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Reportage

Halten alles im (Verkehrs-)Fluss: Thomas Furchheim (l.), Mario Schmid (2. v. l.), Walter Schön (3. v. l.), Dino Da Cruz (2. v. r.) und Filipe Ribeiro (r.) von der VBZ-Leitstelle (v. l. n. r.) sowie als Gast «Tagblatt»-Redaktor Sache Beuth (3. v. r.). Bild: Nicolas Zonvi

Regisseure des Stadtverkehrs

Von: Sacha Beuth

15. Februar 2019

AM PULS Blockierte Schienen, defekte Fahrzeuge, Unfälle – mit jedem Verkehrsszenario müssen die Mitarbeiter der VBZ-Leitstelle zurechtkommen und sofort eine Lösung anbieten. Selbst während der Stosszeiten führen sie mit kühlem Kopf Regie, wie Redaktor Sacha Beuth bei einem Besuch für die Serie «Am Puls» erfahren durfte.

Weit oben in einem Gebäude des VBZ-Zentrums an der Luggwegstrasse flimmern mehrere Dutzend Bildschirme. Überall sieht man Tabellen und andere grafische Darstellungen, die die aktuelle Situation der einzelnen Stadtzürcher Verkehrslinien und -kurse wiedergeben. Für Uneingeweihte ein Buch mit sieben Siegeln, für die Verkehrsleiter der VBZ-Leitstelle nebst Funk und Telefon das unabdingbare Hilfsmittel, um ihre Aufgaben ausführen zu können. «Wir sind die Drehscheibe für alle Informationen und bei Problemen erster Ansprechpartner für die VBZ-Fahrzeuglenker», erklärt der operative Leiter Mario Schmid. Rund 300 Betriebsmeldungen und gut 1500 Funk- und Telefongespräche werden hier pro Tag erfasst bzw. geführt.

Am heutigen Nachmittag überwachen vier mit Headsets ausgerüstete Verkehrsleiter alle 400 gleichzeitig verkehrenden Fahrzeuge auf die Fahrplanlage. Werktags von 4.30 Uhr bis 1.45 Uhr, an den Wochenenden 24 Stunden lang. Die einzelnen Tram- und Buskurse sollen möglichst pünktlich verkehren. Wobei der Begriff «pünktlich» eine gewisse Toleranzbreite hat. «Als pünktlich gelten bei den VBZ alle Haltestellenankünfte mit weniger als zwei Minuten Verspätung sowie alle Haltestellenabfahrten mit weniger als einer Minute Verfrühung», so Schmid.

«Es gab Nächte, in denen ich im Bett lag und der Funk- verkehr im Kopf weiterlief»

Nicht selten ist eine Blockierung die Ursache für die Unpünktlichkeit, von denen im Schnitt etwa 10 pro Tag vermeldet werden. Doch bis zum Mittag verläuft der Betrieb an diesem Tag ohne grössere Probleme. Erst um 13.30 Uhr verdient ein Fall grössere Aufmerksamkeit. Filipe Ribeiro, einer der vier Verkehrsleiter, die gerade Dienst haben, nimmt eine Meldung über eine Fahrzeugstörung entgegen. «Bei der Haltstelle Kienastenwies hat ein 31er-Bus seit fünf Minuten eine Türstörung», erzählt Ribeiro. Sofort schickt er einen Troubleshooter zum Ort der Panne. Kaum geschehen, meldet sich der Fahrer des Busses wieder und berichtet, dass er die Störung selbst beheben konnte. Ribeiro seufzt und lässt die Pannenhilfe wieder umkehren. «Falscher Alarm. Gehört auch zu unserem Job.» Den mag der 36-Jährige vor allem dann, wenn es hoch zu und her geht, «wenn du zwar Stress hast, deswegen aber auch Adrenalinschübe erhältst». Anfangs sei es nicht leicht gewesen, nach solchen Situationen abzuschalten. «Als ich hier vor drei Jahren auf der Leitstelle anfing, gab es Nächte, in denen ich im Bett lag und der Funkverkehr in meinem Unterbewusstsein weiterlief.» Nun sei dies aber kein Problem mehr.

