente nehme, fragt der Richter weiter. Marcel schüttelt den gräulichen Kopf mit den gegelten Stacheln. Wäre er der häuslichen Gewalt angeklagt, hätte man ihn fragen können, warum. Warum Gewalt gegen das, was er zu lieben vorgibt. Warum wollte er seinem Leben ein Ende setzen, warum schlug oder stiess er seine Verlobte? Aber hier wird eine andere Geschichte von Marcel und Ana Maria verhandelt: Marcel ist der Gewalt und Drohung gegen Behörden und Beamte angeklagt. Er «opponierte vehement», wie es in der Anklageschrift heisst, als die Polizisten ihm Handfesseln anlegen wollten, er trat «rabiat» mit Fäusten und Füssen nach ihnen, als sie ihn auf die Matratze in der Ecke stiessen, er liess sich fallen, als sie ihn mitnahmen. Er schlug und schrie wild um sich «Wichser, Scheissbullen, Idioten, ihr seid doch alles Penner, Arschlöcher», und er drohte, er werde sie, die Polizisten und Polizistinnen, «kaputt» machen.

Immer mehr Gewalt gegen Beamte

Fälle von Gewalt und Drohungen gegen Beamte und Behörden nehmen zu, das zeigen die Statistiken der letzten Jahre: Von 2000 bis 2010 sind sie schweizweit von knapp 800 auf 2258 gestiegen, und in neun von zehn Fällen waren die Opfer Polizistinnen und Polizisten. Allein 438 Fälle verzeichnete die Kriminalstatistik letztes Jahr in der Stadt Zürich.

Ausflüchte und Widersprüche

Ana Maria hatte in jener Nacht die Polizei gerufen. Als diese eintraf, sassen der Mann und die Frau auf dem Sofa und schrien sich an. Die junge Frau hatte eine Platzwunde im Gesicht. «Was machen Sie in meiner Wohnung?», brüllte Marcel, «das ist eine private Sache.» Ana Maria aber habe geweint, so steht es in der Anklageschrift. «Der ist nicht so, der wird nie wieder so was tun», habe sie gesagt. Da war klar, dass Marcel ihr die Verletzungen beigebracht hat. Er wurde aufgefordert, sich in die andere Ecke des Wohnzimmers zu begeben, aber er sah den Grund der Massnahme nicht ein. Ana Maria sei umgefallen, über einen Teppich gestürzt. So berichtet Marcel. «Ich habe doch nichts getan. Es war ein Unfall.» Weils ungerecht war, habe er sich gewehrt. «Die wollten das einfach nicht verstehen. Meine Verlobte hat ihnen gesagt, dass nichts gewesen ist.» Marcel bestreitet jedwede Tätlichkeit. Doch er verwickelt sich in Widersprüche, ist überfordert. «Die stellen einem aber auch Fragen und verdrehen alles», sagt er. Dreimal hatte Marcel bereits mit der Polizei zu tun, zog den Kürzeren und zahlte drauf. «Dreimal hatte ich auch Schuld», räumt er ein.

«Das Leben kann manchmal so einfach sein», erklärt der Richter. «Hätten Sie sich kooperativ gezeigt, hätte man die Sache klären können.» Er fährt fort: «Sich in dieser Weise gegen die . . .» Aber weiter kommt der Richter nicht, denn Marcel ergänzt bereits reumütig die Ausführungen: «Das sollte man nicht machen.» Marcel wird schliesslich zu einer Geldstrafe von 60 Tages­sätzen zu 80 Franken sowie einer Busse von 1000 Franken verurteilt.

Draussen im Korridor nimmt Ana Maria Marcels Hand und sagt ihm sanft: «Mein Fehler war, die Polizei überhaupt zu rufen.»

* alle Namen geändert

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Leserkommentare

Gideon Lasker - Auch der durchschnittlich intelligente Mensch wird unmittelbar erkennen, wie tendenziös das ganze Geschreibe ist, und was die Autorin eigentlich suggerieren will.
Die eigentliche Story ist lediglich, dass ein Mann sich gegen unberechtigtes Eindringen der Polizei
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Vor 6 Jahren 7 Monaten  · 
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