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Reportage

Gemeinsam sind sie am Puls (von links): Deckchefin Yvonne Rast, Barman Roman Faic, Redaktorin Ginger Hebel und Schiffsführerin Jessica Rimini von der Zürichsee-Schifffahrtsgesellschaft (ZSG). Bild. Nicolas Zonvi.

Kleine Freiheit auf dem See

Von: Ginger Hebel

31. Juli 2018

Am Puls: Im Sommer herrscht auf dem Zürichsee Hochbetrieb. Schiffsführerin Jessica Rimini hält das Ruder in der Hand. Tag für Tag nimmt sie Gäste mit auf die Kleine Rundfahrt. Die Schiffscrew arbeitet im Sommer auf dem Wasser, im Winter in der Werft am Wasser. Die Liebe zum See vereint sie alle.

Der See liegt da wie ein Spiegel, so glatt, dass man darauf den roten Teppich ausrollen könnte. Frühmorgens teilt sich Schiffsführerin Jessica Rimini den Zürichsee mit den Ruderern, das ändert sich aber schnell, wenn die Böötler kommen, die Stand-up-Paddler und Schwimmer. «Im Sommer ist auf dem Zürichsee die Hölle los. Überhaupt nimmt der Verkehr auf dem See immer mehr zu», sagt Jessica Rimini.

Das Motorschiff legt am Bürkliplatz an. Vom Führerstand aus sieht sie die Menschen an den Stegen auf die Schiffe warten, die sie mitnehmen auf die kleine und die grosse Rundfahrt. Die 31-Jährige hält auf der 90-minütigen Rundfahrt das Ruder in der Hand. Im Führerstand macht sie die Tür hinter sich zu und entschwindet in ihre eigene kleine Freiheit, in der es nur sie gibt und den See. «Als Schiffsführerin ist man während der Arbeit oft allein, das muss man wissen und gern haben.» Präzise manövriert sie das Schiff die Goldküste entlang bis nach Erlenbach, vorbei am Zürichhorn, an badenden Gästen und kichernden Teenagern auf Pedalos. «Die Stand-up-Paddler sind die grösste Herausforderung. Sie schauen oft nicht, was um sie herum passiert, und wenn ich als Warnung horne, fallen sie runter», sagt Jessica Rimini. Sie habe schon manch brenzlige Situation erlebt, zu gravierenden Zwischenfällen sei es glücklicherweise aber noch nie gekommen.

Über Mittag ist die kleine Rundfahrt gut gebucht, doch das grosse Gedränge bleibt jetzt in der Schulferienzeit aus; zur Freude der Passagiere, die sich einen Platz am Sonnendeck ergattern, ohne die Ellbogen auszufahren. Deckchefin Yvonne Rast begrüsst die ein- und aussteigenden Gäste und kontrolliert die Tickets. Sie kennt manchen Stammgast. Morgens steigen die Pendler zu, die mit dem Schiff zur Arbeit fahren. Über Mittag gönnen sich Geschäftsleute eine kleine Auszeit auf dem See und lassen sich vom Fahrtwind den Kopf durchlüften.

Da sind pensionierte Damen, die ihr alltägliches Glück darin sehen, auf dem See eine Runde zu drehen. Sie trinken Kaffee, essen einen Coupe Zürichsee, reden wenig und schauen lieber. Die Uferlandschaft, wie sie gemächlich vorbeizieht, begeistert sie immer wieder aufs Neue. Seit der umstrittene Schiffsfünfliber abgeschafft wurde, macht ihnen die Fahrt wieder mehr Spass. Der Zuschlag hat manchen treuen Gast vorübergehend in die Flucht geschlagen. Im Sommer, wenn viele Zürcher in den Ferien im Ausland weilen, gehört die Stadt den Touristen. Indischen und arabischen Familien, die in kurzer Zeit möglichst viel von Zürichs grösstem Schatz, dem See, sehen wollen. Sie lassen sich an Bord verwöhnen – Pommes und Chicken-Nuggets für die Kleinen, einen Grüntee für die Gattin. Gastro-Mitarbeiter Matic Berglez sorgt dafür, dass alle schnell ihr Essen bekommen. Der gebürtige Slowene mag die Abwechslung an Bord. «Viele unterschätzen den Job des Kellners. Man muss immer gut gelaunt sein und braucht oft starke Nerven.» Die verschiedenen Kulturen hätten unterschiedliche Vorstellungen von Anstand, was seinen Beruf nicht immer einfach mache. Dafür schätzt er schöne Begegnungen umso mehr. Während der Obersee-Rundfahrt, die über sieben Stunden dauert, entstünden oft gute Gespräche mit den Passagieren.

Auch Roman Faic mag die Unterhaltung auf dem Wasser. Der 24-Jährige ist unter anderem Barman auf den sogenannten Traumschiffen, «dort gibt es ein jüngeres Publikum, die Stimmung ist immer ausgelassen».

Zum Angebot der Zürichsee-Schifffahrtsgesellschaft gehören neben den Kursfahrten auch die Traumschiffe – vom Build-your-Burger-Schiff über das Disco-Schiff bis hin zu Sonnenuntergangsfahrten mit Massagen ist für jeden Geschmack etwas dabei. Jessica Rimini steuert das Schiff quer über den See nach Thalwil.

Bei ruhigem Seegang fährt es sich wie auf Watte. Wenn es stürmt, erfordern die An- und Ablegemanöver besonders viel Konzentration. Dann könne es vorkommen, dass man aus Sicherheitsgründen eine Station auslassen müsse. Kapitänin Jessica Rimini träumte schon immer davon, ein Schiff zu lenken auf dem See, der ihr so viel bedeutet. Sie erinnert sich, wie sie als Kind am Rapperswiler Schiffssteg sass und fasziniert den keinen und grossen Schiffen nachschaute, bis sie am Horizont verschwanden. Nach ihrer Lehre als Polymechanikerin heuerte sie als Matrosin auf dem Zürichsee an. Ihre Karriere startete sie auf den Limmatbooten. Mittlerweile lenkt die 31-Jährige allein ein Motorschiff und bildet Bootsführer auf den Limmatbooten aus. «Ich bin mein eigener Chef, das ist ein gutes Gefühl.»

Was ist Ihre Meinung zum Thema? echo@tagblattzuerich.ch

 

 

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Leserkommentare

Harry Steiner - Ich hatte schon das Vergnügen mit Jessica Rimini mitzufahren und habe viele Intressante Dinge über die Schiffahrt erfahren. Sie macht einen Superjob und ich fühlte mich sehr sicher mit ihrer Führung des Schiffes. Danke und Schiff Ahoi

Vor 1 Jahr 10 Monaten  · 
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