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Reportage

Geschäftsführer Alex Stähli packt mit an: Nachschub für die Abgabestelle Andreaskirche. Bild: Nicolas Y. Aebi

In Zürich wird jeden Tag der Tisch für Arme gedeckt

Von: Isabella Seemann

20. Dezember 2016

«Tischlein deck dich» rettet einwandfreie Lebensmittel vor der Vernichtung und verteilt diese an armutsbetroffene Menschen. Sechs Abgabestellen gibt es bereits in Zürich, landesweit deren 119. Die Ausgabestelle Andreaskirche versorgt wöchentlich rund 330 Menschen in Wiedikon mit Esswaren.

Kurz vor halb neun fährt der Lastwagen mit der «märchenhaften» Aufschrift «Tischlein deck dich» bei der Andreaskirche Sihlfeld in Zürich vor. Eilig rennen die Helfer des Freiwilligenteams herbei und schieben einen Rollcontainer nach dem anderen in den Kirchgemeindesaal. Im Foyer warten schon die ersten Bedürftigen, bilden Grüppchen mit Landsleuten, schwatzen, man trifft sich jeden Freitagmorgen zur Lebensmittelausgabe, manche seit langem.

Doch zuerst müssen die gerade angelieferten Esswaren ausgeräumt und sortiert werden. Schachtel- und korbweise verteilen die Helfer auf den langen Tafeln ­Joghurt, Pfeffersauce, Coca-Cola, Uncle-Ben’s-Reis, Barilla-Spaghetti, Fertigsuppen von Knorr, Brot, Orangen und Bananen. «Heute gibt es ganz schön viel zu schleppen», sagt Alex Stähli, Geschäftsführer von «Tischlein deck dich» bei seinem Besuch an der Brahmsstrasse und hievt noch zwei Kisten Sonnenblumenöl auf die Bühne.

Rund 70 bis 80   Haushalte in Wiedikon und Umgebung versorgt die Ausgabestelle Andreaskirche Woche für Woche. Von der zehnköpfigen Familie über Alleinerziehende bis zum Alleinstehenden. Insgesamt kommt die Lebensmittelhilfe wöchentlich rund 330 Menschen, die an und unter der Armutsgrenze leben, zugute.

Sozial und unternehmerisch

Schweizweit leben etwa 590 000 Armutsbetroffene – dieser Zahl gegenüber steht die Vernichtung von rund 2 Millionen Tonnen überschüssiger Lebensmittel jährlich. Ernährungsarmut bekämpfen und gleichzeitig die Lebensmittelüberschüsse abbauen, das ist die Idee hinter dem 1999 vom Zürcher Unternehmer Beat Curti gegründeten gemeinnützigen Verein.

Heute verteilt «Tischlein deck dich», mit Geschäftssitz in Winterthur, an 119  Abgabestellen von Aigle bis Zürich mehr als 3750 Tonnen Lebensmittel jährlich. Rund 16 000 Menschen in finanziellen Engpässen können so ihr enges Budget schonen. Wer eine Bezugskarte, ausgestellt von Sozialfachstellen, vorweisen kann, darf für den symbolischen Betrag von 1 Franken seinen Einkaufskorb auffüllen.

Eine von ihnen ist Fatima* (41): alleinerziehend, Mutter dreier Söhne (17, 15 und 11). Stolz zeigt sie ein Foto ihrer Jungs. Trotz Sozialhilfe und gelegentlicher Putzarbeiten reicht das Geld nicht. «Ich bin froh um jedes Brot, das ich nicht kaufen muss, und glücklich über jede Schokolade, die ich mir sonst nicht leisten kann.» Anfangs habe sie sich überwinden müssen, hierherzukommen. Heute nicht mehr. «Ich bin ja nicht die Einzige.»

Die Abgabestellen sind gleichsam ein Seismograf für gesellschaftliche Entwicklungen. Aktuell schlägt der Seismograf besonders bei Flüchtlingen und Alleinerziehenden aus. Es ist bezeichnend, dass Kinder mit dem Thema Armutsrisiko verbunden sind. «Zürich ist ein Ballungsraum – hier gibt es viele Menschen, die sich engagieren, aber auch viele Menschen, die von Armut betroffen sind», erklärt Alex Stähli, der selber ebenfalls in Zürich wohnt. Allein sechs Ausgabestellen gibt es in der reichsten Stadt der Schweiz, neu ist noch eine in Altstetten dazugekommen.

500 Lebensmittelspender

Rund 500     Lebensmittelspender, von Supermärkten über Hersteller bis zu Bäckereien, beliefern sechs regionale Umschlagplattformen mit dem, was sie zu viel produziert haben. Mal hats mehr, mal weniger zum Verteilen. Nichts wird extra hergestellt. «Wir wollen nur Ware retten und keine neuen Abhängigkeiten schaffen», betont Stähli.

Diese logistische Herausforderung meistern die sechs Plattformen schweizweit dank Beiträgen von Sponsoren und Gönnern sowie mit der Hilfe von über 2500 Freiwilligen – Zivildienstleistende und Menschen aus Arbeitslosen-Beschäftigungsprogrammen.

Ursi*, 69, pensioniert, kommt seit neun Jahren jeden Freitag an die Abgabestelle als freiwillige Helferin. «Ich habe viel Gutes von der Gesellschaft bekommen», sagt die ehemalige Gewerkschaftsangestellte. Davon wolle sie etwas zurückgeben. Das Schwierigste ist die gerechte Verteilung. Nachdem alle Kunden eingetroffen sind («Wir betreuen sie nicht, wir bedienen unsere Kunden»), gilt es, die Ware abzuzählen und aufzuteilen. Keiner soll das Gefühl haben, zu kurz zu kommen.

Gegen 10.30 Uhr dürfen die Kunden endlich herein. Jeder wird von den Helfern einzeln empfangen und geht Meter für Meter an der Tafel entlang, lässt sich die Fertigprodukte erklären, hält dankbar seinen mitgebrachten Plastiksack, die Sporttasche oder den Rollwagen auf.

In der Andreaskirche ist jeder Einzelne dankbar. Wünschen versuchen die ehrenamtlich Tätigen gerecht zu werden. «Bitte mehr Kinderschokolade», sagt eine junge Frau. Ursi wühlt kurz im Korb und fischt noch zwei Tafeln hervor. «Danke sehr», sagt die Frau – und lächelt herzlich.

*  Namen der Redaktion bekannt
www.tischlein.ch

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