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Reportage

Tristesse an der Limmattalstrasse: Früher eine beliebte Quartiervideothek, heute ein leeres Ladenlokal.Bild: JS

Höngg - verslumt ein ganzes Quartier?

Von: Jan Strobel

29. Oktober 2013

Die dörfliche Beschaulichkeit in Höngg trügt – an jeder Ecke stehen Ladenlokale leer, das Kleingewerbe gibt auf. Jetzt schlagen Gewerbler und engagierte Höngger Alarm.

Verslumung» - das Wort fiel an der Generalversammlung des Vereins Handel und Gewerbe Höngg, und es lastet seither wie eine vielköpfige Hydra über dem Quartier mit seinen  Fachwerkhäuschen, den Gärtchen und dem sonnenverwöhnten Weinberg. Ausgesprochen hatte es der Drogist und Zunftmeister, also eine Autorität.

Seine Emotionen konnte er nicht mehr zurückhalten, als er der Versammlung anschlies­send seine Fragen entgegenschleuderte: Was ist los mit unserem Quartier? Interessiert sich niemand mehr dafür, dass immer mehr Läden einfach leer stehen, dass immer weniger Höngger in Höngg einkaufen wollen?
Einer, der sich mit Herzblut für sein Höngg einsetzt, ist auch Fredy Haffner, der Verlagsleiter der Quartierzeitung «Höngger». Wir treffen uns am Meierhofplatz, den viele als das Zentrum von Höngg betrachten, obwohl vom originalen Charme des einstigen Dorfes nicht mehr viel übrig geblieben ist als ein paar heruntergekommene Fachwerkliegenschaften. Der Rest wurde in den 60er-, 70er- und 80er-Jahren hochgezogen in einem künstlich-ländlichen Stil. «Architekturkritiker sprachen bereits von einem potemkinschen Dorf», schmunzelt Haffner.

Schmucke Fassaden und nichts dahinter? Zumindest dort, wo früher der «Schrübli-Meier» über Jahrzehnte hinweg Haushaltwaren und Werkzeug verkaufte, herrscht heute hinter den Schaufenstern nun schon seit bald zwei Jahren gähnende Leere. «Der Schrübli-Meier», erklärt Haffner, «wich damals dem Neubau, in den eine Modeboutique einzog. Seit diese die Besitzerin wechselte und umzog, steht das Lokal an prominenter Lage leer.» Jedenfalls müssten die Höngger, wenn sie mal starke Nägel oder Schrauben bräuchten, heute schon nach Oerlikon oder in ein grosses Einkaufszentrum ausweichen. «Im Quartier gibts das nicht mehr.»

Es ist eine Geschichte, die sich bei unserem Rundgang wiederholt. Fast an jeder Ecke findet sich ein leeres Ladenlokal. Ein Metzger ist eine Tramstation entfernt, und einen Käser oder ein Sportgeschäft sucht der Besucher im Zentrum vergeblich, auch der traditionsreiche Quartierbeck soll bald für immer schliessen. Stattdessen gibt es allein um den Meierhofplatz drei Apotheken, zwei Drogerien, ferner zwei Schneider mit Lederwaren sowie ein Geschäft mit winkenden Glückskatzen aus Asien im Fenster. Auf eines von drei Bräunungsstudios folgte ein Pizzakurier, der auch bald wieder schloss – auch dieses Lokal steht erneut leer. «Die Durchmischung der Geschäfte im Quartier darf man infrage stellen», meint Haffner.

Bei den Immobilienbesitzern herrsche vielmehr ein Gärtchendenken vor, was zähle, sei der eigene Profit in der eigenen Liegenschaft, «die Bedürfnisse der Bevölkerung nach einer sinnvollen kleingewerblichen Durchmischung haben da offenbar keine Priorität. Kommt hinzu, dass die Mietinteressenten derzeit nicht Schlange stehen. So erhält halt der erstbeste zahlungskräftige Bewerber den Zuschlag.»

Auch die Höngger in der Pflicht
Die Probleme, mit denen Höngg zu kämpfen habe, gingen aber nicht nur auf das Konto der Immobilieneigentümer, stellt Haffner klar. «Auch die Höngger selbst müssen sich fragen, ob sie nicht auch eine Mitverantwortung tragen. Schliesslich entscheidet ihr Portemonnaie darüber, welche Läden es im Quartier gibt. Statt auswärts in den grossen Einkaufszentren einzukaufen, hätten sie auch in Höngg konsumieren können.»

Über die Jahrzehnte seien in Höngg viele Ideen und Projekte einfach liegen geblieben, gescheitert seien sie auch an der Uneinigkeit und an einer gewissen Trägheit, die sich im Quartier breitgemacht habe. Und: «Wir Höngger sind eben stur, wir sind wie das gallische Dorf innerhalb der Stadt. Jetzt allerdings merken wir, dass es so einfach nicht mehr weitergehen kann.» Vergangenen Januar wurde deshalb unter dem Patronat des Vereins Handel und Gewerbe Höngg eine Umfrage an jeden Höngger Haushalt versandt, um die Bedürfnisse zu erfahren. Nach der Auswertung fanden diverse Sitzungen statt, um Visionen und Pläne zu schmieden, an denen es nicht mangelt.

Wie die genau aussehen, möchte Haffner allerdings noch nicht öffentlich kommunizieren. Dazu veranstaltet er zusammen mit dem städtischen Gewerbeverband und dem Verein Handel und Gewerbe Höngg am 4. November eine Pressekonferenz, ganz nach dem Motto der Höngger Gewerbler: «Mitenand gaats besser».

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Leserkommentare

Beatrice Meier - Gallisches Dorf! Richtig, so kommt mir das auch schon länger vor! Höngg wird aber auch von der Stadt völlig vernachlässigt. Projekte (z.B. Glasfasernetz) werden auf unbestimmte Zeit verschoben, Verkehrsprobleme nicht gelöst, usw. usf.
Gewiss, die Höngger
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Vor 6 Jahren 5 Monaten  · 
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margrit eheim - das Verkehrsproblem ist schlicht eine Katastrophe. Damals wurden am Meierhofplatz alle Häuser abgerissen und genau nachgebaut, ohne zu bedenken, dass sich der Verkehr stetig vervielfacht hat. Wohnen am Dorfbachweg wurde unmöglich, sodass ich nach 2.5 Jahren
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Vor 3 Jahren 4 Monaten  · 
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