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Reportage

Schulhaus Altweg: Die Primar­lehrerinnen der 1. Klasse, Rena Baumgartner und Livia Varga, Schulleiterin Gudrun Rossi, Redaktorin Ginger Hebel, Julienne Friedrich, Lehrerin 1. Klasse, Roland Jezler, Leiter Hausdienst und Technik, Raquel Valvidares, Leiterin Betreuung (v. l. n. r.). Bild: Nicolas Zonvi

Grossereignis erster Schultag

Von: Ginger Hebel

21. August 2018

Am Puls: Am Montag hatten 3510 Mädchen und Knaben in der Stadt Zürich den ersten Schultag. In der Schule Altweg in Albisrieden wurden 68 Kinder in die 1. Klasse eingeschult. Es war ein Tag voller Freude, Tränen und Glück.

So ruhig wie kurz vor Schulstart wird es auf dem Pausenplatz nicht mehr sein. Nach den langen Sommerferien warten im Schulhaus Altweg in Albisrieden alle gespannt auf die Erstklässler, die eingeschult werden. Primarlehrerin Rena Baumgartner unterrichtet seit 16 Jahren an dieser Schule. Ihr Klassenzimmer sieht aus wie ein Kinderwunderland. Kunterbunte Drachenfiguren, eine Sofaecke, liebevolle Dekorationen und Namenstäfelchen. Sie tut viel dafür, dass die Kinder einen glücklichen Schulstart haben. «Ich möchte, dass sie sich wohlfühlen und gern zu mir ­kommen», sagt Rena Baumgartner. Die Förderung des einzelnen Kindes wie auch der Klassengemeinschaft steht für sie im Vordergrund. «Die Arbeit mit Kindern ist für mich ein Stück weit auch eine Arbeit an einer guten Welt. Es ist mein Ziel, dass sie anständige Menschen werden. Wir Lehrpersonen er­ziehen sie ja ein Stück weit mit», sagt die 53-Jährige.

Fünf Minuten vor Schulbeginn. Rena Baumgartner ist nervös, obwohl sie seit 30 Jahren unterrichtet. «Wenn ich mit einer neuen Klasse starte, fühlt sich das immer an wie beim ersten Mal.» Die Kinder warten geduldig vor dem Klassenzimmer, bis sie und ihre Eltern persönlich begrüsst werden.

Einige sind aufgekratzt, andere klammern sich an der Hand ihrer Eltern fest. Viele werden entweder von Mami oder Papi begleitet, die Klasse von Frau Baumgartner besuchen auch zwei Kinder alleinerziehender Väter. «Das hatte ich noch nie», sagt Rena Baumgartner. Die Lebensformen, stellt sie fest, hätten sich in den letzten Jahren verändert. Von den 25 Kindern in ihrer Klasse hat rund die Hälfte einen Migrationshintergrund, sie sprechen Italienisch, Albanisch, Portugiesisch, Koreanisch. Für Eltern, die Probleme mit der Verständigung haben, stehen Dolmetscher und Kulturvermittler zur Verfügung. «Ich lege grossen Wert auf die Elternarbeit. Die Schule ist eine Ergänzung zur Familie», ist Rena Baumgartner überzeugt.

Viele Kinder und Eltern haben eine fast schlaflose Nacht hinter sich. Im Klassenzimmer ist die Aufregung spürbar. Die Lehrerin lädt alle Kinder dazu ein, im Kreis Platz zu nehmen und den Namen zu sagen. Ein Mädchen weint, es ­möchte nicht weg von ­seinem Mami und am liebsten gar nicht reden. Rena Baumgartner reagiert verständnisvoll. «Der Prozess des Loslassens verläuft bei jedem anders.»

In der grossen Znünipause sieht man lachende und gelöste Gesichter. Für die 23-jährige ­Livia Varga ist es die erste Primarschulklasse. «Ich bin erstaunt, wie brav die Kinder sind.» Trösten musste sie nur den Bub, der weinte, weil er nicht wusste, welches Tier er zeichnen sollte. Der Pausenplatz füllt sich mit Leben. Jetzt kommt der Moment, auf den sich Schulleiterin Gudrun Rossi stets am meisten freut – das Sonnenblumenritual. Jedes Erstklasskind wird mit einer Sonnenblume in der Schule willkommen geheissen. «Die Schule soll zu einer Art Zuhause für die Kinder werden», sagt Gudrun Rossi. Jahrelang unterrichtete sie auf der Primar- und Mittelstufe, seit sechs Jahren leitet sie die Schule Altweg. «Die Eltern sind unsere wichtigsten Partner. Wenn es Probleme gibt, muss man sie gemeinsam angehen. Aktiv zuhören ist der Schlüssel zum Erfolg», ist die Schulleiterin überzeugt.

Die Anzahl Schülerinnen und Schüler in der Stadt Zürich wächst rasant. 32 500 Kinder starteten am Montag ins neue Schuljahr – rund 1300 mehr als im letzten Jahr. 3510 Mädchen und Knaben kamen in die erste Klasse. In den nächsten zehn Jahren können voraussichtlich nochmals elf Neubauten in Betrieb genommen werden. Auch die Schule Altweg wird immer grösser. 374 Kinder werden hier aktuell unterrichtet, erstmals gibt es drei erste Klassen. Um Platz zu schaffen, wurde ein Züri-Modular-­Pavillon errichtet. Man steuert auf das Projekt Tagesschule 2025 zu. «70 Prozent aller Kinder dieser Schule werden bereits im Hort betreut», sagt Raquel Valvidares, Leiterin Betreuung. Zur Verfügung stehen ein Morgentisch, ein Mittagshort sowie vier Mittags- bis Abendhorte. «Heutzutage sind oft beide Elternteile berufstätig, daher sind gute Betreuungsangebote elementar», sagt die 41-Jährige. Für sie selbst war immer klar, dass sie Mutter werden, ihren Beruf deswegen aber nicht an den Nagel hängen wollte.

Kaum einer hat die Veränderungen an dieser Schule so stark miterlebt wie Roland Jezler. Er arbeitet seit bald 30 Jahren als Leiter Hausdienst und Technik. «Früher stand das Handwerk im Mittelpunkt, heute ist viel Bürokratie dahinter. Ich bin aber noch immer das Mädchen für alles», sagt er und schmunzelt. Jahrelang kümmerte er sich mit seiner Frau um anfallende Hauswartsarbeiten und lebte auf dem Schulareal. Neben einem leiblichen Kind zogen sie vier Pflegekinder gross. «Es gab Zeiten, da sassen mittags acht Kinder an unserem Esstisch, während wir am kleinen Clubtisch assen», erinnert sich Roland Jezler. Er mochte diese Zeiten und ärgerte sich auch dann nicht, wenn die Kinder nach Schulschluss an seiner Haustür Sturm klingelten, weil der Ball mal wieder über den Zaun flog. Ende September geht er in Pension. «Ich bin einerseits froh, aber es tut auch weh. Ich glaube, ich hatte hier einen guten Ruf. Das macht mich stolz.»

Die Pause ist vorbei, die Kinder gehen ­zurück in ihre Klassen. Der erste Schultag wird hoffentlich allen in schöner Erinnerung bleiben.

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