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Reportage

Das Herzstück des EWZ: Die Leitstelle – von hier aus wird die Stromversorgung Zürichs gesteuert. Bild: SB

Wenn das EWZ unter Strom steht

Von: Sacha Beuth

07. März 2017

Wie funktioniert eigentlich die Energieversorgung in der Stadt Zürich? Und was passiert genau bei einem Stromausfall? – Um diese Fragen zu beantworten, hat das EWZ zu einem Rundgang hinter den Kulissen geladen.

Jährlich werden von den rund 225 000 EWZ-Kunden in der Stadt Zürich etwa 2800 Gigawattstunden Energie verbraucht. Kommt es in einem Gebiet zu einem Ausfall, steht das Leben praktisch still. Die Zeit, um eine Panne zu beheben, drängt also. Nur ist gerade diese Behebung mitunter zeitraubend, da die Suche nach der Art der Ursache sowie die genaue Lokalisation der Schadstelle nicht immer einfach sind. «Wir vergleichen darum die Behebung einer Panne gerne mit einer Operation am offenen Herzen», zieht Angel Gallego, Leiter Netz Zürich beim EWZ, einen Vergleich aus der Medizin herbei. «Deshalb wollen wir der Bevölkerung aufzeigen, wie komplex die Stromversorgung in Zürich ist und wie die Störungsbehebung funktioniert.»

Von 220 000 auf 400 Volt

Abgesehen von lokalen Solarstromanlagen und zwei Flusskraftwerken stammt der überwiegende Teil des städtischen Stromes von ausserhalb Zürichs liegenden Verbundunterwerken mehrerer Kraftwerke und wird von der nationalen Swissgrid AG in die 4 EWZ-Kuppelunterwerke geführt, wo die Spannung von 220 Kilovolt (=220 000 Volt) auf 150 Kilovolt umgewandelt wird. Von dort gelangt er zu einem der 17 Quartierunterwerke und wird erneut umgewandelt. Nun beträgt die Spannung – mit Ausnahme von drei Unterwerken, die noch nicht umgestellt sind – 22 Kilovolt. Jetzt wird der Strom in eine der 1000 Trafostationen geleitet, ein letztes Mal auf die im Alltag nötigen 400 Volt transformiert und dann in die Haushalte geführt. «Das Ganze klingt umständlich, macht aber Sinn. Denn je höher die Spannung, desto besser kann Strom transportiert werden. Und der Energieverlust durch die mehrfache Umwandlung ist äusserst gering», erklärt Gallego.

Der EWZ-Experte geleitet den Besucher nun zum Herzstück des Hauptgebäudes in Oerlikon: der Leitstelle. Hier wird über PCs und eine riesige Elektrokontrolltafel der Stromfluss in den Unterwerken überwacht und gesteuert. «Anhand von verschiedenen Parametern wie Wetter, Tageszeit, letztjähriger Verbrauch usw. ordern wir bei den Kraftwerken Strom und speisen ihn in die Quartiere ein. Dabei achten wir darauf, dass alle Unterwerke möglichst gleichmässig belastet und nie zu 100 Prozent ausgelastet sind. «So können wir bei einem Ausfall gewährleisten, dass das betroffene Gebiet mittels Umschaltungen von einem anderen Unterwerk wieder versorgt werden kann.»

606 Störungsmeldungen gingen letztes Jahr bei der Leitstelle ein. Der grösste Teil betraf Lampen der öffentlichen Beleuchtung (521), nur gerade 5 hatten mit dem Hochspannungsnetz zu tun. «Zu unserem Verteilnetz gehören 4828 km Kabel, was etwa der Strecke von Zürich nach Québec entspricht. Die Hoch- und Mittelspannungsleitungen werden elektronisch überwacht. Bei Störungen auf dieser Ebene lässt sich die Schadstelle meist schnell und präzise lokalisieren. Schwieriger ist es jedoch auf der Niederspannungsebene, also bei Leitungen, die von der Trafostation zu den Haushalten führen. Die sind nicht elektronisch überwacht, sodass man erst vor Ort mit speziellen Messgeräten die Schadstelle eruieren, sichern und reparieren kann.»

Der grösste Teil der Versorgungsunterbrüche (41 Prozent) ist auf Beschädigung durch Dritte zurückzuführen. Etwa wenn Bauarbeiter bei Grabarbeiten aus Versehen eine Leitung «erwischen». Als Nächstes folgen mit 32 Prozent Materialdefekte oder Alterung. Darunter fällt auch der Versorgungsunterbruch am 9. Dezember 2015, der im Quartierunterwerk Letten ausgelöst wurde. Ursache war ein Isolationsdefekt in der Mittelspannungsschaltanlage. «Solche Fehler entwickeln enorme Kräfte. Durch einen feinen Riss oder durch Materialermüdung entluden sich diese auf einen Schlag, sprengten einen Teil der Isolation weg und sorgten für einen Kurzschluss.» 21 884 EWZ-Kunden in der Umgebung des Unterwerks mussten rund drei Stunden ohne Strom auskommen, bis sie von einem anderen Unterwerk versorgt werden konnten.

Wurzel «erdrosselt» Kabel

Die übrigen Unterbrüche sind auf Feuer, Wasser oder die Natur zurückzuführen. Gallego zeigt dazu ein Wurzelstück eines Baumes, das sich um ein Kabel gewickelt und dieses «erdrosselt» hatte. «Was auch immer die Ursache für eine Panne ist, wir bemühen uns, sie so schnell wie möglich zu beheben, und stehen dann gehörig unter Strom», erzählt der Leiter Netz Zürich. Insgesamt ist das EWZ darin sehr erfolgreich, wenn man auf die Daten von Saidi (System Average Interruption Duration Index) schaut. Die Ausfallzeit pro Kunde betrug 2016 gerade mal 9,7 Minuten, während der nationale Schnitt bei 15 Minuten liegt. «Theoretisch könnten wir diesen Wert noch etwas verbessern. Jedoch würde das unverhältnismässig hohe Investitionen in unser Netz bedingen und die dafür nötigen Bauarbeiten über Jahre andauern.»

Weitere Infos: www.ewz.ch

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Leserkommentare

Peter Walser - Dieser Bericht erklärt die Stromverteilung in der Stadt Zürich sehr gut.
Die Stromversorgung hat zur Wasserversorgung sehr viele Analogien.
Z.B.
Spannung (Stromtransport) - Wasserdruck (Wassertranport)
Stromfluss - Volumenstrom
Widerstand - Druckverlust
etc.

Vor 3 Jahren 4 Monaten  · 
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