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Reportage

Sie sorgen dafür, dass wir Post bekommen: von links, im Uhrzeigersinn: Jelena Pendes (Sendungsaufbereitung), Sefket Alijov (Schiene und Warenausgang), Levent Akar (Sendungsaufbereitung), Beniamino Aloise (Leiter Briefzentrum), Othmar Friedli (maschinelle Sortierung), Ginger Hebel (Redaktorin), Ali Sahin und Patrizia Feuerstein (manuelle Sortierung). Bild: Nicolas Zonvi, Illustration: Beni Merk

Hier geht die Post ab

Von: Ginger Hebel

03. März 2020

Briefzentrum: 15 Millionen Briefe und Zeitungen werden schweizweit pro Tag von der Post zugestellt. Aktuell macht das Corona-Virus der Post aber einen Strich durch die Rechnung. In den Filialen werden keine Pakete nach China mehr entgegengenommen. Für die Serie Am Puls war Ginger Hebel im hochmodernen Briefzentrum Mülligen. 

Die Briefsortiermaschine rattert und sortiert im Eiltempo bis zu 30 000 Briefe pro Stunde. «Das ist Hightech pur», sagt Othmar Friedli begeistert. Der 59-jährige Teamleiter verantwortet die maschinelle Sortierung im Briefzentrum Mülligen. Letztes Jahr verschickte die Schweizerische Post fünf Milliarden Briefe und Zeitungen, 24 Millionen Kleinwarensendungen stammten dabei aus dem asiatischen Raum. Aktuell macht das Corona-Virus der Post aber einen Strich durch die Rechnung. Weil sämtliche Flüge nach China ausfallen, nimmt die Post in den Filialen keine Briefe und Pakete nach China mehr entgegen. «Wir können nicht gewährleisten, dass sie auch tatsächlich ihr Ziel erreichen», sagt Beniamino Aloise, Leiter Briefzentrum. Das Pandemieboard der Post beobachte die Entwicklung in der Schweiz und im Ausland aufmerksam. «Wir stehen in Kontakt mit dem Bundesamt für Gesundheit. Sollte das BAG Massnahmen anordnen, die unseren Betrieb beeinflussen, würden wir diese selbstverständlich umsetzen», sagt Mediensprecher Erich Goetschi.

Das Briefzentrum Mülligen, entworfen vom inzwischen verstorbenen Zürcher Architekten Theo Hotz, gehört zu den modernsten der Welt. Die Lese- und Videocodiermaschinen sind in der Lage, Postkarten und Briefe nach Postleitzahl zu sortieren. Sie ordnen sie sogar in der Reihenfolge der Briefkästen an, damit der Pöstler diese nicht mehr mühsam suchen muss. «Das ist ein Zeitgewinn», sagt Othmar Friedli. Wenn die Maschinen die Adressen nicht lesen und sortieren können, gelangen sie weiter in die Handsortierung, was mit zusätzlichen Kosten für die Post verbunden ist. In Friedlis Team arbeiten 30 Frauen. «Sie sind sehr engagiert. Der Konkurrenzkampf ist jedoch spürbar, weil viele Angestellte temporär arbeiten und sich eine Festanstellung erhoffen.»

Zum dritten Mal in Folge wurde die Schweizerische Post von weltweit 172 Post-Organisationen zur «besten Post der Welt» gekürt. 98 Prozent aller A-Post-Briefe werden zeitgerecht zugestellt. «Das macht uns stolz und motiviert uns, Tag für Tag unser Bestes zu geben», betont Othmar Friedli. Techniker überwachen die Briefsortiermaschinen und den Materialfluss. «Der Leitstand ist das Hirn des Gebäudes», sagt Beniamino Aloise. Es ist ein lebhafter 24-Stunden-Betrieb. Rund 15 Millionen Briefe und Zeitungen werden schweizweit pro Tag zugestellt; Transaktions-Post wie Rechnungen, Bankauszüge, Eingeschriebenes. Auch ein Brief von Scuol nach St. Moritz landet zuerst in Zürich, «das ist ein Umweg, aber es ist aufgrund der Abläufe effizienter und kostengünstiger», erklärt Aloise.