Gegen 15 Uhr nehmen der Verkehr draussen und die Arbeitsintensität in der Leitstelle spürbar zu. Dino Da Cruz hat gerade mit einem Kurs der Linie 33 zu tun. Beim Stromabnehmer des Fahrzeugs ist der Schleifkopf abgeknickt. Der Bus bekommt somit keinen Strom über die Fahrleitungen. «Ziehen Sie die Bügel in die Ruhehaken und fahren Sie mit der Batterie weiter bis zur nächsten Haltestelle», lautet Da Cruz’ Anordnung. Doch woher weiss er gleich, was bei diesem technischen Defekt zu tun ist? «Alle unsere Leitstellenmitarbeiter sind auch ausgebildete Tram- und Busfahrer, müssen periodisch immer wieder hinters Steuer und kennen die Fahrdienstvorschriften sowie die Technik der Fahrzeuge», erklärt Schmid.

Nun treffen die Meldungen im 2-Minuten-Takt ein. Die Leitstellenmitarbeiter wissen fast immer auswendig, was in der entsprechenden Situation zu tun ist. «Routine halt», sagt Schmid. «Und wenn man es mal nicht genau weiss, dann haben wir das da.» Der operative Leiter beugt sich zu einer Schublade hinunter und zieht mehrere plastifizierte Anleitungen heraus. «Egal, auf welchem Streckenabschnitt eine Blockierung auftritt – für jeden Fall haben wir ein Konzept, wie wir die betroffenen Linien umleiten können.»

«Obwohl viele Dinge gleich ablaufen, ist doch jeder Tag anders. Man wird immer vor neue Herausforderungen gestellt. Genau das macht unsere Arbeit so spannend», erzählt Thomas Furchheim, der gerade eine Fahrgastinformation über eine Streckenblockierung – auch das gehört zu den Aufgaben der Leitstelle – durchgegeben hat. «Und manchmal erlebt man nicht nur spannende, sondern auch lustige Situationen.» Noch gut ist Furchheim in Erinnerung, wie er letztes Jahr in einer lauen Sommernacht bei einem Blick auf einen der Monitore plötzlich verdächtige Bewegungen aus dem Innern der Seilbahn Rigiblick wahrnahm. Sie stammten von einem Pärchen, dass nach Betriebsschluss nicht ausgestiegen war und sich nun in die Seilbahn «intensiv miteinander beschäftigte». Nicht ahnend, dass das Wageninnere über Kameras von der Leitstelle überwacht wird. «Ich habe dann die Telefonanlage im Wagen angestellt und den beiden geraten, nach Hause zu gehen. Was sie dann auch ziemlich eilig getan haben», lacht Furchheim.

Auch Walter Schön muss schmunzeln. Er ist mit Schmid der Dienstälteste im Team heute anwesenden Team und seit 16 Jahren auf der Leitstelle. Er schätzt vor allem die hohe Eigenverantwortung, die man in diesem Job hat. Und auch er liebt besondere Herausforderungen. «Wenns so richtig geschneit hat oder die Strassen vereist sind, dann brauchts volle Konzentration. Manchmal musst du dann eine Entscheidung zulasten weniger und zugunsten vieler Fahrgäste treffen. Glücklicherweise hat die Mehrzahl der VBZ-Kunden dafür Verständnis.» Sagts und dreht sich zu einem Monitor ab. Dort blinkt wieder ein Notruf. «Sorry, Fremdkollision zwischen Kunsthaus und Hottingerplatz. Da muss ich ran.»

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Leserkommentare

Elisabeth Gujer - "Regisseure des Stadtverkehrs":
ich komme einfach nicht darum herum, ich muss mein Kränzchen, welches ich einmal dem ZVV schickte, nochmals winden:

"Ein grosses Dankeschön an all Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Ich möchte diesen
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