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Reportage

Führt von der Bahnhofstrasse zum Hotel Baur au Lac: Die Kurt-Guggenheim-Strasse. Bild: H. Wehrli

Kein Ort für den Namensgeber

Von: Urs Hardegger

29. November 2016

Jeder Ort in Zürich hat seine Geschichte. Das «Tagblatt» erzählt jede zweite Woche eine solche Story. Heute: die Kurt-Guggenheim-Strasse.

«Die Stadt Zürich liegt unter 47° 23' nördlicher Breite und 8° 33' östlicher Länge von Greenwich am nördlichen Ende des Zürichsees und an beiden Ufern der Limmat in einer nach Süden und Norden offenen Talmulde.» So beginnt der grosse Zürcher Generationen- und Epochenroman «Alles in Allem» von Kurt Guggenheim (1896–1983). Auf rund 1000 Seiten schildert das Buch in unzähligen parallelen und miteinander verknüpften Handlungssträngen das Leben der Limmat­stadt in der Zeit von 1900 bis 1945. Das Material bildete Guggenheims gelebtes Leben, sein waches und wohlwollendes Interesse am Geschehen der Stadt.

Leben in Armut

Welch einen Kontrast stellt sein Opus Magnum zu «seiner» Strasse dar! Gerade mal drei Parkplätze lang ist sie, nicht viel mehr als eine Wendeschlaufe für die Busse ans linke Seeufer oder eine Taxizufahrt von der Bahnhofstrasse zum Hotel Baur au Lac. Ins einzige Gebäude mit einer Front zur Strasse wäre Guggenheim kaum eingetreten. Mit seinen kärglichen Einkünften wäre er weder als Kunde der Privatbank noch der Bijouterie oder des Pelzgeschäftes infrage gekommen. Seine zahlreichen Brotjobs, zum Beispiel als Werbetexter oder Hörspielautor, reichten kaum für das Nötigste. Seine eigentliche Berufung, die Schriftstellerei, brachte nicht viel ein. Als ihm die Stadt 1935 eine Ehrengabe von 1000 Franken zusprach, erhielt er nur 310 Franken auf die Hand, der Rest wurde an seine Steuerschulden angerechnet. Das wirft ein Schlaglicht auf die wirtschaftliche Misere, in welcher der Schriftsteller lange Zeit lebte. Anerkennung erhielt er erst in seinen späten Jahren, insbesondere 1956, als ihm für «Alles in Allem» der Zürcher Literaturpreis verliehen wurde.

Kurt Guggenheim stammte aus einer jüdischen Familie. Er absolvierte eine kaufmännische Lehre und versuchte sich zunächst in vielen Berufen. Das väterliche Machtwort zwang ihn, ins elterliche Kaffeehandelsgeschäft einzusteigen. Er tat dies nur halbherzig und machte prompt nach dem Tod des Vaters Pleite. Dieses finanzielle Desaster war für seine oft prekäre Lebenssituation mitverantwortlich. Bedeutsam für sein Leben war auch die nur wenige Wochen dauernde Romanze mit der späteren Biologin Eva Hug im Sommer 1918. Diese grosse Liebe verarbeitete er in seinem Roman «Die frühen Jahre», aber auch in andern Werken. Sie sei sein entscheidendes Lebensereignis gewesen, hielt er noch 1978 in seinem Tagebuch fest.

Kampf um Anerkennung

Mag es noch so klein sein, Guggenheim hätte sich über das Strässchen gefreut. Die Lage im Herzen der Stadt hätte ihm viel bedeutet. Er, der als Jude oft mit Ressentiments zu kämpfen hatte, hätte gespürt, dass er dazugehört. Endlich. Das Gefühl, anders zu sein, immer das Gegenteil von dem zu sein, was er eigentlich sein müsste, war sein Lebensthema, das er in zahlreiche Romane einfliessen liess.

Die Stadt betrachtete er als einen lebendigen Organismus, der erst durch die Aufnahme von fremden, neuen Elementen seinen spezifischen, unverwechselbaren Charakter erhält. Soziale Vielfalt müsse einen nicht ängstigen, sondern mache gerade das Wesen der Stadt aus. Ob alteingesessen oder neu zugezogen, faul oder tüchtig, pragmatisch oder idealistisch – alle tragen auf ihre ganz spezielle Art und Weise zum Gedeihen der Stadt bei, lautete sein Credo.

Auch wenn Guggenheim verschiedentlich für längere Zeit im Ausland weilte: Er blieb durch und durch ein Zürcher Schriftsteller. «Ich schreibe für die Menschen, zwischen denen ich lebe.» Diese Bescheidenheit und die Verbundenheit zu seiner Stadt kommen in seinen Werken zum Ausdruck. Das macht sie bis heute lesenswert.

Quellen:
Guggenheim, Kurt: Werke III. Alles in Allem. Frauenfeld 1998.
Huonker, Gustav: Kurt Guggenheim – Chronist seiner Epoche.
«Tages-Anzeiger» vom 6. 12. 1982

Am 21. Dezember folgt der Beitrag zur Zeppelinstrasse.

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