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Reportage

Rüya Kristina Bora litt jahrelang unter Trichotillomanie – dem Zwang, sich die Haare auszureissen. Bild: GH

Wenn der Kopf plötzlich immer kahler wird

Von: Ginger Hebel

27. November 2018

Rüya Kristina Bora mag ihre Haare und spielt gerne mit ihnen. Doch dann begann sie damit, sie sich auszureissen. Zwanghaft. Jahrelang verheimlichte sie es. Jetzt ist sie bereit, darüber zu reden.

Rüya Kristina Bora mochte ihre langen Haare schon immer. Sie liebt es, die dunklen seidenen Strähnen durch ihre Finger zu ziehen und die Struktur der Haare zu spüren. «Ich empfinde dieses Gefühl als sehr schön, und es beruhigt.» Doch das Spiel mit den Haaren wurde plötzlich ernst. Sie begann, sich die Haare auszureissen – eins nach dem anderen. «Ich kann mich gar nicht mehr an den Moment erinnern, als ich mir das erste Haar ausriss. Ich weiss nur, dass der Scheitel immer breiter wurde und man den weissen Kopfboden sah.»

In der Schule gemobbt

Die Sache mit dem Haareausreissen begann in der Teenager-Phase. Sie hatte Mühe, sich in der Klasse einzufinden, wurde gemobbt. «Ich habe ein Ventil gebraucht, um in dieser schwierigen Zeit Druck abzubauen», erzählt sie. Wenn sie sich die Haare ausriss, fühlte sie sich besser, freier. Es dauerte Jahre, bis sie merkte, dass das, was sie tut, zwanghaft ist. «Ich konnte nicht mehr aufhören damit.» Reden wollte sie mit niemandem darüber, auch nicht mit ihrer feinfühligen Mutter, die merkte, dass mit ihrem Kind etwas nicht stimmt. «Ich schämte mich.»

Rüya Bora leidet an Trichotillomanie. Experten sprechen von einer Zwangsspektrumsstörung, weil das Gefühl beim Haarereissen als angenehm empfunden wird. Einige Betroffene essen das Haar sogar. In England starb erst kürzlich ein 16-jähriges Mädchen am Rapunzelsyndrom. Die Ärzte fanden ein Haarknäuel in ihrem Magen. Weil Haare vom menschlichen Körper nicht verdaut und wieder ausgeschieden werden können, führen sie oft zu einem Darmverschluss, der tödlich enden kann.

Rüya Bora tat lange Zeit alles, um die kahlen Stellen auf ihrem Kopf zu kaschieren. Sie fixierte ihre Haare mit viel Gel. Die Vertuschungsstrategie funktionierte. Nach der Schule arbeitete sie in einem Büro. Während sie am Computer sass, spielte sie mit der einen Hand immer mit ihren Haaren. Abends lag ein ganzes Büschel auf dem Boden. Aktuell hat die 31-Jährige ihren Zwang unter Kontrolle. Seit einigen Monaten hat sie sich kein einziges Haar mehr bewusst ausgerissen. Nach etlichen Therapien besuchte sie diesen Frühling eine Konferenz in San Francisco, die sich als Schlüsselerlebnis entpuppte. Trichotillomanie-Betroffene aus der ganzen Welt trafen sich zum Austausch. «Ich merkte, dass ich keine Aussenseiterin bin.» Sie wurde auf ein Armband aufmerksam, welches Signale ausstösst, sobald sich ihre Hände dem Kopf nähern. Sie hat ihren Bürojob gekündigt und gibt jetzt in Zürich Ballettunterricht für Kinder. Die Bewegung tue ihr gut.

Ihre Haare trägt sie am liebsten offen. Ein Haarteil kaschiert momentan die kahlen Stellen am Oberkopf. Die Haare darunter wachsen langsam nach. Sie zeigt Fotos aus ihren schlimmsten Zeiten. Beim Anblick schüttelt sie den Kopf. «Es tut mir weh, wenn ich diese Bilder sehe.» Rüya Bora wagt den Schritt in die Öffentlichkeit. «Ich will mich nicht mehr länger verstecken, sondern zu mir stehen.» Ihr Freund und ihre Familie unterstützen sie dabei.

Neuerdings betreibt sie eine eigene Website sowie einen Youtube-Kanal mit Erklärvideos und Tipps, wie man vom Haarereissen loskommt. «Wichtig ist, dass die Finger eine Beschäftigung haben. Fidget-Spiele aller Art sind zum Beispiel eine gute Sache.» Im Zürcher Selbsthilfecenter hat gerade eine neue Gruppe für Impulsstörungen wie Haareausreissen, Skinpicking und Nägelkauen gestartet. Rüya Bora wird gelegentlich bei den Treffen dabei sein. «Ich will anderen Mut machen.»

Weitere Informationen:

Selbsthilfecenter Zürich Jupiterstrasse 42
Tel. 043 288 88 88

www.tricks4trich.com

 

 

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