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Reportage

Nochmals kurz in die Kamera lächeln, bevor das Baby kommt. In der Gebärabteilung des Stadtspitals Triemli kommen jährlich um die 2200 Kinder zur Welt. Ohne ihre Hilfe würde es nicht gehen. Von links: Die Hebammen Selina Felix, Sara Rudoni, Stationsleiterin Jessica Reimann, Natalie Schunko, Leitende Ärztin der Gebärabteilung Natalia Conde und Hebamme Valentina Meier. «Tagblatt-Redaktorin Ginger Hebel mit Puppe.

Jeden Tag ein neues kleines Wunder

Von: Ginger Hebel

10. September 2019

In der Frauenklinik des Stadtspitals Triemli kommt durchschnittlich alle vier Stunden ein Baby auf die Welt. 35 Hebammen sowie Ärztinnen und Ärzte betreuen die werdenden Mütter professionell und begleiten sie durch den Gebärprozess. «Tagblatt»-Redaktorin Ginger Hebel war für die Serie Am Puls mittendrin.

Jetzt ist er da. Der Augenblick der Geburt. Dieser langersehnte Moment, der alle vereint. Die gebärende Frau im Gebärsaal, den werdenden Vater und die Hebammen, welche die Paare oft seit vielen Stunden begleiten und intensiv betreuen. Jessica Reimann ist Hebamme und Stationsleiterin der Frauenklinik Triemli. Sie arbeitet seit 20 Jahren in ihrem «Traumberuf». Schon als junge Frau sei ihr klar gewesen, dass sie Hebamme werden und Frauen rund um die Geburt unterstützen möchte. «Ich habe schon so viele Geburten miterlebt, und jedes Mal ist es wieder etwas Besonderes», sagt die 42-Jährige, die selber keine Kinder hat. Jede Geburt sei ein Wunder. Ein Teil dieses grossen Glücks zu sein, erfreue sie immer wieder aufs Neue.

Im Stadtspital Triemli erblickt durchschnittlich alle vier Stunden ein Neugeborenes das Licht der Welt. Pro Jahr sind es um die 2200 Geburten, 35 Prozent davon erfolgen per Kaiserschnitt. «Wir setzen jedoch alles daran, dass die Frau, wenn sie das wünscht, natürlich gebären kann», sagt Hebamme Sara Rudoni (27). Aus anatomischer oder medizinischer Sicht sei dies aber nicht immer möglich. In der Frauenklinik arbeiten 35 Hebammen – alles Frauen. Von Zickenkrieg keine Spur, «sonst wären viele von uns nicht schon so lange hier», sagt Jessica Reimann. Sie seien Teamplayerinnen, die sich gegenseitig unterstützen und mit den Ärztinnen und Ärzten Hand in Hand arbeiten. Wenn eine schwangere Frau stundenlang in den Wehen liegt, weichen sie auch nachts nicht von ihrer Seite. Und wenn dann auch die Hebammen die Müdigkeit überkommt, bringen sie sich gegenseitig schon mal eine heisse Schoggi. Sie arbeiten rund um die Uhr, im Schichtbetrieb. «Der Körper gewöhnt sich daran. Doch mit zunehmendem Alter merke ich, wie Nachtschichten Energie rauben», sagt Stationsleiterin Jessica Reimann. Ihr Beruf sei oft streng und fordernd, «aber er ist erfüllend, weil man weiss, dass man etwas Sinnvolles tut.»

Durchschnittlich dauert eine Erstgeburt 18 Stunden. Beim zweiten Kind gehe es oft schneller, weil der Körper schon einmal ein Kind geboren hat und weiss, wie es funktioniert. «Eine Verallgemeinerung ist aber nicht möglich. Jede Geburt ist anders», sagt Natalia Conde, Leitende Ärztin der Gebärabteilung. In der Frauenklinik stehen sieben Gebärzimmer und drei Geburtswannen zur Verfügung. «Wassergeburten sind beliebt», sagt Hebamme Sara Rudoni. Es sei den Frauen überlassen, in welcher Position sie gebären wollen und ob sie auf Schmerztherapie zurückgreifen möchten. «Viele Frauen haben Angst vor den Schmerzen», sagt Jessica Reimann. Oft deshalb, weil Freundinnen eine schlimme Geburt hatten oder sie im Internet zu viel Negatives gelesen haben. «Heutzutage sind viele werdende Mütter überinformiert und deshalb verunsichert. Es ist unsere Aufgabe, sie aufzuklären und mit ihnen über ihre Sorgen zu sprechen», sagt Ärztin Natalia Conde. Auch Stationsleiterin Jessica Reimann empfiehlt, den Kopf auszuschalten und den Körper machen zu lassen. «Wenn man ein Baby bekommt, ist man ja nicht krank. Es ist ein natürlicher Prozess, durch den wir die Frauen mit unserer Erfahrung begleiten.»

