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Reportage

Soll zum Kultur- und Begegnungsort werden: Die Kirche Auf der Egg. Bild: JS

Kampf dem Kirchensterben

Von: Jan Strobel

24. November 2015

Zeitgeist: Die Zukunft der Kirche Auf der Egg in Wollishofen schien lange ungewiss. Jetzt wird sie mit neuem Leben gefüllt. Ein exemplarischer Fall.

«Wir befinden uns hier an einem Kraftort», sagt Bruno Hohl von der reformierten Kirchgemeinde Wollishofen, «davon bin ich überzeugt.» Er blickt hinaus auf das herbstliche Zürich. Vom Hügel herab sieht er: Den See, fast schon azurblau, das Bürgli, die Wollis­hofer Schulhäuser, das Türmchen der Alten Kirche, und hinter ihm erhebt sich der imposante Cam­panile der Kirche Auf der Egg, ­beleuchtet von der Morgensonne. Die Strahlen umschmeicheln den Muschelkalk der Fassade. Wer gläubig ist, könnte jetzt angesichts dieses Idylls einwerfen: Gott hat es gut gemeint mit dieser Kirche und diesem Quartier. Wären da nicht die Wollishofer, die im Lauf der letzten Jahrzehnte immer seltener den Weg hinauf zu ihrem schmucken Gotteshaus fanden, bis «das Juwel», wie es Hohl nennt, den grössten Teil des Jahres einfach leer stand. «Es wurde nur noch für die Konfirmation und für Weihnachten genutzt», sagt er.

Als die Kirche Auf der Egg 1937 eingeweiht wurde, war sie der Stolz der Wollishofer, ein Zeichen für Modernität, ein städtebaulicher Akzent in einem Quartier, das 1893 gegen seinen Willen in die Stadt eingemeindet worden war. Heute teilt sie das Schicksal so mancher Gotteshäuser: Der Zeitgeist fordert von ihnen seinen Tribut. In der Zwinglistadt bezeichnen sich mittlerweile mehr Menschen konfessionslos als reformiert. Rege besucht werden die Kirchen, von speziellen Anlässen einmal abgesehen, nicht mehr. «Kirche», meint Hohl, «ist aber mehr als Gottesdienst. Kirche ist Gemeinschaft. Und da leistet Wollishofen einiges.» Zudem biete die Kirchgemeinde der Eritreisch-Orthodoxen Gemeinde an Sonntagen Gastrecht in der Kirche Auf der Egg. «Dann ist dieses Haus wieder voll.»

Kirchen als Hotels
Für viele verwaisten Kirchen ­allerdings bleibt nur die radikale weltliche Umnutzung. Sie werden mancherorts in Restaurants, Hotels, Quartiertreffs oder Wohnhäuser verwandelt – oder gleich ganz abgerissen, wie das in Genf, Bern, Basel oder Turgi AG vorgesehen ist. Auch für die Kirche Auf der Egg lagen einmal Pläne für ein Hotel oder einen soziokulturellen Treffpunkt auf dem Tisch, die allerdings keine Mehrheit fanden. Aus einem Wettbewerb ging 2014 schliesslich das Projekt «KunstKlangKirche Zürich» hervor, das sich bis Ende 2017 in der Pilotphase befindet. Das Haus soll ein «Begegnungs-, Erlebnis- und Reflexionsort» werden mit Konzerten, Tanz und Theater, mit interreligiösem Dialog.

Der reformierten Kirchgemeinde schwebte vor, damit auch ein Beitrag an die Reform der Kirche in der Stadt Zürich zu leisten: Entsprechend setzt sie auf Zusammenarbeit und Vernetzung. «Wir müssen den Zeitgeist aufnehmen, auf die Menschen mit unterschiedlichen Angeboten zugehen und nicht nur brav am Sonntagmorgen warten, bis die Menschen zu uns kommen», sagt Hohl. «Wir wollen neue Gottesdienst-Formen ausprobieren, das Spirituelle mit dem Körper zusammenbringen, die Bühne der Kirche erweitert bespielen. Denkbar wären auch englischsprachige Gottesdienste für Expats zum Beispiel aus den USA.» Ein Herzstück des Projekts ist die Einrichtung eines Orgelzentrums, in dem Musikliebhaber hochwertige Instrumente aus unterschiedlichen Epochen spielen, hören und auch erforschen können. «Es findet keine Umnutzung der Kirche statt, sondern eine zeitgemässe Erweiterung der Kirche als Kirche», stellt Hohl noch einmal klar. Ab Sommer 2016 soll die «KunstKlangKirche» mit einem eigenen Programm starten.

Die Kirche Auf der Egg ist in der Stadt nicht das einzige Gotteshaus, dem neues Leben eingehaucht werden soll. In der Bul­lingerkirche im Kreis 4 ist zum Beispiel ein evangelisches Stadtkloster geplant. Trauriger steht es um die Grosse Kirche Fluntern. Auch dieser prächtige Bau wird nur noch selten genutzt. Zwingli würde jetzt den Fluntermern wahrscheinlich zurufen: «Tut um Gottes willen ­etwas Tapferes!»

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Leserkommentare

Andreas Wildi - Hätte Herr Strobel etwas genauer hingeschaut (z. B. auf die Homepage der Kirchgemeinde Fluntern), hätte er wohl kaum eine solche Halbwahrheit über die Grosse Kirche Fluntern publiziert: Im November 2015 finden von 5 Wochenend-Gottesdiensten 4 in der Grossen
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Vor 4 Jahren 4 Monaten  · 
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