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Reportage

Maria Mehr hat für ihr Zigeunerkulturzentrum bis Ende August eine Bewilligung beim Strassenverkehrsamt erhalten. Bild: CLA

Weiterziehen um jeden Preis

Von: Clarissa Rohrbach

22. August 2017

Im Albisgüetli haben sich Fahrende niedergelassen. Die Jenische Maria Mehr sucht seit Jahren Plätze für die Wohnwagen. Sie stört es, dass ihr Stamm immer noch als dreckig angesehen wird.

Es regnet. Die 30 Wohnwagen oberhalb des Strassenverkehrsamts glitzern unter den Tropfen. Eine Frau sammelt Abfall vom Kiesboden, alles ist sauber und geordnet. «Kommen Sie rein, es ist kalt.» Maria Mehr sitzt in ihrem Wohnwagen – Decke über den Knie, Aprikosen auf dem Tisch. Ihr kleines Reich wirkt wohlig, gepflegt. Die 74-Jährige ist Präsidentin des Zigeunerkulturzentrums und somit so etwas wie die Chefin der Fahrenden. Seit Jahren sucht sie immer wieder einen Platz, wo sie sich niederlassen können. «Es ist nicht einfach; manchmal geht es lange, bis wir Bescheid bekommen. Ich muss aber dafür sorgen, dass wir jeden Monat nahtlos weiterziehen können.» Die Gemeinschaft – meistens Familien mit drei, vier Kindern – ist nicht fest. Die Leute kommen und gehen, schliessen sich dieser oder einer anderen Gruppe an, je nachdem, wo sie gerade Arbeit finden. 

An diesem grauen Morgen sind die meisten am Geldverdienen. Sie räumen und reinigen Wohnungen oder verkaufen Alteisen und Textilien. «Wir müssen selbstständig erwerbend sein, damit wir jederzeit losfahren können», sagt Mehr, die selber 50 Jahre lang Messer geschliffen hat. Hinter ihr flackert eine Seifenoper auf dem Flatscreen. Die Küche ist mit elegantem Holz verkleidet und bietet alles, was man braucht: Kühlschrank, Lavabo, Kochplatten. Die Wohnwagen der Fahrenden sind topmodern und kosten um die 50  000 Franken. Doch keiner zahlt den vollen Betrag. Nach etwa fünf Jahren Ratenzahlungen verkaufen die Fahrenden ihren Wohnwagen wieder, sodass sie noch einen guten Preis dafür bekommen. Dazu kommt die Miete des Platzes, etwa 5000 Franken pro Monat. «Die Plätze sind teuer», meint Mehr. Und sie müssten immer mit Strom, Wasser und Kanalisation ausgestattet sein. Um die Bewilligung zu erhalten, muss das Zigeunerkulturzentrum wie eine Chilbi einen Antrag bei der Stadt einreichen. 

Im Schlafzimmer stapeln sich Kartonkisten mit Briefen. Krankenkasse und Steuern: Trotz des ständigen Weiterziehens haben Fahrende genauso viel Papierkram zu erledigen wie Sesshafte. Auch Mehrs Alltag entspricht nicht der romantischen Vorstellung des Zigeuners, der ums lodernde Feuer tanzt. Auf Arztbesuche im Waidspital folgen Einkäufe in der Migros und Staubsaugen im Wohnwagen. Eines erträgt die Jenische überhaupt nicht: «Man kann so sauber sein, wie man will, aber die Leute denken trotzdem, wir seien dreckig», sagt sie und schaut auf ihre frisch lackierten rosa Fingernägel. Die Vorurteile hielten sich, weil die Gesellschaft nichts anderes glauben wolle. Irgendwann hätten ein paar saufende, stehlende Gauner ein schlechtes Licht auf die Zigeuner geworfen. Das Klischee sei hartnäckig.

Mehrs Smartphone klingelt. Der Göttibub erkundigt sich nach ihrer Gesundheit. Obwohl ihr Lebenspartner David Burri gestorben ist, ist die Jenische selten allein. Die anderen Fahrenden besuchen sie, sitzen unter dem Vordach, trinken Kaffee und erzählen von ihrem Tag. Ein festes Daheim vermisst sie nicht: «Da, wo mein Wohnwagen steht, bin ich zu Hause.» Und dann zitiert Mehr den bekannten Leitspruch der Schausteller: «Die weite Welt ist mein Feld.» Sie lehnt sich in ein flauschiges Kissen und zieht die Vorhänge leicht auf. Draussen regnet es immer noch. 

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