Die Hebammen sind für die Frauen im Gebärsaal eine wichtige Stütze. Sie berühren sie zur Beruhigung an der Schulter oder halten ihre Hände. «Das schafft Verbindung. Die Frauen vertrauen uns, das ist ein schönes Gefühl», sagt Sara Rudoni, die immer hofft, dass sie die werdende Mutter während ihrer Schicht bis zur Geburt begleiten und den besonderen Moment mit ihr teilen kann. Die meisten Frauen nehmen den Partner mit in den Kreisssaal. Manchmal werden die Frauen auch von der Mutter begleitet, von der Schwester oder der besten Freundin. Ab und zu komme es vor, dass ein Mann bei einer Blutentnahme oder beim Kaiserschnitt umkippt. Auch dann sind die Hebammen da, die schauen, dass es allen gut geht.

Kurz bevor die Geburt los geht, kommt Ärztin Natalia Conde in den Gebärsaal. Die 50-Jährige ist Mutter dreier erwachsener Kinder. Sie war früher Schauspielerin, orientierte sich mit über 30 Jahren nochmals neu und studierte Medizin. Obwohl aus medizinischer Sicht das Idealalter fürs erste Kind bei 25 Jahren liegt, werden Frauen in der Schweiz immer später Mutter. Viele sind bereits 40 Jahre oder älter, wenn das Baby zur Welt kommt. Auch werden immer mehr Männer mit über 50 nochmals Papi. Natalia Conde möchte diese Entwicklung nicht werten. «Das Alter ist oft nur eine Zahl, es kommt auf die Gesundheit an. Allerdings steigen mit zunehmendem Alter auch die Risiken, über die wir die Paare aufklären.»

In den letzten Jahren hat sich die vorgeburtliche Diagnostik massiv verbessert. Neben dem Erst-Trimester-Screening, sind heute neuartige Bluttests zugelassen, die Krankheiten wie Trisomie 21 im Vorfeld erkennen können. «Untersuchungen sind jedoch kein Muss. Frauen haben auch ein Recht auf Nichtwissen. Das ist ihre persönliche Entscheidung», betont Natalia Conde. Sie mag ihren Beruf, der viel Flexibilität voraussetzt und immer wieder Überraschungen bereithält. Nicht jede Geburt verläuft mustergültig. Natalia Conde ist oft mit schwierigen Situationen konfrontiert, und muss auch dann einen kühlen Kopf bewahren, wenn es Komplikationen gibt, die einen Notkaiserschnitt erfordern. «Wenn man die Frauen bei der Nachkontrolle wieder sieht, und sie vor einem sitzen mit den Kindern, die man mit ihnen zur Welt gebracht hat, dann ist das ein sehr schönes Gefühl.»

Für jede Mutter ist ihr Kind das Schönste. Auch die Hebammen haben ihre ganz persönlichen Lieblingsbabys, «es sehen nicht alle gleich aus. Es gibt ganz besonders herzige», sagt Sara Rudoni und lächelt.

Während des Fototermins für das «Tagblatt» herrscht plötzlich Aufregung in der Gebärabteilung. Eine Frau liegt in den Wehen. Es kommt zu einer Steissgeburt, weshalb es zur Unterstützung mehrere Hebammen braucht. Die Frauen lächeln kurz cool in die Kamera und verschwinden danach im Gebärsaal. Wenige Minuten später der erste Schrei, das Baby ist da. Alle sind glücklich und überzeugt: «Es ist ein Privileg, bei einer Geburt dabei zu sein und diesen intimen Moment mit dem Paar erleben zu dürfen.»

Beliebte Namen: Die häufigsten Vornamen der Neugeborenen in der Stadt Zürich sind bei den Mädchen: Emilia, Emma, Sophia/Sofia, Ella und Mila. Bei den Buben: Leo, Paul, Julian, Louis und Alexander.

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