Die Abläufe sind automatisiert. Ein Brief wird, bevor er im Briefkasten landet, nur im Wareneingang in die Hand genommen, danach in der manuellen Sortierung, dann vom Pöstler. In der Sendungsaufbereitung wirkt die Stimmung hektisch, «das täuscht; alles ist sehr gut organisiert», betont Levent Akar. Sechs Anlagen sortieren täglich zwischen 400 000 und 600 000 Postsendungen, formatieren und stempeln sie. «Ich arbeite hier in einer grossen Abteilung mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus sämtlichen Kulturkreisen, das ist spannend», sagt der 36-Jährige. Seine Mutter ist Perserin, der Vater Kurde, er selber wurde in München geboren. Seit zwei Jahren arbeitet er für die Schweizerische Post. «Es macht Freude, zu sehen, wie alles trotz dieser täglichen Briefmenge so gut funktioniert.» Abends hat die A-Post Priorität. B-Post wandert ins Hochregallager und wird am nächsten Morgen weiterverarbeitet. Im Lager mit den Kleinwarensendungen verkehren selbstfahrende Fahrzeuge und seit letztem Jahr Roboter, welche die Schwerstarbeit verrichten.

Im Briefzentrum Mülligen arbeiten 1200 Angestellte aus 52 Nationen. Beniamino Aloise ist zwar erst 36-jährig, feierte aber bereits sein 20-Jahr-Jubiläum bei der Post. Nach einer KV-Lehre arbeitete er sich intern hoch bis an die Spitze. Heute leitet er das gesamte Briefzentrum. «Die Post fördert den Nachwuchs und gibt den Angestellten früh die Chance, Verantwortung zu übernehmen.» Alle Mitarbeitenden arbeiten im Schichtbetrieb. Um deren Gesundheit zu erhalten, gibt es einen Betriebs-Physiotherapeuten, zudem finden kostenlose interne Yoga- und Fitnesskurse sowie Ernährungsberatungen statt. Beniamino Aloise liebte als junger Mitarbeiter die Nachtschicht. «Im Sommer ging ich morgens direkt an den See, um zu schlafen», erzählt er lachend. Mittlerweile ist er Vater einer kleinen Tochter und geniesst einen Papi-Tag pro Woche. «Es ist leider nicht in allen Unternehmen in Leitungspositionen möglich, Teilzeit zu arbeiten. Auch dies schätze ich an der Post.» Die Briefkultur hat ihn schon immer fasziniert. «Ein Brief hat eine grosse Wirkung», ist er überzeugt. Er schickt allen 140 Kaderleuten zum Geburtstag eine handgeschriebene Widmung. «Das ist einfach persönlicher als eine Whatsapp-Nachricht.»

Dass die Schweiz ein Briefvolk ist, spüren auch Patrizia Feuerstein und Ali Sahin von der manuellen Sortierung. «Abgang, Eingang, Klein- und Grossformate, in unserer Abteilung ist Konzentration gefragt», sagt Patrizia Feuerstein. Einige Mitarbeiter hören Musik auf dem Handy, um sich fokussieren zu können, andere bevorzugen Ruhe. «Die Nächte können lang sein, da hilft auch kein Kaffee, nur Bewegung», sagt die 32-Jährige. Ali Sahin mag die Schichtarbeit. «Ich kann tagsüber Dinge erledigen, die mit einem Bürojob nicht möglich wären.» Unvergessen der Moment, als er einen Brief, adressiert an eine bekannte Schauspielerin, in den Händen hielt. «Das war toll.»

Sefket Alijov hat die Uhr immer im Blick. Er ist zuständig dafür, dass Punkt 23 Uhr alle Briefe und Postsendungen das Haus verlassen und in den Zug gelangen. Die Transporte zwischen den Briefzentren Mülligen, Härkingen und Eclépens wickelt die Post auf der Schiene ab, die regionale Verteilung erfolgt per Camion. Sefket Alijov arbeitet seit 22 Jahren in diesem Job, «mir gefällt die Verantwortung», sagt der 45-Jährige. Die Post sei wie eine Grossfamilie, in der gelbes Blut fliesst.

Wie ist Ihre Meinung zum Thema? echo@tagblattzuerich.ch

 

 

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