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Reportage

«Hier sind die Leute menschlich.» Akrami (32) aus Afghanistan lebt in einer der Boxen in der Messe Zürich. Bild: CLA

Nach der Flucht: 4, 7 m² Hoffnung

Von: Clarissa Rohrbach

12. Januar 2016

Nach dem Debakel mit den Ikea-Häuschen haben nun 250 Flüchtlinge in der Halle 9 der Messe Zürich Platz gefunden. Ein Augenschein.

Das Handy ist das Wichtigste. Dort steckt die Heimat drin, die sie verlassen haben. Die Männer sitzen in einer Reihe beim Stromstecker, starren auf Facebook und Whatsapp, als ob es das Kostbarste wäre, das sie noch haben. Es ist 10 Uhr in der Halle 9 der Messe Zürich. Und erstaunlich still. Junge Schwarze laufen in Schlarpen den Gang zwischen den Holzboxen entlang, auf den Schultern ein Handtuch. Wasser rauscht, jemand duscht, ein anderer putzt sich die Zähne. Ab und zu begrüssen sie die Betreuer mit einem «Wie geht es ... äh ... Ihnen?», etwas vom wenigen Deutsch, das sie können.


Hinter einer der nummerierten Türen sitzt Akrami (32). Sein Reich beschränkt sich auf 4,7 Quadratmeter. Alles, was er noch besitzt, hatte in einem Koffer Platz. Er fixiert einen leergegessenen Teller und schildert die Flucht: eineinhalb Monate durch Afghanistan, den Iran, die Türkei, manchmal zu Fuss, manchmal mit dem Bus, dann per Boot nach Griechenland, 80 Personen, wo nur 35 hätten sein sollen, dann Serbien, Kroatien, Ungarn, Österreich, Deutschland. «Ich wollte in die Schweiz, weil hier die Leute menschlich sind. In Afghanistan sind sie wie die Tiere.» Er erzählt von den Taliban, die Schiiten wie ihn enthaupteten, seine ganze Familie sei umgebracht worden. «Es macht mir nichts aus, dass es hier so klein ist und ich im Moment nichts zu tun habe. Solange ich keine Angst haben muss, bin ich glücklich.»


Er steht auf, zieht die Schuhe an, die er vor seinem Häuschen hat stehen lassen – wie das hier alle tun – und holt sich ein Glas Wasser im Kochcontainer. Dort können die Asylsuchenden bald ihr selbst eingekauftes Essen zubereiten, doch vorläufig ist der Strom ausgefallen. «I know, we call, we call», sagt eine Mitarbeiterin der Zürcher Fachorganisation AOZ, die das Übergangzentrum betreibt.


Notfallaktion wegen Ikea
Die neuen Wohnboxen haben es in die Schlagzeilen geschafft, nachdem die Better Shelters von Ikea den Brandtest der Kantonalen Gebäudeversicherung am 18. Dezember nicht bestanden hatten. Prompt suchte man eine andere Lösung: Die Häuschen aus Holzwerkstoffplatten wurden unter Hochdruck über die Festtage hergestellt, sodass das Asyldorf trotzdem pünktlich eröffnen konnte. Mit den 250 Plätzen in Oerlikon und der zusätzlichen Inbetriebnahme dreier Zivilschutzanlagen kann die Stadt Zürich das neue kommunale Aufnahmekontingent erfüllen. Die kantonale Sicherheitsdirektion hatte wegen der starken Flüchtlingszuwanderung in der zweiten Jahreshälfte entschieden, das Kontingent per Januar von 0,5 auf 0,7 Prozent der Bevölkerung zu erhöhen, also auf insgesamt 2750 Menschen mit Status N und F. «Wir mussten innerhalb von zwei Monaten 780 Personen mehr unterbringen, eine schwierige Ausgangslage, weil es auf dem Zürcher Wohnungsmarkt unmöglich ist, so kurzfristig gewöhnlichen Wohnraum zu akquirieren», sagt AOZ-Kommunikationschef Thomas Schmutz. Inspiriert von Deutschland, wo die Flüchtlinge in Hallen untergebracht werden, habe man für rund 30 000 Franken im Monat die Liegenschaft der MCH Group gemietet. Das kantonale Sozialamt weist der Stadt Personen aus den Durchgangszentren zu. Davon sind zwei Drittel aus Eritrea und die restlichen aus Afghanistan, Syrien und dem Irak. Die meisten sind alleinstehende Männer, darunter auch unbegleitete Minderjährige. Laut Schmutz habe es im Quartier kaum Widerstand zum Asyldorf gegeben. «Die Haltung gegenüber Flüchtlingen ist zurzeit relativ offen.» Einige Oerliker bringen sogar Kleider oder laden die Bewohner zu einem ZSC-Spiel ein.


Schnell Deutsch lernen
Zwei Eritreer schauen sich in einem anderen Häuschen einen Youtube-Film an. Im Raum sind vier Betten, vier Schränke, vier Stühle und ein Tisch. Es riecht nach Holz und Leim. «I wanted peace – ich wollte Frieden –, in Eritrea no chance», sagt der eine. «I come from Winterthur, Winterthur», sagt der andere. Nun lernen sie Deutsch, denn wer Sozialhilfe erhält, soll möglichst schnell selbstständig werden. Die Asylsuchenden bekommen neben der Unterkunft eine Krankenversicherung sowie monatlich 470 Franken. Und natürlich die geblümte Wäsche, die ihr Bett ziert.

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Leserkommentare

Rosa Rot - Ich habe mein Lebenslang meine Krankenversicherung und meine Miete selber bezahlt, auch mein Sack Geld habe ich selber verdient. Bin jetzt 62 und Ausgesteuert weil keine Firma meine Pensionskassen Beiträge mehr bezahlen will und erhalte nichts geschenkt vom
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