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Reportage

Für die einen gurrende Schönheiten – für die anderen eine Plage: Stadttauben in Zürich. Bild: iStock

Tauben: Verhasste und geliebte Schmutzfinken

Von: Sacha Beuth

12. Dezember 2017

Schon seit Jahrhunderten prägen Tauben das Stadtbild Zürichs. Doch während die einen die Vögel füttern, fordern andere eine deutliche Reduktion der Tiere, da sie mit ihrem Kot Bausubstanz zerstören und Krankheiten übertragen.

Rund 16 000 Stadttauben leben auf dem Gebiet Zürichs. Die Tiere stammen von verwilderten Haus- und Brieftauben ab und haben bereits in der Antike Städte und Dörfer als Lebensraum entdeckt. «Denn hier finden Sie paradiesische Zustände», erklärt This Schenkel, Wildhüter und Taubenexperte bei Grün Stadt Zürich. «In der Stadt sind die Nistmöglichkeiten mit den vielen Mauerwerken gross, der Feinddruck durch Greifvögel und Marder gering und das Futterangebot durch die vielen Lebensmittelreste der Menschen riesig.» Hinzu komme, dass einige Leute die Tauben auch noch gezielt füttern. «Das hat zur Folge, dass die Population insgesamt über die Jahre ansteigt und sich die Probleme, die sich mit Tauben ergeben, weiter verschärfen.»

Die Vögel sind regelrechte Schmutzfinken, die ihre Exkremente wahllos fallen lassen und in Zürich jährlich 80 Tonnen Kot erzeugen. Dieser ergibt, mit (Regen-)Wasser vermengt, eine aggressive Mischung, die insbesondere Sandsteinbauten, aber auch anderes Mauerwerk angreift. Eine starke Taubenkotverschmutzung kann ausserdem bei Kindern, kranken und älteren Menschen gesundheitliche Probleme zur Folge haben. Zugleich profitieren vom Futter für die Tauben auch Ratten, die sich so ebenfalls stärker vermehren können. Kein Wunder, gibt es zahlreiche Personen, welche die Tauben zum Teufel wünschen und sie lieber heute als morgen ausgerottet sähen.

Balance finden

Die Strategie von Grün Stadt Zürich ist es jedoch, eine Balance zu finden. «Einerseits sind Beschwerden gerade von Hausbesitzern oder Markthändlern wegen verkoteter Lebensmittel absolut berechtigt. Andererseits gehören Tauben zum Stadtbild und haben auch eine Daseinsberechtigung», ist Schenkel überzeugt. Das sieht auch Ethologin Iris Scholl so, die im Auftrag von Grün Stadt Zürich den Taubenschlag in der reformierten Kirche St.  Jakob beim Stauffacher betreut. «Abgesehen davon, ist die Taube eine der wenigen Wildtierarten, die ein Stadtmensch heute noch zu Gesicht bekommt.»

Der Stadt bleibt somit nichts anderes übrig, als regulierend einzugreifen. Dabei kämen vier Massnahmen zum Zuge. Erstens Aufklärung, also zu erklären, warum nicht gefüttert werden soll und wie man mit gewissen Materialien – etwa Drahtgeflechten, die den Anflug und Ansitz verhindern – Abhilfe schaffen kann. Zweitens die Entnahme von Eiern aus Taubenschlägen, was neben den Reinigungsarbeiten ebenso zu den Aufgaben der Taubenschlagbetreuer wie Iris Scholl gehört. Drittens das Einfangen mit Fallen und viertens der gezielte Abschuss. Für die beiden Letzten sind in Zürich allein die Wildhüter verantwortlich.

Am wichtigsten sei jedoch klar die Aufklärung. «Viele Leute verstehen nicht, dass Füttern kontraproduktiv ist», erzählt Schenkel. «Sie glauben, sie tun etwas Gutes. Doch in Wirklichkeit erzeugen Sie mehr Leid, weil sich Dichtestress und Jungtiersterblichkeit erhöhen und das Risiko, dass sich Krankheiten wegen eines überalterten und gesundheitsschwachen Bestandes ausbreiten, steigt.»

Infos zum Thema: www.stadt-zuerich.ch -> Tiefbau- und Entsorgungsdepartement -> Grün Stadt Zürich -> Natürliche Vielfalt -> Tiere -> Vögel -> Tauben

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