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Reportage

Nachts im Tramdepot: Wischen, putzen und besanden

Von: Ginger Hebel

07. Oktober 2014

Wenn die meisten Pendler schlafen, gehts im Tramdepot Oerlikon zur Sache. Rund 60 Fahrzeuge werden hier pro Nacht sauber gemacht.

Abends kommen die Trams nach Hause, ins Depot. Deren fünf gibt es in der Stadt, die grössten befinden sich in der Kalkbreite und in Oerlikon. 20 Reiniger und 26 Wagenwärter stehen im Depot Oerlikon im Einsatz, sie kontrollieren die Trams und putzen sie «besenrein». Neun Minuten dauert die Aktion im Schnitt: Boden wischen, Zeitungen einsammeln. Wenn die Trams besonders schmutzig sind, werden sie intensiv gesäubert, die Böden feucht aufgenommen, die Fenster geputzt, die Decken geschrubbt. «Im Sommer kämpfen wir mit fettigen Scheiben, im Winter mit hartnäckigen Salzspuren am Boden», sagt Reto Cuorad. Während der Marroni-Zeit sind es die Schalen, die bei Regen am Boden kleben.

«Unsere Mitarbeiter der Berufsgruppe Reiniger arbeiten seit ein paar Jahren alle im Nachtdienst, von 20 Uhr bis morgens um fünf. Tagsüber stehen keine Trams für die Reinigung zur Verfügung; die immer kleiner werdende Fahrzeugreserve lässt dies nicht zu, darum können wir sie erst nachts reinigen», sagt Cuorad. Der Elektroingenieur arbeitet seit 15 Jahren im Dienste der VBZ. Als Leiter Instandhaltung Tram ist er verantwortlich für die Reinigung und die technische Instandhaltung der Fahrzeuge in den Depots. Unter der Woche sind die Trams in den seltensten Fällen stark verschmutzt. «Der normale Pendler verhält sich korrekt», sagt Cuorad. Am Freitag- und Samstagabend jedoch, wenn das Partyvolk unterwegs ist, leidet die Sauberkeit im Tram. «Umgekippte und durchs Tram rollende Bierdosen oder gar Champagnerflaschen sind keine Seltenheit.» Weil der Alkohol auf dem Boden klebrige Spuren hinterlässt, müssen die Fahrzeugreiniger abends die Böden nass aufnehmen, was die Reinigungsprozedur verlängert. Damit man Staub und Dreck nicht so gut sieht, verfügt der Boden in den Zürcher Trams über ein Chaosmuster.

Pro Jahr sind rund 200 Vandalenakte wie Schmierereien, zerkratze Tram- und Busscheiben und zerschlissene Sitzpolster zu beklagen. Allein durch das Auswechseln der Scheiben entstehen den VBZ jährlich Kosten von 140 000 Franken. «Eine Zeit lang war Flusssäure unser grosses Problem. Einige Passagiere haben die ätzende Säure in wasserfeste Filzstifte gefüllt und damit die Scheiben bemalt, was gefährlich ist. Zum guten Glück ist das vorbei», sagt Cuorad.

An einem Cobratram werden die Räder auf der Radsatz-Bearbeitungsmaschine reprofiliert, im Tram nebenan leistet Fahrzeugreiniger Alfred Bruderer vollen Körpereinsatz. Mit dem langen ­Besen schrubbt er die Tramdecke. «So ein dreckiges Tram wie dieses sieht man im Jahr höchstens einmal. Ich muss es komplett sauber machen, das wird die ganze Nacht dauern.» Das Tram hat die letzten Tage in der Zentralwerkstatt in Altstetten gestanden, die Sitzpolster sind wegen einer Bodensanierung weiss vor Staub.


Alfred Bruderer hat gerade sein 25-Jahr-Jubiläum bei den VBZ gefeiert. Verleidet ist ihm der Job auch nach einem Vierteljahrhundert nicht. «Kein Tag ist gleich, das ist der Kick an der Sache.» Als Wagenwärter darf er die Trams auch zurück ins Depot holen, beispielsweise dann, wenn sie defekt sind. «Auch arbeiten wir heute mit besseren Putzmitteln und Geräten», sagt Bruderer, entfernt Kaugummiflecken an den Sitzen und reinigt die Polster mit einem speziellen Nassreiniger. Reto Cuorad freut sich schon auf die neuen Trams, welche die bald 40-jährigen Fahrzeuge Serie 1 Tram 2000 ablösen werden. «Die neue Tramgeneration wird wieder über Holzsitze verfügen, die lassen sich besser reinigen und sind viel hygienischer.»

Die grosse Tramreinigung erfolgt im sogenannten Kilometerintervall, im Schnitt nach 2500 Fahrkilometern. Die Tram­linie 10 fährt besonders viele pro Tag, dementsprechend häufig wird sie einer grossen Reinigung unterzogen. Um die 60 Trams werden pro Nacht in Oerlikon gesäubert. Das Depot ist rund um die Uhr geöffnet und sieht von aussen fast noch so aus wie 1935, als es eröffnet wurde. In etwa zwei Jahren soll es ­saniert werden. Ein Cobratram fährt ein und wird besandet. Der Sandtank muss in jedem Fahrzeug voll sein. «Wenn es regnet oder nasse Blätter auf den Gleisen liegen, dann hat das Tram Mühe, zu bremsen, Sand hilft da», sagt Cuorad.


Vor gut einem Jahr wurden in allen Trams und Bussen der VBZ die Abfall­kübel entfernt. Der Entscheid sei richtig gewesen. «In der ersten Phase haben wir Schikane-Aktionen erlebt, da haben viele die Bierdose extra ausgeleert. Heute sind die Trams sauberer als früher mit Kübel.» Es sei aber wohl eine Gesellschaftserscheinung, dass Abfall einfach liegen gelassen würde. Dafür hätten die Sprayereien abgenommen. «Im Depot Irchel gab es eine Zeit lang sehr viele Sprayereien. Seit wir mehr Videoüberwachung haben, ist es deutlich besser geworden.» Versprayte Trams verlassen das Depot ohnehin erst wieder, wenn sie sauber sind. «Das ist unsere oberste Devise. Der Sprayer will ja, dass man sein Werk sieht. Diese Freude machen wir ihm nicht.»

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