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Reportage

Die Bewohnerinnen und Bewohner der Wunderli-WG in Wipkingen: Jürg Thurnheer, Marco Darioli, Esther Kuehn Buess und Ruth Aschwanden (v.l.n.r).

Respekt und Ordnung in der Wunderli-WG

Von: Ginger Hebel

16. Januar 2018

Wohnformen: Das «Tagblatt» porträtiert in loser Folge Menschen, die unkonventionell leben. Heute: Ruth Aschwanden und die WG 50+ in Wipkingen.

Tagsüber gehen die zwei Männer und zwei Frauen der Wunderli-WG ihren beruflichen Verpflichtungen und Hobbys nach, doch irgendwann treffen sie sich alle am grossen Esstisch, den Esther Kuehn Buess mitgebracht hat, als sie in die Wohngemeinschaft Wunderlistrasse in Wipkingen gezogen ist. Sollte sie eines Tages die WG wieder verlassen, dann nicht ohne diesen Holztisch; ein Erbstück, das sie schon lange begleitet. «Ich mag es, wenn viele Leute zusammen am Tisch sitzen und man sich austauschen kann. Menschen interessierten mich schon immer», sagt die 63-Jährige.

Die Mutter und Stiefmutter von sechs Kindern arbeitet als Lehrerin im Bereich Integration und betreut Kinder mit speziellen Bedürfnissen. Als junge Frau lebte sie in Wohngemeinschaften und tingelte mit dem Zirkus durchs Land. Vor sieben Jahren trennte sie sich von ihrem Mann, seither lebt sie in dieser Zürcher WG für Menschen in der zweiten Lebenshälfte. Mitbewohner Jürg Thurnheer stellt einen Panettone auf den Tisch und schneidet allen ein Stück ab, dann schenkt er seinem WG-Kumpel Marco Darioli und sich selber ein Glas Rotwein ein. Die vier reden über den Tag und über das Leben. Sie sind nicht immer einer Meinung, aber sie teilen die Vorstellung von Ordnung und zollen sich gegenseitig Respekt. «Die Chemie muss stimmen, sonst funktioniert es nicht», ist Jürg überzeugt.

Milch, Müll und Vertrauen

Doch auch bei ihnen herrsche nicht immer eitel Sonnenschein. Sie führen gelegentlich Diskussionen darüber, wer denn nun den Müll rausbringt, wer die Milch kauft und was man im Fernsehen schaut. Niemand hat einen eigenen TV im Zimmer. «Das wollten wir nie, denn sonst verkriecht sich jeder, und das wäre schade fürs Zusammenleben», sind sich alle einig. Die Wohngemeinschaft Wunderlistrasse in Wipkingen existiert seit zehn Jahren, verwaltet wird sie von der Genossenschaft Zukunftswohnen 2. Lebenshälfte. WGs für die Generation 50+ sind in Zürich selten. «Meine Bekannten fragen mich häufig, ‹wohnsch eigentlich immer no i de WG?›» – «Für sie bin ich ein Exot», sagt Jürg und lacht. Er ist ein waschechter Zürcher. Er liebt seine Stadt, nie könnte er sich vorstellen, sie zu verlassen, auch wenn es immer wieder Dinge gibt, die ihn am Stadtleben nerven. Früher arbeitete er im Obdachlosenheim, noch heute erkennen ihn ehemalige Bewohner auf der Strasse, «das freut mich immer». Er bewohnt die unterste Etage der WG, zwei geräumige Zimmer, eine Art Einliegerwohnung. Neben dem Bettsofa thront seine Kuhglocke, sein liebstes Stück.

Für mehrere Jahre hatte er als Senn auf einer Alp gelebt, Kühe gemolken und Käse hergestellt. Erlebnisse, die er nicht vergisst. Im Keller stehen seine drei Bikes, er radelt immer, auch im Winter, zu seiner Arbeit als Zügelmann, Gartenarbeiter und Allrounder. «Ich habe in meinem Leben noch nie so feudal gewohnt wie jetzt hier», sagt der 69-Jährige. Für Marco Darioli wird das Abenteuer WG-Leben bald zu Ende gehen. Der 65-Jährige, der aktuell in Zürich als Einkäufer arbeitet, wird zurück in seine Heimat Berner Oberland ziehen, wo seine Frau lebt. «Ich wollte nicht pendeln und auch nicht alleine leben, daher war diese Wohnform für mich ideal», erzählt er. Seine Freizeit verbringt er an der Limmat mit Tauschen am Fluss, wo Leute die Bereitschaft aufbringen, Zeit und Talente zu tauschen, zum Beispiel eine Stunde Fenster putzen gegen eine Stunde Spanischunterricht. «Es ist eine gute Sache, denn es geht für einmal nicht ums Geld», sagt Marco.

An den Abschied vom WG-Leben mag er noch gar nicht denken. «Wir haben es schön hier. Wenn man so eng zusammenlebt, baut man Vertrauen auf, öffnet sich.» Mit Ruth Aschwanden teilt er sich das Bad, das ist für beide kein Problem. «Wir kommen gut aneinander vorbei», sagt die 59-Jährige, die im Toni-Areal arbeitet. Von ihrem Balkon sieht sie direkt zum Campus. Sie erreicht ihn nach einem Spaziergang der Limmat entlang, «das ist Lebensqualität». Wie soll er denn sein, der neue WG-Kollege? Esther erinnert sich an einen früheren Mitbewohner, einen Pensionär, der immerzu reden wollte. Doch weil keiner ständig zuhören mochte, zog er wieder aus. «Nicht alle haben dieselbe Vorstellung von Nähe und Gemeinsamkeit. Es muss einfach passen, das spürt man schnell», sagen alle.

www.zukunftswohnen.ch

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