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Reportage

Nur wer elegant aus dem Fenster klettern kann, ist dabei

Von: Ginger Hebel

30. September 2017

Wohnformen Das «Tagblatt» porträtiert in loser Folge Menschen, die unkonventionell leben. Heute: Leonie Schreck und die Studenten-WG in der Zürcher Altstadt.

Die Holztreppe ins Dachzimmer von Leonie Schreck ist steil und eng. Doch die 25-Jährige geht in ihren Sneakers die Treppe hoch und runter ohne sich festzuhalten – «alles Übungssache», sagt sie und lacht. Für Frauen in hohen Schuhen wäre es aber in der Tat ein schwieriges Unterfangen. Durch die Sprossenfenster ihres Studentenzimmers sieht Leonie über die Dächer der Altstadt direkt auf die Uni. Es gibt kaum eine Studenten-WG, die näher an der Universität Zürich liegt wie diese an der Predigergasse.

Das vierstöckige Altstadthaus aus dem Jahre 1723 wird seit den Sechzigerjahren an Studenten vermietet. Leonie wohnt seit fünfeinhalb Jahren hier und schaut als Hausverantwortliche, dass die Hausregeln eingehalten werden, zudem kümmert sie sich um die Abnahme der Zimmer beim Auszug der Mieter. Die Woko vermietet über 3000 Zimmer in 65 Liegenschaften in den Städten Zürich und Winterthur. Die günstigen WG-Zimmer an Zürichs besten Lagen sind heiss begehrt, befinden sie sich doch alle in der Nähe eines Hochschulstandorts. Leonie Schreck teilt sich das Altstadthaus mit zwei Mitbewohnerinnen und drei Mitbewohnern.

Ioannis Panagiotopoulos hat sein Zimmer direkt neben der Küche und hört, wenn jemand nach Hause kommt und sich etwas zu essen aus dem Regal holt. «Verstecken kann man sich nicht, wenn man in einer WG lebt», sagt der 27-jährige Psychologiestudent, der seit sieben Jahren in Wohngemeinschaften haust. Sein Zimmer ist vorbildlich aufgeräumt; Bett, Pult, Sessel, Einsteinplakat, Musikanlage. Wie viele alte Häuser ist auch dieses ringhörig. Rücksicht sei daher wichtig. «Wenn einen etwas stört, dann redet man miteinander, das funktioniert bei uns ganz gut», sagt Anja Schmitter. Die 24-jährige Germanistikstudentin wohnt im Zimmer obendrüber. Weil die Zimmer- decken so niedrig sind, gibt es für Kleiderschränke kaum Platz. Sie hat ihrem Schrank daher kurzerhand die Füsse abgesägt.

Party, Spass und Kompromisse

Weinflecken an den Wänden zeugen von ausgelassenen Festen, die alten Holzböden knarren bei jedem Schritt. «Dieses Haus hat Geschichte, das gefällt uns sehr», sagt Leonie. Fotos von WG-Parties zieren die Wände; Grusel-Chic lautete das letzte Motto. «Man braucht gar nicht erst in eine Bar zu gehen, hier läuft immer etwas», freut sich Ioannis. Wer in diese Wohngemeinschaft zieht, sollte Katzen mögen – zumindest WG-Katze «Bohne» – und besser keine Angst vor Spinnen haben, denn die fühlen sich in den alten Gemäuern genauso wohl wie die Studenten. Saskia Eberle schläft erst seit wenigen Wochen in der Altstadt-WG, sie baut gerade ihr Bettgestell auf. «Ich fühle mich schon jetzt heimisch», sagt die 23-Jährige.

Leonie klettert aus dem Fenster. Die begrünte, verwachsene Terrasse im Innenhof erreicht man lediglich übers Fenster der Wohnküche oder die Luke, welche die Waschküche mit der Terrasse verbindet. «Wenn es bei uns ein freies WG-Zimmer gibt, dann ist das stets der grosse Test. Nur wer elegant aus dem Fenster klettern kann, bekommt den Zuschlag», sagt Leonie mit einem Augenzwinkern. In Wahrheit sei wichtig, dass es menschlich stimme. «Es muss einfach passen», sind sich die Mitbewohner einig. Aus den Studenten, die sich früher nicht kannten, sind mittlerweile Freunde geworden. Das WG-Leben schweisst zusammen. «Ich könnte nicht alleine leben», sagt Ioannis. Seine Mitbewohner nicken zustimmend. Riccardo Curatolo und Federico Villani sind derzeit abwesend und werden bereits vermisst. Obwohl sie sich gut verstehen, kleben sie nicht ständig aneinander. In stressigen Lernphasen brauchen auch sie etwas Abstand und Ruhe. Wenn Leonie in ihrem Zimmer im Dachstock ist, hört sie ohnehin nicht, was in der Wohnküche drei Stockwerke weiter unten vor sich geht. «Ich bin schon mitten in eine Party geplatzt, von der ich gar nicht wusste, dass sie bei uns stattfindet.»

Im Haus gibt es eine Toilette für Jungs und eine für Mädchen. Das Putzen teilen sich die Studenten untereinander auf. Das Inventar stammt meist vom Brockenhaus und von Flohmärkten. Auf Möbel legen die Studenten keinen grossen Wert. «Wir geben lieber etwas mehr Geld für Wein aus», sagen sie lachend. Gelegentlich trifft man sich zum WG-Znacht und kocht zusammen; Tomatenrisotto, Rüebli-Ingwer-Suppe, öfter mal was Neues. Immer im Haus: Brot, Milch und hochwertiges Olivenöl, darauf legt der gebürtige Grieche Ioannis grössten Wert.

Kein TV in der Studentenbude

Einen TV-Gerät sucht man im Studentenhaushalt vergebens. Vermissen tut ihn keiner. «Man muss nicht in einer WG wohnen, wenn dann jeder für sich in die Kiste starrt», sind sich alle einig. Und wenn sie doch mal Lust auf einen «Tatort» haben, ist da noch das Laptop. Die Woko vermietet WG-Zimmer ausschliesslich an Studierende und Doktoranden. Leonie hat ihr Medizinstudium abgeschlossen und sieht ihre berufliche Zukunft als Ärztin in einem Spital. Aktuell schreibt sie an ihrer Doktorarbeit. Zwei Jahre darf sie maximal noch in dieser WG wohnen – so steht es im Reglement – dann muss sie ihre sieben Sachen packen. Der Auszug aus der Studenten-Bude blüht irgendwann allen, daran denken mag jetzt aber noch niemand. Die Studenten sind sich einig: «Es ist toll hier, wir sind fascht e Familie».

Weitere Informationen: WOKO – Studentische Wohngenossenschaft Zürich, Stauffacherstrasse 101, 8004 Zürich www.woko.ch

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ginger.hebel@tagblattzuerich.ch

 

 

 

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Leserkommentare

Ioannis Panagiotopoulos - Geilste WG !!!! Feiere ich haaaaart!

Vor 2 Jahren 5 Monaten  · 
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