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Reportage

Vom Generationenwohnen profitieren sie alle

Von: Ginger Hebel

07. November 2017

Das «Tagblatt» porträtiert in loser Folge Menschen, die unkonventionell leben. Heute: Bettina Bräm, ihre «Grossfamilie» und die 13-Zimmer-Villa am Zürcher Waldrand oberhalb des Klusplatzes.

Geschickt öffnet Yannic die Wienerli-Verpackung mit den Zähnen und legt die Würste in die Gerstensuppe, die sein Mami heute für die Grossfamilie kocht. «Danach müssen wir noch den Teig fürs Schlangenbrot machen», sagt der Achtjährige. Morgen bräteln sie mit der Schule im Wald.

Bettina Bräm, Sozialarbeiterin und Liegenschaftenverwalterin, lebt mit ihren Kindern Charina (20), Joan (19), Mailin (16), Maimouna (11) und Yannic (8) in einer alten 13-Zimmer-Villa am Waldrand oberhalb des Klusplatzes. Der Vater der älteren Kinder wohnt ganz in der Nähe. Der Papa von Maimouna und Yannic stammt aus Senegal, wo er gerade in den Ferien ist. Charina weilt gerade für ein Hilfsprojekt in Gambia, und für Mailin ist es der letzte Abend im Kreise ihrer Familie. Sie fliegt zurück nach London, wo sie bis im Frühling eine englische Steiner-Schule besucht. 

Die sechsfache Mutter hatte immer davon geträumt, eines Tages mit mehreren Generationen unter einem Dach zu wohnen. «Dieses Haus», sagt sie, «ist ein Glücksfall.» Sie teilt es sich mit ihren Freundinnen Hannah und Christine Munz. Die Frauen lernten sich vor vielen Jahren im Gemeinschaftszentrum Grünau kennen. Hannah war Bettinas erste Chefin, heute verbindet die beiden eine enge Freundschaft.

Hannah Munz bewohnt mit ihrer Tochter Christine (52) und Pflegetochter Sia (17) eine eigene Etage mit Wohnzimmer und offener Küche. Auf dem Esstisch steht ein Strauss bunter Blumen – auf dem roten Sofa döst die Katze. «Wir wohnen zusammen, haben aber dennoch genügend Raum und können auch mal die Tür hinter uns zumachen; das scheint mir wichtig», sagt die 74-Jährige. Sie ist die Gotte von Maimouna, Bettinas elfjähriger Tochter. Die beiden haben ein inniges Verhältnis, aber auch für die anderen Kinder ist sie wie eine Oma, die immer ein offenes Ohr hat, denn Bettinas Eltern sind bereits verstorben. «Die Kinder halten mich geistig jung», sagt Hannah. Und Bettina ist überzeugt, dass auch sie von ihrer Lebenserfahrung profitieren.

Hannah Munz war 50 Jahre verheiratet, «wir hatten immer ein offenes Haus», erzählt sie. Sie vermieteten Zimmer an Studierende, und als ihr Mann an Parkinson erkrankte, hatte sie helfende Hände, die sie daheim unterstützten. Nach seinem Tod war für sie klar, dass sie lieber in Gemeinschaft leben möchte als allein.

Ruhig ist es im Generationenhaus selten. Maimouna ist das Künstlerkind in der Familie. Sie spielt Theater, Klavier, Gitarre. Manchmal setzt sie sich vor dem Essen an den Flügel und spielt ein Ständchen. Nesthäkchen Yannic ist ein Wirbelwind. Sein Lieblingsplatz ist die Hängematte im Wohnzimmer – in der Freizeit macht er Yoga, um runterzukommen.

Das Haus, die handyfreie Zone

Jeder hat sein eigenes Zimmer. Dasjenige von Bettina Bräm gleicht einem Ballettsaal – hohe Räume, knarrende Holzböden und ganz viel Platz. Maimouna hat gar ein Zimmer mit eigenem Bad: «Die Badewanne ist das Tollste; ich bade jeden Tag.» Und Sia ist stolz auf ihren beleuchteten Schminktisch. Joan, der Älteste, absolviert die Lehre zum Automechaniker. Er bewohnt ein Zimmer im Erdgeschoss. Hier kann er ungestört Freunde empfangen und Musik hören. Wenn es mal lauter wird, stört es keinen. Der grosse Garten schluckt den Lärm. Die Lage am Waldrand hat allerdings gerade im Winter, wenn es früh dunkel wird, einen Nachteil. «Der Waldweg ist ein bisschen gruselig», sagt Maimouna. Kürzlich hat sie sich ob der Vogelscheuche des Nachbarn mächtig erschrocken. Doch für diese Fälle tragen sie ein Notfallhandy bei sich, ansonsten herrscht zu Hause Handyverbot. «Ich will keine Süchtigen heranziehen», sagt Mutter Bettina.

Lieber musizieren sie zusammen. Im Sommer sind sie fast immer draussen, spielen Pingpong im Garten oder setzen Tulpen. Aktuell basteln sie im grossen Hobbyraum Weihnachtsgeschenke für ihre Lieben.

Bettina Bräm und Hannah Munz haben für sich eine Wohnform gefunden, die allen das Leben erleichtert. Zusammen zu wohnen, bedeutet für sie auch, ein Netzwerk zu haben und somit Entlastung im Alltag. Wenn Bettina einmal die Woche abends ins Singen geht, kocht Hannah für die Kinder und beschäftigt sich mit ihnen. «Es ist ein Geben und ein Nehmen.»

Sie sind überzeugt, dass neue Wohnformen in Zukunft alle noch mehr beschäftigen werden. «Es gibt viele ältere Menschen, die alleine in grossen Häusern leben. Es wäre doch wunderbar, wenn diese Häuser wieder mit Leben gefüllt würden.» Am liebsten würden sie mit noch mehr Menschen verschiedener Generationen ein gemeinsames Wohnprojekt starten. «Dadurch entsteht eine ganz andere Wohnqualität», sind die Freundinnen überzeugt.

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